1778_Hippel_037_319.txt

Absichten. Anwerbung, Verlobung und Hochzeit waren so nahe zusammen, dass alles wie Eins war. So sollt' es auch immer sein. Gretchen, so will ich die Tochter des Hauses nennen (ohne Pastors Gretchen in L – im mindesten zu nahe zu treten), hatte das grösste Recht von der Welt, zu erwarten, dass ihre Mutter sie eben so auffordern würde, als es der Vater in Rücksicht ihres Bruders nicht ermangeln lassen. Sie war einundzwanzig; ihre Mutter hatte im zwanzigsten geheiratet. Diese Aufforderung blieb aus. Böse war es hiebei nicht gemeint; die Mütter haben gemeinhin die Rücksichten nicht in diesem Punkte für ihre Töchter, die die Väter für ihre Söhne haben. Gretchen machte diese verfehlte Aufmerksamkeit ihrer sonst lieben Mutter nicht die mindeste sorge. Sie fiel ihr nicht einmal ein. Wann werden denn wir, sagte Hans, ihr Geliebter, es so machen, wie dein Bruder mit seinem Gretchen? Hans war nicht mit seiner Liebe in der Festung; allein völlig im Freien war er auch nicht. Er war nicht bloss auf die Wälle eingeschränkt, sondern konnte Sonntags und Festtags Gretchens Eltern besuchen, Gretchen sehen, ihr verstohlen die Hand drükken, und beim Weggehen ihr geradeswegs die Hand geben; bei welcher gelegenheit ihm aber die Hand so zitterte und bebte, dass er sie kaum hinlangen konnte. War niemand dabei als Gretchen und er, war sie ihm fest in allen Gelenken. Er war ein starker Hans an Leib und Seel. Gedacht mögen die Eltern über Hansens Liebe viel haben; allein gesagt hatte sich Vater und Mutter kein Wort. Unser Paar liebte sich so inbrünstig, als man nur lieben kann, und doch so unschuldig, so rein. – Gretchen hatte ihrem Hans viel von dem schönen Meiergute erzählt, das ihr Bruder mit bekäme, und Hansen, obgleich er kein anderes Eigentum, als eine unbefangene Seele, und ein Paar gesunde hände, besass, wäre es nicht eingefallen, dass das Gütchen, worauf Gretchens Eltern waren, ihm mit Gretchen zufallen würde, wenn Gretchen ihn nicht selbst darauf gebracht hätte. Der Sohn, der sonst das nächste Recht gehabt, war jetzt wohl versorgt. Das liebe Eigentum; es hat mehr Unheil, als diess, angerichtet. Hans machte sich den Kopf so warm mit allerlei Entwürfen, die er, wenn Gott will, auf diesem Gütchen ausführen würde, dass sein Paar gesunde hände am Wert verloren. Gretchen merkte, dass Hans mit etwas umging; indessen wusste sie nicht, was es war. Einst sagte sie ihm: Du hast da etwas im Kopf, und sollst doch nur etwas im Herzen haben. Hans indessen hatte Gretchen bei seinen Entwürfen nicht vergessen. Alles macht' er an ihrer Hand. Ein Stück uncultivirtes Land wollt' er erziehen, und es sollte Gretchenfeld heissen. Dort sollte ein gang angelegt werden, und der sollte Gretchenhall genannt werden. Der arme Hans! Was ihm sein Gütchen, das er nur in Gedanken besass, schon für Gedanken machte! Gretchen hatte ihm so viel von der Anwerbung und Verlobung und Hochzeit ihres Bruders erzählt, dass nichts darüber war; nur einen Umstand hatte sie verschwiegen, dass nämlich ihre Schwägerin einen Bruder hätte. Die Meierei, welche das neue Ehepaar bezogen, lag zwei Meilen von dem Gütchen, das Hans in Gedanken, und sein künftiger Schwiegervater wirklich besass. Nach einiger Zeit kamen das neue Paar und die Seinigen, Gretchens Eltern zu besuchen. Der erste Stoss, den Hans ans Herz erhielt, war die Nachricht, dass Gretchens Schwägerin einen Bruder hätte. Auf diesen Umstand war Hans nicht gefasst. Und warum? fragte er sich selbst, warum hat sie mir das getan, und kein Wort darüber verloren? Sich so in Acht nehmen, wer kann das ohne böses Gewissen? – Hans hatte nicht so ganz unrecht, so zu fragen, allein Grete war unschuldig, wie die Sonne am Himmel. Es blieb nicht bei dieser Unruhe. Hans ward zu den unschuldigen einfachen Gastmählern, welche in dem haus seiner Schwiegereltern angestellt wurden, nicht gebeten. Zwar hätt' er diese Tage für Festtage ansehen und von selbst gehen sollen; allein dieser Entschluss, wenn er gleich zuweilen wollte, konnte nicht aufkommen. Gretchens Bruder, der voll von seinem weib war, und der seinen leiblichen Bruder darüber in den Tod vergessen hätte, besuchte zwar Hansen, seinen alten guten Freund; indessen war es nur so beiläufig. Hans, der einmal ins Auslegen gekommen war, deutete alles zu seinem Nachteil. Das schöne Wetter schien ihm als von Gretchen bestellt, um mit ihrer Schwägerin Bruder spazieren zu gehen, und auch der Regen gehörte auf ihre Rechnung; damit sie ungestörter mit ihm lieben konnte, regnete es. Sieh! dachte' er, auch selbst von der natur will sich die Ungetreue und ihr Liebling nicht einmal stören lassen. In diesen Vorstellungen vergingen einige Tage, die Hansen in der Hölle und Qual nicht hätten wärmer sein können. Nun sehnte er sich nach Gretchen, nicht, um von ihr diese Rätsel lösen zu lassen, sondern ihr Vorwürfe zu machen, und ihr das Gütchen wieder zurückzugeben, das er von ihr erhalten, und eben nun begegnete ihm Gretchens Vater, der ihn bei der Hand nahm und zum Abend einlud. Wo so lang gewesen? fragte der Alte. Hans antwortete nur bloss durch eine Pantomime, indem er den Hut abzog und wieder aufsetzte. Hans ging mit dem Alten, und alles kam ihm verändert