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still, als wenn wir uns ausruheten. In der Kirche trafen wir eine ungebetene Versammlung, der man es ansah, dass sie mit dieser Eilfertigkeit nicht völlig zufrieden war. Vielen sah man an, dass sie auf die erste Nachricht sich zu putzen angefangen, und in diesem gutgemeinten Bestreben, zu Gretchens Ehrentage etwas beizutragen, gestöret worden. Es war nicht halb, nicht ganz. Die Töchter der Dorfältesten stachen durch grünes Band hervor; indessen waren auch selbst sie nicht fertig. Der goldbesponnene Knopf fehlte ihnen so gut, wie dem Amtmann. Die Töchter der Dorfgeschwornen hielten einen Kranz, den sie Gretchen, eben da sie in die Kirche trat, aufsetzten. Der Organist, der entweder auf ein Präludium nicht denken können, oder der dem Gesang durchs Präludium nicht zu nahe treten wollte, fing bei unserm Eintritt singend und spielend an:

Was Gott tut, das ist wohlgetan.

Es bleibt gerecht sein Wille.

Eben so begann Minens Begräbnissund diese Erinnerung, wie bewegte sie mich! Der Prediger war gerades Weges auf den Altar gegangen. – Wir andern standen rund herum. – Nach den Worten: D a r u m l a s s ' i c h i h n n u r w a l t e n , als ob er sich mit uns unterhalten wollte:

"Hätten Sie sich's wohl vorgestellt, lieber Freund!" so ungefähr war sein Anfang, "dass Sie, was Gott tut, das ist wohlgetan, in unserm lieben L – bei einer Hochzeit singen würden?" Eben wollte ich antworten: nimmermehr, lieber Pastor, da er feierlicher fortfuhr: "Und doch lag dieses: Was Gott tut, das ist wohl getan, in jenem: Was Gott tut, das ist wohl getan."

Der gute Mann hatte sich, das merkte man, vorgesetzt, über Minchens Leichentext: s i e h e i c h komme bald, halt was du hast, dass n i e m a n d d e i n e K r o n e n e h m e , auch seine Hochzeitsrede zu halten, allein es fehlte ihm just so viel Zeit, um seiner Rede die goldbesponnenen Knöpfe anzusetzen. Sonst war sie fertig, in sechs Stunden wäre alles angeheftet gewesen, und wir hätten gesehen, wie dieser Text eben so gut für Minens Tod, als für Gretchens Hochzeit, in der Offenbarung Johannis des dritten Capitels eilften Vers stünde.

So gut es indessen dem Amtmann und den beiden Töchtern der Dorfältesten liess, eben so gut stand es auch dem guten Pastor. Was ihm an gerundeten Perioden abging, ersetzte er durchs Herz, und ich hätte um vieles nicht diese Hochzeitrede mit der grundgelehrten Abhandlung von der Sünde wider den heiligen Geist vertauscht, obgleich diese Abhandlung beseilt und beschliffen war und in zwei gleichlautenden und gleichgebundenen Exemplaren in der Bibliotek des Bräutigams stand. Zehnmal schien es mir so, dass es der Prediger dazu anlegte, mit diesem oder jenem unter uns ein Wort zu wechseln. Es lief indessen allemal so ab, wie mit mir beim Anfange. Zuletzt hatte er sich zu tief in seinen Spruch, ich komme bald, verwikkelt, oder war es väterliche Rührung? Kurz, ohne Uebergang nahm er seine Agende und las:

"Lieben Freunde in dem Herrn!

Gegenwärtige beide Personen wollen sich in den Stand der Ehe begeben" – und so weiter.

Diess Formular, alt und wohlgemeint, war mir darum so rührend, weil ich mich all' Augenblicke befragte: wenn du da so mit Minen stündest?

Der Prediger erzählte uns nach der Trauung, dass bei Hauscopulationen, die in Preussen sehr häufig wären, gemeinhin das Formular verbeten würde, und zwar wegen des Fluchs und Segens des heiligen Ehestandes, der in diesem Formular so ehrlich als nur immer möglich vorgetragen wird.

Ist's Wunder, dass Gott denen den Ehesegen entzieht, deren zu feine Ohren die Ehestandsbeschwerden nicht einmal in der Kirchenagende ertragen können? Leute, denen die Bibel zu herb ist, Gottes Wort was für einen schwachen Kopf und Herz müssen die

"Und Gott der Herr sprach: es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei."

Das ist ein Wort in allem Verstand anwendbar. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. – Selbst im Sterben, würde der Graf wiederholen, ist's nicht gut, dass er allein sei. Selbst auf dem Kirchhofe, würde der Todtengräber hinzufügen.

Der Prediger machte in seiner Rede die Anmerkung, dass die Copulation vor dem betrübten Sündenfall ganz anders gewesen wäre, und manche, setzte er hinzu, die vielleicht den betrübten Sündenfall am deutlichsten an sich tragen, wollen durchaus eine paradiesische Copulation und kein Wort aus dem dritten Capitel des ersten buches Mose, sondern alles hübsch und fein, alles aus dem zweiten Capitel. Wie kann das aber? – Freilich erschrak das aus dem Paradiese getriebene Paar über das dritte Capitel so sehr, dass, da Gott ihnen Kleider von Fellen machte, sie solche in der Verwirrung nicht einmal anzuziehen verstanden: er zog sie ihnen an, heisst es. Die meisten unserer angehenden Eheleute hätten weniger Ursache, diesem Capitel durch eine Hauscopulation und Weglassung der Agende auszuweichen, da sie vom stand der Unschuld keinen Begriff haben.

Meine Leser sind in der Kirche zu L – schon so bekannt, wie ich selbst, und wissen, dass die Kirche nie anders als nach einem Lobgesang geschlossen wird. Wie beim Begräbniss