Der Mensch besteht aus Leib und Seel, äusserlichem und innerlichem Sinn, und bedarf also immer etwas von innen, und etwas von aussen, wenn er zum Ziel kommen soll; ohne einen Schlag ans Herz, etwas ad hominem, bleibt die speculativische Demonstration ein Luftschloss. Fast sollte man glauben, dass die Sinnen, die anfangen, auch vollenden, Allerseits und Amen sagen! Selbst zu Entschlüssen, wenn nichts ans Herz kommt, wie schwer die Geburt! Wen Gott lieb hat, dem gibt er, ausser dem schweren buch, noch ein Handbuch, ausser der Bibel einen Katechismus, ausser den höhern geistigen Gründen, einen mit Fleisch und Bein – ausser tiefer Wissenschaft – Dichtkunst.
So mit unserm Justizrat. Minens geschichte erregte den Entschluss: D u k a n n s t h i n f o r t n i c h t m e h r H a u s h a l t e r s e y n ! Der ReviBei diesen Umständen verdachte der Prediger in Gretchens Hochzeit ward meinetalber zeitiger verwar hier ohnedem nicht zu denken. Er liebte Gretchen unendlich. Anfänglich affectirt er dabei so eine Heiterkeit, dass man gar nicht wusste, wie ihm geworden. Bald darauf ward er unruhig. Er schien nicht aus noch ein zu wissen. Wenn ich mit ihm allein war, fragt' er mich ohn' Ende und Ziel: wenn ich denn gedächte Preussen zu verlassen? Und, ohne mich zu nötigen, auch nur einen Tag länger zu bleiben, war wieder ein W e n n da. Sobald mir über diese Eifersucht, die sich jetzt in eine ungewöhnliche Höflichkeit gegen Gretchen auflösete, nur das erste Licht aufging, dachte' ich auf Mittel, den armen Natanael zu heilen. – Ist's nicht eigen, dass man den Eifersüchtigen allein durch Affectation beruhigen kann? Ich fing an, gegen Gretchen mich zu zwingen, und da sie sich darüber beschwerte, sucht' ich für den Justizrat auf eine so gute Art alles zum Besten zu kehren, dass er von stunde an anders zu werden anfing. Ganz kam er nicht ins Geleise; obgleich er nicht mehr w e n n fragte.
Der Graf konnte so wenig, wie sein an Brudersstatt angenommener Bedienter, auf die Hochzeit kommen. Etwas Sterbendes hielt ihn ab. Gern hätt' ich ihn zu Cana in Galiläa gesehen. – Und der königliche Rat? Auch er nicht. Er hatte einen Revisionsauftrag erhalten. So viel weiss ich, dass er keiner witwe, ausser dem eingebildeten Gewinnst eines silbernen Esslöffels, einen Vorlegelöffel von der Seele revidirt haben wird.
Gretchen hatte von jeher auf ein stilles, kleines Hochzeitmahl bestanden. Ihre Mutter war zu diesen Wünschen eine Mitursache. Wir sind in Trauer, sagte sie zum Justizrat, und sah mich an. Einige der Eingepfarrten indessen mussten geladen werden, und hiezu war der 14te – angeordnet. Den 13ten – des Morgens gingen wir alle zusammen ins nahe Wäldchen, und kamen so heiter zurück, dass wir, Gretchen, Natanael und ich, auf den Gedanken fielen, heute stehenden Fusses den geschürzten Knoten zuzuziehen. Der Prediger hatte Bedenklichkeiten; unfehlbar war er mit der Hochzeitrede noch nicht fertig. Er gab indessen nach, da er unsere vereinigten Wünsche merkte. Gretchen und ich gingen zur Mutter; was konnte die uns beiden abschlagen? Während der Zeit, dass der Prediger sich in seine Reverende setzte, und an seine Traurede dachte, ward nach dem Organisten und ein paar Dorfältesten gesandt, wozu noch ein Verwandter des Justizrats, der schon den 12ten – angelangt war, stiess. Es war ein königlicher Amtmann (Pächter eines Domänenguts). Gretchen fragte den Natanael: ob sie ihren Brautschmuck anlegen sollte? – Den können Sie nie ablegen, erwiderte der galante Bräutigam. Wir baten alle, Gretchen möchte bleiben, wie sie wäre, und diese Bitte machte uns wenig Mühe, weil sie selbst dazu geneigt war. Sie blieb, und die natur selbst hätte sie nicht besser putzen können, als sie's war. Sehet die Lilien auf dem feld! Und Salomo war nicht gekleidet, wie derselben eine! – Wahrlich, Gretchen war eine schöne Feldblume! – Wie schön sie da stand! Natanael konnte' es ohne Puder nicht lassen, sonst konnte' er seiner Galanterie keine Elle mehr zusetzen; er war wie aus einem Putzkästchen gezogen. – Der Amtmann war nicht im stand, sich aus seinem Erstaunen heraus zu finden. Er hatte sein Kleid mit den goldbesponnenen Knöpfen noch nicht herausgepackt, und nun war es zu spät. Der Organist bat um Verzeihung, dass er kein hochzeitliches Kleid anhatte, und während aller dieser Dinge kamen die Begleiter zu Hauf. Gretchen bat mich um Blumen, die ich ihr zitternd brachte; ich hätt' ihr gewiss keine gepflückt, wenn sie's nicht selbst verlangt hätte. Sie nahm diese Blumen mit einem blick entgegen, der mir durchs Herz ging, und steckte sie sich, warm von meiner Hand, an den Busen. Natanael war zu andächtig, um darüber eifersüchtig zu werden, und der Blumen halber zur Frage: wenn? gelegenheit zu nehmen. – Natanael ging mit seiner Braut, ich mit der Predigerin, der Prediger mit dem Amtmann ohne die goldbesponnenen Knöpfe; dann Gretchens beide Brüder, ein paar Primaner, die beiden Dorfältesten machten das letzte Paar. Der Organist war voraus gelaufen, um uns mit einigen seiner Schüler zu bewillkommnen. An Minens grab standen wir einige Minuten