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Geist, versteht sich. Alle gute Geister loben Gott den Herrn!

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Ich verliess, wie es meinen Lesern nicht unbekannt sein kann, Gretchen eben zu einer Zeit, da sich der Justizrat Natanael zwei Stunden zuvor in dem Widdem (Pastorat) anmelden liess. Meine Leser wissen, dass ich Gretchen bat, ihn zu grüssen, und dass sie dagegen fragte; m i c h ? – Ich küsste Gretchen nicht, da ich von hinnen zog, wohl aber, da ich vom besonderen Grafen kam; wenigstens glaube' ich es so. – Nichts war mehr zu vermuten, als dass sich der Justizrat seiner Anmeldung gemäss einfinden würde. – Auf die Verlobung folgt die Hochzeit, wenn kein Einspruch geschieht, wenn nicht wo der Wagen bricht, oder andere Hindernisse sich in den Weg legen. Natanael kam wohlbehalten in das Wirtshaus in L –, aus welchem er zuvor Kundschafter sandte, ob ich auch wirklich schon abgereist wäre? Und da er J a zurück empfing, kam er mit einer ganz frisch aufgepuderten Perücke, und so stattlich ausgeziert, dass der Prediger sehr um Verzeihung bat, dass er ihn so alltäglich fände. Meine Leser wissen zwar schon, dass er seinen Erlass erhalten, allein diess war ein Wort aus gutem Herzen, das auch oft zur Unzeit fällt. Natanael war jetzt, da er seine Aufwartung in L – machte, auf das alleruntertänigste Gesuch um seinen Erlass noch nicht beschieden und konnte' auch noch nicht beschieden sein. Das erste und letzte Wort des Natanael war M i n e ! Und diess schien die einzige Ursache, warum Gretchen auf alle seine fragen antwortete. Er liess sich das Grab zeigen, und weinte herzlich, wie Petrus, da er seinen Meister verraten hatte Da ihm Gretchen die Stelle in Minens Testament, auf die Erinnerung des Predigers (von selbst tat sie es nicht) zeigte: "Sag ihm, wenn du ihn in dieser Welt sprichst, dass ich ihm von Herzen vergeben habe," weint' er so heftig, dass er die hände brach und sich an die Stirn schlug, ohne seine aufgepuderte Perücke und die stattliche Verzierung zu bedenken, womit er ausgerüstet war. Der Prediger hatte sein ganzes Trostamt nötig, um ihn wieder ins Geleise zu bringen. Mein Gruss, den ihm Gretchen warm bestellte, kostete ihm neue Tränen; allein er tröstete ihn auch. Die Predigerin selbst lief nicht mehr vor ihm. Seine Tränen hatten sie aus dem andern Zimmer herbeigelockt. Natanael konnte nicht aus L – kommen. Jetzt bedauerte er, dass er zwei Stunden vor meiner Abreise sich melden lassen und nach vieren vor derselben gekommen wäre. Diess alles machte den Natanael bei den Frauenzimmern erträglich, ohne dass hiebei auf seine mühsame Dekoration gesehen ward, die der Schmerz, nach seiner Gewohnheit, ziemlich in Unordnung gebracht hatte. Man bat den Natanael sogar, noch länger zu weilen, um von Minen und mir erzählen zu können. Natanael blieb in Mitbetracht des Mondscheins. – Seine Bitte war die erlaubnis, Minens Andenken in L – öfters feiern zu dürfen, die ihm selbst von der Predigerin bewilligt ward. O h n e T h r ä n e n a b e r n i c h t , fügte diese gute Hanna hinzu. Zu befehlen, beschloss Natanael, und fuhr seine Strasse weinerlich. D e r P r e d i g e r , H a n n a und G r e t c h e n begleiteten ihn bisan den Mond, hätt' ich bald geschriebenbis ins Freie. Alle sahen auf Minens Grab, und es kam jedem so vor, als wenn der Mond hier ganz besonders sich hingewandt und es beblitzet. – Was meinst du, Einzelner! es ist doch gut, wenn man Freunde nachlässt, die beim Mondschein nach unserem grab sehen. – Natanael, der, ohne dass Gretchen es empfunden, so oft es die Tränen nachgeben, sein Auge nicht von ihr gelassen, war so erbaut von allen diesen Vorgängen, dass erweg war. Am Heck sang ein Bauernmädchen ein bekanntes Volkslied in gleich bekannter Melodie, indem sie das Heck öffnete:

Der Mond scheint hell,

Der Tod reit't schnell!

Feins Liebchen, graut dir auch?

Das fehlte noch dem Natanael, um von ganzer Seele seinen Abschied zu wünschen und einem Plan nachzuspüren, in den Gretchen mitgehörte. Natanael wiederholte seinen Besuch, ohne sich weiter melden zu lassen. Gretchen blieb, wie sie stand und ging. Vater und Mutter bedachten die erneute Perücke des Natanael und sein sonstiges Schnitzwerk, und halfen sich nach. Gretchens Nachlässigkeit machte Natanael noch verliebter. Mine und ich blieben die Hauptmaterien. Natanael kam auch der Ermahnung der Hanna, n i e o h n e T h r ä n e n , nach; indessen wusst' er je länger je mehr es so einzurichten, dass er Gretchen einen begehrenden blick zuwandte, den Gretchen nie auffasste. Sein Funke zündete nicht. Jetzt war die Erlassung gekommen, die keinem in Preussen schwer wird, und wäre Natanael das A und O in Staatssachen gewesen, da er es doch jetzt nur im Justiz-Collegio war. Der König von Preussen hält keinen. – "Wenn der Tod ihn will, muss ich nicht auch wollen?" ist sein königlicher Grundsatz. – Ein König muss sich zu allem gewöhnen lernen, so wie sich alles zu ihm gewöhnt.

Mit einer Freude