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läge, wenn man was liebes verloren, sich sogleich mit was Liebem zu verehelichen. Einer witwe, einem Wittwer, ist vielleicht die zweite Ehe in den ersten sechs Wochen noch am ersten zu vergeben. Gretchens Mutter wollte, das sah man deutlich, dass Gretchen meine Mine würde. Gretchen selbst verlangte feierlichst von mir, dass ich wenigstens (auf diess w e n i g s t e n s der Ton) noch einmal (auf n o c h e i n m a l wieder) nach L – kommen möchte, ehe ich von hinnen zöge. Des Grabes wegen, setzte sie mit einem Seufzer hinzu, der mir durch die Seele ging. Der Prediger dachte an weiter nichts, als an seine Abhandlung von der Sünde wider den heiligen Geist.

Lieben Leser! Kann ich dafür, dass ich so oft dran denken muss? Die Autorschaft könnte wirklich solch ein Punkt, solch ein schwarzer Fleck sein, auf den man im Leben und im Sterben starr hinsieht, um alles andere weit zu überwinden. – Oft ist sie's wirklich! Gretchen sagte mir gerade heraus, dass sie einen gefährlichen Eindruck befürchtete, den meine Abreise auf ihre unglückliche Mutter machen würde. Sie ist Ihnen gut, setzte sie hinzu (und ward rot, nachdem die Worte weg waren), als wären Sie ihr Sohn.

Wenn sie nur nicht glaubt, sagte Gretchen: es sei eine Linde ausgegangen, wenn Sie abreisen.

Diese Befürchtungen machten eine allmählige Entfernung von ihr vor meiner Abreise notwendig. Vergessen Sie uns alle und Gretchen nichtsagte die Lindenkranke, da ich Abschied von ihr nahm. Gretchen küsst' ich nicht; allein beide hände reichten wir uns. Ein paar Stunden vor meiner Abreise liess sich der Justizrat Natanael anmelden. Wenn ich nicht mehr da wäre, liess er sagen, um meinen Schmerz nicht aufzubringen, nicht zu erneuern. Ich bat Gretchen, ihn zu grüssen. Mich? fragte sie. Sagen Sie ihm, ich wendete mich zum Prediger, dass Mine ihm von Herzen vergeben habe. – Gretchen hat das Testament.

Und so kam ich mit dem künstlich gewindelten mir auf die Seele gebundenen Werklein von der Sünde wider den heiligen Geist nach Königsberg. Mein Gefährte sprang mir um den Hals, da er mich sah, und herzte und küsste mich. Zu haus, fing ich an. Seit ehegestern, erwiderte er, haus ich; ich habe es der Blonden in einem schwachen Stündlein versprochen, weil eben heute ein Lautenconcert, dem Vater zu Ehren, aufgeführt wird. Gestern war die probe. Es ward bei der probe alles durchs Fenster gespielt. Heute bin ich in bester Form gebetenaber du kommst mit, wenn nicht, so soll auch heute die wirkliche Aufführung durchs Fenster geschehen. Aber, fing ich an, ohne aufs Mitkommen ein Wort zu geben, und sah einen Stoss Bücher und Schriften. Beim Scherz muss Ernst sein, beim Zeitvertreib Arbeit; dic, cur hic? Schön, dachte' ich, und v. G. (er hiess Gottard mit dem Vornamen) fuhr fort, da hab' ich mir einige Bücher über Jagdgerechtigkeit und Jagdungerechtigkeit, über fas und nefas in dieser freien Kunst, nicht minder die kunterbunten preussischen Jagdverordnungen geben lassen. Bruder, ein Studium, um den Tod zu haben! Freilich mehr als Jagdterminologie, wodurch man für Fund zeitlebens sicher ist, und noch dazu Fund andern zuwenden kann. Indessen sag mir, du bist doch ein kluger Kerl, wie kommen die regierenden Herren dazu, die Jagden zu Herrlichkeiten und Gestrengigkeiten zu rechnen, und sich darüber solche Rechte anzumassen, als ob ihnen das liebe wild näher wäre, als Schafe, Ochsen allzumal? Da hab' ich schon gedacht, dass sie ihre alleruntertänigst treugehorsamste Sklaven nicht zu genau mit dem Wilde bekannt machen wollen, um sie nicht auf wildgrosse Gedanken zu bringen, aus dem Schafstall ins Freie.

v. G – brachte mich durch einige Betrachtungen, die nicht aus dem Stalle waren, zum Ausruf. Bruder, exclamirt' ich, du entzückst mich; du bist, ohne die Concertprobezeit abzurechnen, die du am Fenster verhört hast, noch nicht vierundzwanzig Stunden zu haus, und sprichst so wahr! Und wenn ich immer zu haus bliebe, fiel er mir jagdeifrig ein, gelt! dann wär' ich Sklave über Sklave. Nicht also, sagt' ich, wenn je die Freiheit noch einst in ihrer edlen einfältigen Gestalt auf Erden erscheinen soll, wenn jeso kann sie jetzt nur aus der Studirstube ausziehen. Der Heerführer Moses war unterrichtet in aller ägyptischen Weisheit.

Da kam eben ein Bote, der mich mit zum Concert einlud. Man hatte mich kommen sehen und hoffte gewiss

Ich war so wenig gestimmt, eine solche Dissonanz anzuhören, dass ich geradezu abschlug. Junker Gottard, dem ein Menschenstimmhammer ohnedem nicht eigen war, und der keine meiner Herzenssaiten in Harmonie ziehen konnte, nahm indessen das Wort, sagte dem Boten: Ich werde ihn mitbringen. Dieser ging, und ich mochte wollen, oder nicht, ich musste. Freilich, sagte Junker Gottard, wirst du heute nur die Hochzeit sehen; die Verlobung ist vorbei, wie du zu sagen pflegest! Wer kommt indess in der Welt immer zur probe?

Herr v. G – hatte nicht die mindeste Neugierde, Geheimnisse zu hetzen oder zu schiessen. Ich reisete, ich kam, ohne dass er was, und wie, und wo