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ward nach der Copulation gesungen: " N u n d a n k e t a l l e G o t t ! "

Nach diesem Gesang betete alles vor dem Altare. Die Braut hatte, wie es sonst wohl etwas ungewöhnliches ist, keine einzige Träne geweint. – Nach dem Gebet traten die beiden Töchter der Dorfältesten hinzu, und wünschten Gretchen alles aus dem zweiten Capitel. – Die edle Einfalt dieser Wünschenden war rührend, so wie es alles Edeleinfältige ist. Gretchen und die Mädchen waren Jahreskinder, Milchschwestern, zusammen in die Kinderlehre gegangen und zusammen confirmirt, oder, wie es in Preussen heisst: e i n g e s e g n e t . Gretchen wünschte, dass sie auch bald gelegenheit haben möge, ihnen beiden so Glück zu wünschen. – Die Mädchen hatten Tränen in den Augen, und man sah es ihnen an, dass es Tränen der Liebe waren. Gretchen küsste sie beide, und nun gingen sie zum grösseren Haufen zurück, der in der Entferung geblieben war.

Es ging alles wieder paarweise so, wie es gekommen war. An Minens grab streute Gretchen die von mir erhaltenen Blumen hin. – Sie warf sich nieder (schwerlich hätte sie diess tun können, wenn sie in hochzeitlichem Schmuck gewesen wäre) und weinte, als ob sie bis hieher ihre Tränen aufgespart hätte. Der schwerfällige Justizrat setzte sichich kniete. – Der Prediger und seine Frau hatten sich umfasst. – Die beiden Dorfältesten standen von ferne. Wir weinten alle. Das neue Paar weinte mit, aus dem dritten Capitel. Es war rührend! Ihr sah man die Worte an: "Ich will dir viel Schmerzen machen, wenn du schwanger wirst, du sollst mit Schmerzen Kinder gebären, und dein Wille soll deinem mann unterworfen sein, und er soll dein Herr sein." Ihm, die folgenden Verse: "Dieweil du hast gehorchet der stimme deines Weibes und gessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: du sollst nicht davon essen; verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Lebenlang. Dornen und Disteln soll er dir tragen und sollst das Kraut auf dem feld essen. Im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brod essen, bis dass du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist: denn du bist Erde und sollst zur Erde werden."

Mir war nur Minchen in Herz und Sinn.

Die ungebetene Versammlung hatte noch das Postludium des Organisten gehört, der sich, weil wir nicht mehr darin waren, mit Manual und Pedal hören lassen. – Jetzt kam der ganze Haufen und blieb stehen. Allen und jeden sah man auf den Gesichtern: D u bist Erde und sollst zur Erde werden.

Genau genommen, lieben Freunde, ist's all' eins, taufen, sterben, heiraten. Mensch, du bist Erde und sollst zur Erde werden! Nach dieser Scene kamen wir in die Widdem. Das neue Paar fiel sich in die arme! – Man sah, wie es sich liebte. Von stunde an liess Gretchen nicht mehr ihren Natanael. Sie nahm mich nicht weiter. Er war der Ihrige. – Pflicht, Freunde! ist sie nicht besser, als Neigung? Sicherer, stärker, wahrlich! Sie überwindet den Tod oft weit leichter als die Liebe; allein auch sie wird von der Pflicht überwunden. Der Justizrat fragte so wenig w e n n ? dass er mich jetzt zu bitten anfing, doch ja zur Heimführung zu bleiben. Da Gretchen fortfuhr, sich ihm ganz zu weihen, gab er in seiner Bitte immer mehr zu. – Zuletzt bat er mich im ganzen Ernst, gar nicht aus Preussen zu gehen. – Haben Sie nicht hier Minens Grab? setzte er hinzu, und konnte keinen grösseren Bewegungsgrund anführen. – Doch warum vorgreifend? Wir setzten uns zu einem Mahl, so natürlich eingerichtet, wie Gretchen gekleidet war. – Wir alle, könnt' ich fast sagen, waren so gekleidet, bis auf den Justizrat, der wie ein sauber geschriebenes Urtel in beweisender Form aussah. – Der Prediger bringt mich auf diesen Ausdruck. Er hatte den Einfall, dass wir alle, wie ein Concept, ein Entwurf aussähen. – Wie die probe, sagt' ich, indem mir das Lautenconcert einfiel. – Der Organist, obleich er kein hochzeitlich Kleid anhatte, blieb zum Mahl; nur die Dorfgeschwornen nicht, obgleich man sie sehr darum ersuchte. Ich erzählte dem Prediger und dem Justizrat, was ich bei dem Glückwunsch der beiden Kranzträgerinnen bemerkt hatte, und bat sie beiderseits, sich der Herzen dieser guten Mädchen anzunehmen. Diess geschah unverzüglich. – Da kam es denn bald zum Vorschein, dass der eine Vater seine Tochter einem kleinen dicken Pachter, und nicht dem raschen M a r t i n , der die Tochter liebte, bestimmt hatte; der andere wollte sie seiner Schwester Sohn, einem weit schönern reichern Burschen, als Caspar war, zuwenden; das Mädchen aber wollte Casparn oder keinen. Dergleichen Wahleigensinn, sollte man ihn wohl unter Leuten dieser Art vermuten? Kunst ist er. Von Anbeginn ist es nicht so gewesen. Adam konnte nicht wählen, und doch hatte' er ein allerliebstes Weib. – Caspar war indessen ein guter Junge, der dem Mädchen mehr zur Hand ging, als der Schwestersohn, der seiner Sache sich gewiss glaubte. Natanael und der Prediger brachten es in kurzer Zeit zum Vergleich.