Gleichgewicht habenden Leidenschaften, sie mögen übrigens sein, welche sie wollen, angenehm oder unangenehm. – Am Ende sind sie alle unangenehm, glaubt mir!
Diese Predigt, welche meinen Lesern keinen Dreier in den Seckel gekostet hat, diese Wiederholung einer paränetischen Stunde, wie wandte ich sie an? So wie man gemeinhin alle Predigten ohne und mit dem Sekkel anzufangen pflegt. Fast könnte ich sagen, dass ich diess alles angesehen, wie die Henne ihre Ausbrut junger Enten, womit sie die Hausmutter betrogen hat, wenn sie schwimmen. Es ist noch lange nicht alles gesagt in der Welt, was gesagt werden kann, weit weniger ist alles getan. Was tat ich aber? Was konnte ich tun? Da Mine lebte, sah ich sie überall. Ich studirte an ihrer Hand. Jetzt, da sie im Himmel ist, ruhte ihr Geist auf dem meinigen. Ich konnte nicht so glücklich sein, in L –, wo ihre Gebeine ruhten, körperlich mit ihr zusammen zu sein, und eben dadurch, nach der Meinung des Grafen, länger sie zu haben, länger sie zu besitzen. Es war mitin alles im Geist. Wahrlich, unsere Liebe war Geist zu Geist, war himmlisch, war auserwählt. – Ich wallfahrtete, so oft ich konnte, auf alle Kirchhöfe, christliche und unchristliche, und las mir einen aus, wo ich Minens Andenken stiften wollte. Diesen fand ich an einer Kirche, die man die Rossgärtsche nennt.
Der Tod, Freunde, ist natürlich fürchterlich! Der Denker, der sein eigen Licht hat, und der gemeine Geist, der sein Licht von der Sonne borgt, müssen gleicher Weise ihre Zuflucht zur Kunst nehmen, um den Tod sich leidlich vorzustellen, und da kommt es mit auf die Oerter an, wo man uns hinbringt.
Gewölbe, sind das nicht Oerter, wo einem angst und bange wird? Der Moder, der Todtengeruch, womit wir unsere Kirchen verpesten, wie schrecklich zieht er dahin und daher, wenn er eingemauert wird? Bringt den toten in die freie Luft, er ist lebendig. – Schliesst den Gesundesten ein, er verweset.
Meine Kirchhofsidee fand ich auf dem R o ss g ä r t s c h e n Kirchhofe am gründlichsten in ganz Königsberg ausgeführt.
Ein vortrefflicher grüner Platz, mit Bäumen unordentlich besetzt, zuweilen viere nicht weit von einander, und unter ihnen ein Grab, das sie bedecken, zuweilen ganze Stellen als ein Wald, und dann ein Monument, wie verloren, nicht nach Regeln der Kunst, sondern schlechtweg gearbeitet. – Ein lebendiger Zaun unterscheidet einen kleinern Kirchhofsteil vom grösseren. – So vortreffliches Grasgrün auf diesem eingeschlossenen platz, dass man sich das Auge daran stärken kann. Vielleicht wird hier das Taufwasser ausgegossen. Die andere Seite dieser Kirchhofsparentese geht nach dem wasser. Dieser Einschluss, dieser Kirchhof im Kirchhof, dieser Status in Statu nimmt die Gebeine der verstorbenen Herrnhuter an Kindesstatt an, die nach dem sehr präcisen herrnhutischen Kunstworte, das auch dem Grafen v. – eigen war, nicht sterben, sondern heimgehen. Da ich nach meines Vaters Weise bei allen dergleichen Dingen durch die grosse Pforte zu gehen gewohnt war, so blieb ich auch mit meiner Mine auf dem unverzäunten Hauptkirchhofe. O hier ist gut sein! Man kann sich auf diesem Kirchhofe kaum des Gedankens erwehren, dass die Abgeschiedenen hier im Mondenschein sich regen und bewegen, wie meine Mutter sich ausdrücken würde.
Der Todtengräber dieses Sprengels wohnt unweit dem Kirchhofe, sein Hauptfenster geht hinein. Da er mich unfehlbar mit einem gesicht, worauf Tod und Begräbniss deutlich zu lesen war, herumwanken und Stelle und Ort suchen sah, kam er mit einer eisernen Stange zum Vorschein und fragte mich, was mein Begehren sei? Die eiserne Stange diente ihm beim Grabmachen, um zu versuchen, ob auch tief genug, ohne einem frischen Sarge zu nahe zu kommen, gegraben werden konnte. "Ich kann den Kirchhof empfehlen, wenn es was zu begraben gibt, fing er zu mir an. Wie sehr überraschte mich der Todtengräber mit seiner Stange und seiner Frage! Ich erwiderte ihm mit schwerem Herzen, dass ich ein Liebhaber von Kirchhöfen wäre, und eben einen getroffen hätte, der mir sehr gefiel. Sie sind nicht der erste, der diesen Kirchhof schön findet. Der Graf v. – besuchte ihn, so oft er nach Königsberg kam. Ich bin bei ihm einige Jahre im Dienst gewesen, setzte er hinzu. – So, dachte' ich, bist du ein wirklich ausgelernter zünftiger Todtengräber, bei solch einem Meister!"
Nach diesen Umständen fand ich es nicht länger schwierig, diesen ausgelernten Todtengräber in mein Herz tiefer hineinsehen zu lassen. Ich habe, sagte ich, eine Schwester verloren, die ich sehr liebte, und an die ich gern hier auf diesem Kirchhofe denken will. Ich gehe darauf aus, mir einzubilden, dass sie hier begraben sei, um mich mit dem Andenken an sie desto fester zu binden, das dauern soll, bis dass auch ich begraben werde. Sterbe ich in Königsberg, versteht sich, ist hier mein Grab. Der Todtengräber, dem mit dergleichen idealischen Gräbern, bei denen er seine Stange nicht brauchen konnte, nicht im mindesten gedient war, widerriet mir, obgleich er einige Jahre beim Grafen v. – gedient, diese Imaginationen, die keinem Menschen was einbrächten, wohl aber dem, der sich mit ihnen in Vertraulichkeit einlässt, an Leib und Seele schaden könnten. Ich glaubte zu