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. Man konnte drüber sprechen. Zum Weiternachdenken war sie nicht eingerichtet. Ein Unterschied, der gewiss weit her ist. Das Schlusswortregister war das Amen dieser Taufhandlung. Der Vater übergab mir dieses sein wohlbestalltes Kindlein so feierlichst, wie man einem Paten nur die Frucht seines Leibes übergeben kann.

Mit der Abhandlung sind wir also fertig. – Noch mehr aber lag mir in L – ob.

Meine Schuld drückte mich zu Boden. Der Prediger in L – war nicht in der besten Vermögensverfassung. Er hatte (diess und jenes erfuhr ich von ungefähr) verschiedene Auslagen bei Minens Begräbniss gehabt: Glocken, Erde, Träger und dessgleichen. Dem Organisten musst' ich auch eine gesegnete Mahlzeit wünschen; denn, wenn gleich eine Krähe der andern nicht die Augen aushackt, so hat doch unser Glaubensvater, Dr. Luter, in der vierten Bitte das Holz ausgelassen, welches nicht geschehen wäre, falls Dr. Luter Organist in L – gewesen, und wenn gleich der gute Organist schon den Abend beim Prediger sich's wohlschmecken liess, so kostet es doch viel und mancherlei, einen Sohn auf der Universität zu haben, der künftige Pfingsten predigen und zeigen soll, ob er wüsste, wo er zu haus gehöre? Ost hatte' ich schon diess alles überdacht; allein meine Verlegenheit war bis jetzt noch nicht herrschend worden. Das Ende trug die Last. Wie ich stand und ging, trat ich meine Reise nach L – an, und wenn ich auch mehr Zeit gehabt, oder mir mehr Zeit genommen, was hätt' ich mitnehmen können? Eben erwartet' ich mein Ausgeding von haus. Wo Brod in der Wüste? Ohn' einer Bedenklichkeit Rede oder nur Gedanken zu stehen, ging ich hin, brach und las.

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"Weisst du was ανεχου κα` απεχου sagen will? Dein Griechisch hast du nicht vergessen, das weiss ich. – Sollte der Geist dieser Worte von dir gewichen sein? Das wolle Gott nicht! und die deutsche Note nebenher: In der grössten Not! – Ist sie dir entfallen? Prüfe dich, ehe du weiter brichst. Es gibt nicht bloss Geldnot, sondern auch viele von anderer Art, z.B.

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Melchisedechs-Not! ανεχου κα` απεχου in der grössten Not! –"

Ich fand in dem Zimmer meines Amulets, das ich erbrochen hatte, Schaustücke. Ich zählte sie nicht, sondern nahm ihrer drei; zwei für den Prediger, eins für den Organisten. Dem letzten schickt' ich eins hin. Herr Prediger, sagt' ich dem ersten, wegen der gehabten Auslagen. Ich zog den beiden Goldstücken kein weisses Hemd an; denn eben dadurch würde' es ein Geschenk, eine Verehrung geworden sein, und schenken, welch ein grässliches Wort ist es unter Leuten, die empfinden können! Der Prediger kam mir mit einem gleich kalten: Wofür? entgegen, und nach einem kleinen Wortwechsel blieb's dabei, dass ich ihm die baaren Auslagen ersetzen sollte. Als Unterpfand, fuhr ich zwar eben so kalt und ehrlich, allein lange nicht so treffend und anständig fort; ich habe kein ander Geld. – Ich brauche kein Unterpfand, erwiderte der Prediger, und um der Sache ein Ende zu machen, geben Sie die Auslagen, die sich auf 2 Rtlr. betragen, meinem Bruder. Dem, das wusste der Prediger, durft' ich mit einem Schaustück gewiss nicht ankommen.

Dass man doch nicht umsonst sterben kann, sagte der Prediger. Wir sollen nicht sorgen für den andern Morgen; unser arme muss weiter hinaus, und für sein Begräbniss sorgen – – wie der Mann mit dem einen Handschuh.

Der Organist erliess ein grosses Danksagungsschreiben an mich, und bat höflich sich's dagegen aus, die Stellen in seiner Abdankung zu streichen, worin er mir zu nahe gekommen, oder gar zu viel getan. Ich würde kein Geld um alles in der Welt willen nehmen, setzte er mündlich hinzu: allein ein ander Ding Geld, ein ander Ding solch Schauessen. Ass doch David von den Schaubroden, rief er einmal über das andere aus. – Noch drang er mir eine ausgearbeitetere Abdankung auf, die ich aber nicht als Beilage C. ausstatten werde, eben weil sie ausgearbeitet war. Leute, die bloss Mutter natur, und nicht Vater Kunst, haben, müssen werfen, nicht legen, Glück greifen, nicht sortiren.

Freilich hätt' ich bedächtiger mit meinem Amulet zu Werke gehen, und, wie meine Mutter, Ja und Nein in zwei Zettelchen schreiben, und eins von beiden ziehen könnenindessen

Was meint ihr Herren Kunstrichter, wenn ich die übrigen Goldstücke (es waren ihrer zwanzig) unter euch verteilen sollte, wie es wohl Sitte in Deutschland war, und noch ist, wenn der Verfasser sich einen Titel, oder Amt, oder dess etwas, an den Hals schreiben will?

Noch war ich mit meinen letzten Dingen nicht fertig. Ich liess mir die Taxe von den Sachen meiner Mine metodisch extradiren, gab Gretchen eine Abschrift des letzten Willens meines seligen Weibes, weil Gretchen mich darum bat. Grete erhielt diess Andenken auf Minens grab. Wir weinten beide bei dieser gelegenheit. Freunde, wenn alle Contrakte, alle Verabredungen auf Gräbern, an diesem Altar der natur, geschlossen würden, was meint ihr? Ich liebte Gretchen nicht, allein ich liebte ihren Schmerz um Minen, und fand, dass es tief in unserer natur