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vor. Es war ein Kälberbraten aufgetischt, und Gretchens Mutter fing an: Da kommt ja Hans recht zum Verlornensohn-Braten. Das Verlorne fiel ihm sehr auf. Gretchen war zwar freundlich gegen Hansen; allein eben, weil sie freundlich war, fand er Nahrung für seinen Argwohn, und was weiss ich, was er aus ihrer Unfreundlichkeit geschlossen. Nach dem Abendessen ging man in die Luft, und da Gretchen den Fremden in dem Gütchen herumführte und ihn alles Schöne desselben mit auge' und Händen greifen liess, kam es Hansen nicht anders, als eine Schlange vor, die in Gestalt eines Junkers den Herrn Christum auf der Zinne herum führte, und ihm das alles anbot, wenn er niederfallen und ihn anbeten würde. Der Fremde fand alles so allerliebst, dass er mehr als einmal den Wunsch fallen liess, wie ihm diess Gütchen viel besser als der väterliche Meierhof gefiele, der i h m bestimmt war. Nun war Hans bis zur letzten Stufe der Verzweiflung gebracht. Gretchen, die seine Unruhe merkte, wollte sich mit ihm eine Luft machen, und schien den Fremden aufzumuntern. Sie war froh und lächelte, weil sie sah, dass Hans sie so liebte, und Hans tat froh und lachte auf eine recht schreckliche Art. Diess war der letzte Abend, den die Gäste bei Gretchens Eltern zubrachten. Hans hörte unaufhörlich bitten, wenn es ihnen allerseits gefallen, doch bald wieder zu kommen. Auch Gretchen bat. Hansen kam es vor, dass es bloss seinem Nebenbuhler galt. Sah sie ihn nicht an? fragt' er sich. Hans ging voller Verzweiflung von hinnen. Er lachte, da er ging. Den andern Morgen, als er alles zusammen rechnete (bis dahin lag alles ungezählt, unberechnet), was er gesehen und gehört, war sein Entschluss gefasst, wozu Gretchen ihm die Hand bot. Es jammerte sie sein. Sie wollte ihren Vielgetreuen beruhigen, und legte es recht geflissentlich an, mit ihm ins Feld zu gehen. Er, gleich da. Was ist dir aber? fuhr Grete fort. Es wird sich, erwiderte er, im Freien geben, sollte ich denken. – Gretchen wollt' es anfänglich heimlich machen, endlich entschloss sie sich, von ihren Eltern die erlaubnis zu diesem Gange zu erbitten. Diess kleine Opfer, dachte sie, bin ich Hansen wegen des Kummers schuldig, den ich ihm gemacht habe. Mit Hansen? sagte der Vater und lächelte. Die Mutter sagte: S o ? und lächelte dessgleichen. Gretchen hätte zu keiner erwünschtern Stunde diese erlaubnis bitten können. Vater und Mutter hielten in Gegenwart Gretchens einen Rat über sie und das Ende war: Grete sollte Hansen zum ehelichen Gemahl haben. Ja doch, sagte der Vater, ich muss jemand haben, der mir zur Hand geht; allein halt' ich's nicht mehr aus. Ja doch, sagte die Mutter, der es jetzt einfiel, was ihr längst hätte einfallen können, dass sie schon ein Jahr früher geheiratet hätte. Grete stand da, so froh, dass sie ihren Eltern vor Freude nicht danken konnte. Das, dünkt mich, ist der beste Dank, für Erkenntlichkeit nicht zum Dank kommen können. Dieses Gespräch hielt Greten über die Zeit auf, die verabredet war. Hans war schon unruhig. So fand sie ihn. Du wirst schon ruhig werden, dachte sie; hiebei zielte sie auf den Rat, den ihre Eltern gepflogen hatten, allein sie liess sich nichts merken. Anfänglich wollte sie ihr Lustspiel fortsetzen. Hans war ihr aber zu ernstaft. Sie besann sich bald, und zog ein ander Kleid an; das natürlichste, das beste. Ihre Eltern hatten sogar ihr nicht verboten, Hansen zu sagen, was geschehen war, und wär' es ihr verboten gewesen, wie hätte sie sich helfen können? Lieber Hans, fing sie an, und nahm ihn bei der Hand. Ha, dachte' er, Mitleiden! Wie es mit solchem Mitleiden ist, wissen wir alle. Solch Mitleiden ist das empfindlichste, was ich kenne. Nichts tut so weh, als diess. Mitleiden kann zuweilen der Liebe Anfang sein, noch öfter aber ist es das Ende der Liebe und ein schreckliches Ende! Du bist böse, dass ich so spät gekommen, fing Gretchen an. Betrügerin, dachte Hans, ohne mehr zu sagen und zu tun, als sich den Hut tiefer zu setzen. Jetzt waren sie so weit, dass sie von dem väterlichen Gütchen völlig entfernt waren. Nur zwei Stiere, die sich von der Heerde verlaufen hatten, waren ihnen nachgekommen, worüber sich Gretchen wunderte, Hans aber nicht. Eben wollte Gretchen ihrem Hans erzählen, was vorgefallen war, und wozu sich ihre Eltern von freien Stücken entschlossen hätten, als Hans sie fasste, sein Mordmesser zog und ihr zehn Wunden beibrachte. Seine Hand zitterte und bebte nicht, als wie vorhin, wenn er aus ihres Vaters haus ging und Gretchen öffentlich die Hand reichte. Gott! schrie sie, Gott! nimm meinen Geist auf! Sie war über und über mit Blut bedeckt und schwamm in ihrem Blute. Die Stiere brüllten auf eine so schreckliche Art, dass dem Mörder ihrentwegen das erste Grausen ankam. Sie kamen hinzugelaufen, als ob sie diese Tat verhindern wollten, sie liefen davon, als ob ihnen der Anblick zu schwer würde. Nun fragte Hans lächelnd (es war das letztemal, dass er lachte): Wen willst du jetzt lieben