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und der Bericht zur Unterschrift, dass Mine i m H e r r n e n t s c h l a f e n s e y . – Der Revisor behauptete, Mine hätte Gift genommen, da er die unzulänglichen Aktenstücke las. Solch einen trefflichen U e b e r b l i c k hatte er! – Zwar liess er auf die Vorstellung des Natanaels die Obduction, die er anfänglich durchaus veranstalten wollte, nach; indessen konnte Natanael es nicht hindern, dass der Revisor auf zehn Bogen Papier diesen Vorfall auseinander setzte, um denen, die ihn gesandt hatten, zu zeigen, was geschehen wäre, und was nicht geschehen wäre, und was geschehen können, und was geschehen sollen.

Da kam eine witwe, die sich beschwerte, man hätte zu viel Stempelgebühren von ihr genommen. – Akten! schrie der Revisor, und setzte auseinander, was bei dieser Sache versehen wäre. Nun fand er zwar, dass nach der Verordnung mehr Stempelgebühren genommen werden sollen, die auch das arme Weib nachbezahlen musste; allein nebenher setzte er die Fehler ins Licht, welche bei dieser Sache vorgefallen. Akten waren nicht gehörig geheftet, nicht gebührend foliirt, das Rubrum war falsch und hätte auch grösser geschrieben werden müssen. Lateinische Worte, die man schon besser als die deutschen verstand, verdeutschte er, und das mit einer Randweisung: in Zukunft, des gemeinen Mannes wegen, sich so viel als möglich der deutschen Sprache zu bedienen. Wo er Termin fand, setzte er Tagfahrt, wo Concurs, Brodel u.s.w. Die tausend Kleinigkeiten, welche der Revisor zu moniren fand, zeigten eben so, wie der blanke Streusand auf dem Geburtsbriefe, ziemlich deutlich, dass er nicht sehr lange aus dem ABC heraus wäre.

Der witwe wurden alle diese Erinnerungen und Weisungen, wiewohl ohne Stempelpapier, gegen Bezahlung der Copialien zugefertigt, und anstatt, dass sie herausbekommen sollte, musste sie V.R.W. noch das zu wenig genommene Stempelpapier und die Copialien für den Revisionsbescheid zuzahlen. Schwerlich wird sie, mehr klagen! Ich wollte, sagte sie, für meine Tochter, die eben heiratet, zu einem silbernen Speiselöffel aus den Akten heraus haben, und muss in die Akten einen silbernen Vorlegelöffel dazu geben.

Das war fürs Promemoria, dachte' unser guter Natanael. Wen Gott lieb hat, den züchtigt er auf frischer Tat, wie jeder gute Vater seinen Sohn! Wenn ich meine Rüben pflanze, wie angenehm wird es mir sein, gebüsst zu haben! – – und beim vermissten Frühoder Spätregen nicht denken zu dürfen: fürs Promemoria! Wahrlich, Natanael war hiebei auf keinem unrichtigen Wege. Mein Vater pflegte zu sagen: es muss jedem klugen Menschen (und auch der kann ein Sünder sein) eben so angenehm sein zu büssen, als zu sündigen. – Die bittersten Erniedrigungen, in Gegenwart der andern Mitglieder des Collegii und der Subalternen, kränkten den Natanael, das A und O, am meisten. Selten ist ein Unglück allein. Der Director des Justizcollegii starb, aus Furcht unfehlbar. Furcht ist eine Krankheit, welche den grössten teil der Menschen, nach der Liebe, dahinrafft. Es ist die Seelengicht. Unser Revisor hatte einen adlichen Referendarius, Auscultator, was weiss ich, wie solch ein Zögling recht heisst, mit. Man kann sich vorstellen, wie alt dieser gewesen, da er an der Brust des Revisor lag. Nach dem Vorschlage, den der Revisor denen, die ihn gesandt hatten, tat, und der durchaus genehmigt ward, sollte dieser Säugling von unserm Revisor als Interimsdirector eingeführt werden. Natanael hatte wider diesen Director den Spruch " a u s d e m M u n d e d e r j u n g e n K i n d e r " und die Stelle Jesaia drei, der zwölfte Vers: " K i n d e r s i n d T r e i ber meines volkes, und Weiber herrs c h e n ü b e r s i e , " gemissbraucht. Die Folge war g r ü n e G a l l e b e i d e r I n t r o d u c t i o n s r e d e und ausser ihr noch ein Anhang mehr, als Galle. Der Interimsjustizdirector machte den Revisor mit den Benachbarten vom Adel bekannt. – Das war ein Leckerbissen für seinen Stolz, ein Kitzel für seinen Gaumen; der Revisor war nicht von Adel. Jedem seiner adlichen Wirte sagte der Revisor die Spöttereien über das Justizcollegium vor, die er in seiner Einführungsrede angebracht, und zum Schluss, der adliche Wirt mochte lateinisch verstehen oder nicht,

cognovit bos et asinus,

quod puer erat dominus.

Der Justizrat hat ihn aus der Bibel beleidigt; der Revisor schlug ihn aus dem Gesangbuche. Diese Strophe ist aus dem lied: Ein Kind geboren zu Betlehem: Puer natus in Betlehem, und heisst nicht, wie wir singen, das Oechslein und das Eselein, sondern der Ochs und Esel erkannten, dass der Knabe Herr war. Ob nun gleich Natanael nicht wusste, wie er und sein College (aus zwei Räten bestand das Justizcollegium) sich diese beide Prädicate verteilen sollten, so waren doch beide Ehrentitel nicht viel auseinander. Beide Leute hörten ganz laut diesen Zusatz erzählen, obschon der Revisor ihn nur jederzeit ins Ohr gesagt hatte. Wieder ein Genieblick von unserm Revisor. Der Adel nimmt Recht beim Justizcollegio.