– Wer war glücklicher, als Natanael? Dass du es noch immer seist, gutes Paar, ich wünsch' es von Herzen! Gretchen bestand darauf, dass die Verlobung auf Minens grab geschehe. Man bat mich schriftlich um diese erlaubnis, und ich bewilligte sie mit einem Seufzer, der aber bloss Minen zugehörte. Gretchen schrieb: " d a m i t a u c h e i n E n g e l des Herrn dieser Verlobung beiw o h n e ! " Der Graf fand dieses so originell, dass er sehr bedauerte, nicht auch auf diesen Fuss sich verlobt zu haben. Der Prediger schenkte seinem Schwiegersohne zwei Autorexemplare von der Abhandlung, die auf extrafein Papier gedruckt waren, und fragt' ihn, was für Bände in seiner Bibliotek hervorstächen? "Lieblingswerke broschirt ohne Glas und Rahmen, am wenigsten g o l d n e n ; " indessen schien der Prediger zu wünschen, dass er mit diesem Werklein eine Ausnahme von der Regel machen und ihm eine schwarzcorduane Uniform anziehen mögen. – Natanael hätte das Werk auswendig gelernt, so lieb hatte' er Gretchen. Ein schwarzcorduanes Kleid war das wenigste, was er daran wenden konnte.
Nachdem alles von Seiten der Verlobten Ja und von Seiten des Predigers und seiner Hanna Amen war, und man sich, wie doch im Brautstande gewöhnlich, das Herz ausschüttete, erschien auch ein teil von der geheimen Abschiedsgeschichte des Justizrats. Er entschloss sich freilich auf frischer Tat, nicht mehr zu richten, damit er nicht auch gerichtet würde; allein bei alle dem würde wenigstens der Abschied nicht so schnell gesucht und erfolgt sein, wenn nicht noch ein Umstand dazu gekommen wäre.
Der Justizrat fand wegen verschiedener unrichtigen Beschwerden, die man wider das Collegium höheren Orts, das heisst in Königsberg, angebracht, bei seiner Rückkunft einen Revisor, bald hätt' ich Sequester gesagt, das ist, ein Männchen aus einem Collegio, das den königlichen Titel hat, wenn es beisammen ist, ein Männchen, das den Tag seine drei Reichstaler aus dem Seckel der Justiz, aus der Sportelkasse, sich zueignet und jedes einladet, seine Beschwerden über die Ortsobrigkeit anzubringen. Besonders, dass der König von Preussen den Militärpersonen, wenn gleich sie excellent sind (das ist hier zu land der Feldherr vom Generallieutenant an), sein Bild nicht anhängt und ihnen den königlichen Titel verleiht, dagegen im Civildienst oft an einem Ort vier Stück Könige regieren, oder Collegia, die den Namen ihres Königs unnützlich führen. Ein König über den andern. – Ein Revisor ist ein einzelnes Mitglied aus einem dergleichen mit dem königlichen Namen begabten Collegio. Ein Postillon ohne Horn. Solch ein Postillon ist indessen im Collegio zu sehr gewohnt, alle Augenblick ins Horn zu stossen und durch: Wir Friedrich von Gottes Gnaden etc. sich Platz zu machen, als dass er nicht auch ohne diesen Ordensfaden sich einbilden sollte, er sei etwas. Mutwillige Knaben machen mit der Hand das Postorn so nach, dass man glauben sollte, die Post käme. Jeder Mann denkt sich unter einem Richter einen Aeltesten im volk, und es ist nicht zu läugnen, dass es auf zehn Jahre, in oder ausser dem Wege, sehr viel beim Richter ankommt. Von dem Geburtsbrief, vom Taufschein unseres Revisors, war der blanke Streusand noch nicht abgerieben. Er konnte ungefähr dreiundzwanzig Jahre haben und war also sehr zeitig zur Landesregierung gekommen. Dieser Jüngling hatte die juristischen Collegia durchlaufen, wie ungefähr ein Hofmann ein Puderstübchen, damit nur ein feiner Septemberreif kleben bleibe. – So viel war dem Revisor auch kleben geblieben. Stolz, feurig indessen in Gedanken, Geberden, Worten und Werken! Er rühmte sich, einen glücklichen Aktenblick zu haben. Das hiess: Er las die Akten nicht ganz, sondern schweifte nur umher, hüpfte sie nur durch, und doch, sagt' er, find' ich die rechten Stellen, die verba probantia, den physiognomischen Fleck. – Gott erbarm' sich dessen, der sein Wohl und Weh so aufs Spiel setzen muss! Ein Schurk' anderer Art war er obenein, nach der Weise des Ehegerichtsrats, der den Ritter und die Curländerin schied, und Kläger, Richter, Henker in einer person war. Er liess sich so klar und offenbar bestechen, dass kein Mensch es gröber machen konnte, und eben diese Grobheit war Feinheit. Er borgte nämlich von allen Menschen Geld und gab es nicht wieder, oder besser, man fordert' es nicht. Das nenn' ich einen Bock zum Gärtner setzen! Unser juristisches Genie war dem A und O im Collegio wie auf den Leib gebannt. An keinem kleinern, als ihm, wollte der Knabe zum Ritter werden.
Wo gewesen?
Auf königlicher Commission?
Und die Akten?
Beim Prediger in L –.
Als Mitcommissarius?
Nein.
Warum denn?
Damit er der Regierung Bericht erstatte.
Desto besser!
Natanael erzählte dem Postillon ohne Horn sehr gerade den Vorfall und zeigte ihm das Promemoria, das er allein zurückbehalten. Der Revisor bestand darauf, dass er wieder zurück nach L – sollte. Er selbst wollte mit, um diese Sache zu ergründen. Mine kam ihm als die feinste Betrügerin vor. Sterbend hin, sterbend her, sagte der Revisor. An diesem Herodes, an diesem Zaunkönig, hatte es auch noch gefehlt! – Einige dringende Beschwerden derer, die von den Strassen und Zäunen geladen waren, hielten diese Reise auf, und eben da er hin wollte, kam die Nachricht