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einsam in mich verschlossen, der Welt das Rauhe zugekehrt: da wäre freilich nichts Kluges herausgekommen. In Gesellschaft gefällt das Wundersame; in der Einsamkeit schadet es.

Ich habe schon meinen Lesern meinen Studirplan ad unguem vorgerissen. Ich war darum auf der Akademie, um mich vor Irrtümern protestando zu verwahren. Mein Vater stand keinem Menschen das Recht zu, ohne Rand zu schreiben, und auch, wie er sich uneigentlich auszudrücken pflegte, ohne Rand zu sprechen. Wir sind Menschen, setzte er hinzu. Man muss sich mit keiner Schrift so einverstehen, dass man es dabei lässt: E s s t e h t g e s c h r i e b e n . Was mündlich vorfällt, ist Scheidemünze. Was ist Ihre Meinung, lieber Professor Grossvater? Was? Ist's genug, dass die erste Erziehung negativ sei? oder muss jeder Unterricht cum reservatione reservandorum negativ sein? Ich denke ad Zwei, Ja. Willst du ein collegium charitativum anordnen, willst du causa cognita rechtliches erkenntnis eröffnen? In allen Stükken will ich hören! – denn dazu bin ich und du zum Lesen (Gott helf' dir!) berufen. Würde mein vorgeschlagener Weg gewandelt, wahrlich wir wären selbst im speculativen Fache ein wenig weiter, nicht eben in Rücksicht von Sonne, Mond und Sternen, sondern unserer selbst, der Welt in nuce, in compendio. – Wahrlich das sind wir. Der Mensch hat einen innerlichen Sporn zur Tätigkeit. Er will durchaus, dass die Leute selbst mehr von ihm sagen sollen als an ihm ist. (Obgleich der Philosoph durch sich selbst und nicht durch sein Aeusseres sich vom Haufen unterscheidet, obgleich alle Affektation ein Mangel wahrer Vollkommenheit, ein Mangel menschlicher Vollständigkeit ist.) Woher diess? Der Mensch dringt durchaus zum Positiven. Glaube mir, hohe Schule! Wenn jeder positive Jüngling, nach rühmlichst zurückgelegter akademischen negativen Bahn, weiter ginge, was würde da nicht zum Vorschein kommen? Mehr als in vielen überdachten Beantwortungen gleich überdachter Preisaufgaben! Wie selten ist der Mensch Mensch, wie selten kann, wie selten darf er's sein! O! wenn er's doch immer wäre. – Tausendmal um Vergebung, sagte Herr v. W – und Hermann: Tausendmal untertänigst um Vergebung, wenn von jemanden, wo ein Schnack mit andern Umständen erzählt ward, als Herr v. W – oder der schnackreiche alte Herr ihn zu wissen das Vergnügen hatten. Es hat ehegestern gefroren, sagte Herr v. G –. Tausendmal um Vergebung, fällt Herr v. W – ein, und der alte Herr nimmt sich die erlaubnis, tausendmal untertänigst um Vergebung zu bitten. Warum tausendmal? erwiderte Herr v. G –, ich sag's einmal, und warum um Vergebung? Hat's nicht gefroren, so sagen Ew. Hochwohlgeborcn und Hochedlen: es hat nicht gefroren. Hat es aber gefroren, so haltet beide das Maul! Mit der Vergebung bleibt mir in alle Wege vom leib. – Vergebt eurem Schuldiger, wie Gott euch vergeben soll. So der brave v. G –. Mein Vater würde diesen Auftritt auf philosophische Noten setzen und sich also verlauten lassen: der Mensch fühlt sich berufen zur Tätigkeit, wenn ihm jemand in die Quere kommt, schlägt er aus, mit dem mund nämlich. Beim Einwurf wird er aufgehalten, dieser Renner nach dem Preise, und das ist freilich unangenehm. Daher PardonnezVerzeihung! Weg mit diesem französischen unphilosophischen höflichen Halt! Lasst den Herrn v. G – den altern erzählen, was ihn gut dünkt, lasst jeden seine Meinung sagen. Wer hindert euch dagegen geraden weges und ohne Bückling einzuwenden? Jeder Mensch hat in der Welt gleiche Rechte. Das ist so und das ist nicht also, kann jeder sagen. Auf diese Art würde sich von wahr und nicht wahr alles fein abgezogen der Ueberschuss schon finden, den diese Behauptung vor jener hat und jene vor dieser! – So käme das Positive ohne unser Gebet allmählich zum Vorschein, wenn wir erst recht negativ gewesen. Nach langem Regen die Sonne. Und bliebe dann so manches, aller Mühe unerachtet, unentschieden, mir schon recht. Man wüsste denn doch, woran man mit solchen unzuentscheidenden Dingen wäre, die jetzt so oft ungebührlich auf Wetten ausgesetzt werden, obgleich hier nichts zu wetten ist.

Was meint ihr Herren Gelehrten, wären Universitäten nicht die Plätze, wo dergleichen Streit geführt werden könnte? Es versteht sich nicht über den Umstand, ob es ehegestern gefroren oder nicht? Und über diesen und jenen Schnack, den Herr v. W – anders und Hermann anders gehört haben.

Bei unsern jetzigen Verfassungen sieht man offenbar ein, wie nützlich und selig es sei, gewissen Dingen ein Ansehen beizulegen, sie zu Würden und Ehren zu bringen und sie dabei zu erhalten. Ebenso sieht man auch ein, wie wenig die Sache sich von selbst zur Strenge, zum Ernst berechtige, und was ist zu tun? Man würzt gesundes Essen, man hängt sich einen langen schwarzseidenen oder wollenen Mantel, eine Reverende um die Schultern, man teilt Stock und Degen aus. Der Mensch ist von seiner Unwichtigkeit, sobald er sich ins rechte Licht stellt, vollständig überzeugt, und diess bringt ihn zum Luftigen, obgleich es noch eine zum Streit auszusetzende Frage wäre: ob der Mensch zur Lustigkeit geboren sei? Das Klügste, was ein unwichtiger Mensch anfangen kann, ist lustig sein. Das sehen wir an unsern Alltagseinfälligsten