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Pärchen dort Hochzeit machen würde, obgleich ich's ihr ohne Ende und Ziel sagte, sie werden dort weder freien noch freien lassen. Noch kann sie niemand von dem Gedanken abwendig machen; ich wenigstens gebe meine Kunst auf, denn sehen Sie, die Bäume wurden mit Herz und Hand so hingesetzt, mir nichts, dir nichts. Wahrlich ein stark Stück! Dieser Baum da, auf Ehre und Redlichkeit, schlang sich um den andern so herum, dass es nun freilich so aussieht, als wären sie um einander gewunden.

Wie mich diese Zugabe des Todtengräbers gerührt, mag jeder meiner Leser selbst empfinden, der sich diess in einander geschlungene Paar Bäume so lebhaft vorstellen kann, als ich! Da lag ich, und Mine im Geist in meinem Arm! Die Bäumewaren Linden.

Bis hieher hat der Herr geholfen, sagte Samuel, da er einen Stein zum Altar hinlegte, und auch ich; ihr wisst es, ihr heiligen Gräber und ihr Bäume, die ihr mit ihnen so nahe verwandt seid, ihr wisst es, wie ich bei diesem Altar bewegt war, den ich nächst Gott Minen setzte. Der Todtengräber war weg. Ich allein. – Ein heiliger Schauder nach dem andern nahm mich, als wenn diese oder jene abgeschiedene Seele auf und in mich wirkte, und nun, da ich mir selbst zu schwer war, fiel ich auf Gottes Gartenacker, von wo ich beide hände offen gegen Himmel hob, als wenn mir Gott einen sanften, seligen Tod hineinlegen sollte. O wahrlich! ich bettelte darum. Siehe, da fiel ein welkes Blatt auf meine Rechte; diess nahm ich und ging gesegnet in mein Haus. Noch liegt diess Blatt in der Bibel, die mir mein Vater auf den Weg gab. Wie mir diesen Einweihungsabend war, vermag ich nicht auszudrücken. Oft hab' ich ihn wiederholt, den vortrefflichen Abend, ohne dass mich der Todtengräber weiter mit seinem Spiess störte. – So oft wir uns überfielen, berichtigte ich ihm meinen Canon.

Einen schönen Abend, da der Mond die Nacht regierte, ging ich tief andächtig zu meinem Altar, und stehe da, der königliche Rat kam, stellte sich vor ein Grab, sah in den Mond und aufs Grab, wie's mir vorkam, so lange, bis die Tränen ihm nicht mehr erlaubten, in den Mond und aufs Grab zu sehen. Ich glaube nicht, dass er mich bemerkt hat; allein ich habe ihn weinen sehen, weinen, und das beim Mondenschein. O! wie schön die Tränen da aussehen! Er war mir von jeher schätzbar; seit diesem Abend aber war er es mir unendlich mehr. Es kamen und gingen viele Leute dieses Weges, und diess war das einzige, was mir auf diesem Kirchhofe missfiel und meine Andacht unterbrach. Denn wahrlich die wenigsten sahen, wie der königliche Rat, in den Mond und auf ein Grab, bis die Tränen es nicht mehr verstatteten. Die wenigsten wallfahrteten einer Mine wegen an diese heilige Stätte. Ich hab' ihn auch nie mehr an diesem grab weiter gefunden; allein nie bin ich seine Tränenstelle vorbeigegangen, ohne daran zu denken, dass dieser in der Welt so gefasste Mann hier weinte.

Bei dieser gelegenheit freue ich mich, auf den königlichen Rat zu kommen, der, wie alle Obersten im volk, nur des Nachts, nur beim Mondschein, weinen konnte.

Die Abhandlung überlieferte ich sogleich nach meiner Ankunft dem Verleger, ohne, nach der dem guten Prediger gegebenen Verheissung, seinem Bruder hievon einen Strahl leuchten zu lassen. Ich indessen stellte auf meine eigene Hand diess Werk und den königlichen Rat zusammen und überzeugte mich je länger je mehr, dass ihm mit der Zuschrift nicht sonderlich gedient sein würde. Ich erzählte dem königlichen Rat meine geschichte mit aller Treue, und hatte gelegenheit zu bemerken, dass er, auch ohne in den Mond zu sehen, empfinden und teilnehmen konnte. Es war hoch am Tage. – Weinen nur konnte' er ohne den Mond nicht. So lieb, als in meine Stunden, und wären sie auch beim Professor Grossvater gehalten, ging ich in seine kleine Abendgesellschaften, wo ein königlicher Rat, sein College, ein Officier, ein Prediger und ich mit Leib und Seele waren. Selbst, wenn er es nicht länger aussetzen konnte, und er ein Mittagsmahl gab, wo mehr gegessen und getrunken und weniger gesprochen ward, und wo der königliche Rat, sein College, der Officier, der Prediger und ich, nichts mehr taten als vorlegen, selbst da hielten mich manche Anmerkungen schadlos, die der königliche Rat zuweilen zum Besten gab. – Es ist viel, einen Mann von seinem Stand zu finden, der zu Gott, der natur und zu sich selbst zu kommen verstand, wie sein College Nicodemus zu Christo. Der College des königlichen Rats, mein Mitgast, ein Mann von anderm Schrot und Korn, hätte nicht geweint, wenn sich der Mond gleich seinetwegen alle Mühe gegeben. Man nannt' ihn ein juristisches Genie, das heisst, er fing seine Sentenzen nicht mit Alldiew e i l e n , sondern mit Alldiew e i l an; schrieb nicht: Wie Recht ist von Rechtswegen, sondern von Rechtswegen; liess den Buchstaben h bei vielen Worten weg.

Das letztemal, da ich diesen Altar besuchte, liess ich es darauf nicht ankommen, ob ich dem ehemaligen siebenjährigen Bedienten des Grafen v. – und jetzigen wohlbestallten Todtengräber des Rossgärtschen Kirchhofs