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, wenn abersehet zu, liebe Eltern, dass sie einem ehrlichen Kerl ihre Hand gibt, und nunund nunhier stockt' ichlebt wohl, meine teuern, lieben, gütigen Eltern, lebt wohl! lebt wohl! Hier nahm ich alle ihre hände zusammen und küsste sie und sagte: Gott vergelte euch alles Gute. Dir, liebe Mutter, das Geräucherte unterm Kupferstich. Seid Minchen und Benjamin gut, liebe Eltern, und wenn es sein kann, lasst mich hinter der Kirche an dem grossen schwarzen Kreuze begraben, wo mein liebstes Lager war. Lieber Vater, du weisst den Platz so gut wie ich. M i n c h e n wird, das weiss ich, sich gern auch da begraben lassenwenn anders ihr Mann es zugibt; und auch ihr, meine lieben Eltern, wenn ihr so gütig sein wollet, ruhet zusammen mit mir bis an den Morgen des jüngsten Tages. – Dann gehe ich mit Minchen, wie ein Bräutigam mit seiner Braut, aus der Schlafkammer. Eine lange Brautnacht. – Mein Herz bebt vor dem Worte l a n g e zurück! Gott schenke uns allen eine angenehme Ruhe! – Wir weinten alle. Die Tränen meiner Mutter flossen sanft, so sanft als ein warmer Mairegen. Mein Vater war heftig. Stirb, sagte er, im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat! und meine Mutter: Amen! und ich: Gott mit euch in alle Ewigkeit! und wir alle drei zusammen: Amen! Amen!

Nach einer kleinen Weile fragte mich mein Vater, ob ich noch Minchen, oder Benjamin, oder beide zusammen sehen wollte? – Minchen? sagt' ich heiter, Minchen? NeinMinchen nicht, lieber Vater, sie würde sich zu sehr grämen, wenn sie ihren Gemahl Alexander sterben sehen sollte. Sie hat mich bloss als Ueberwinder gesehen. Benjamin? auch nicht, er würde's ihr vorwimmern, was er gesehen, gehört und empfunden hat; Benjamin ist ein guter Junge, nicht wahr, lieber Vater? Er muss Alexander werden! Lange Dieses alles brachte mich auf ein Codicill. Ich änMein Feierabend bricht heran, willst du nicht, sagt' her tut wanken, bis ihm die F l a m m ' g e b r i c h t , alsdann fein sanft und stille lass, Herr, mich schlafen ein!

Meine Mutter setzte hinzu: N a c h s e i n e m Rat und Willen, wann kommt dein Stündelein!

Mein Vater wurde von dieser letzten Oelung unterrichtet, ohne dass man dabei des Eierheiligen dachte, und seine Seele war gerührt. Es fielen grosse Tropfen.

Noch nicht, sagte meine Mutter zu mir, dein Auge ist noch zu hell. Dies soll das Letzte sein, damit du die letzten Worte noch im Himmel singen kannst.

Mein Vater ermannte sich nach einer Weile, um mich mit der Stadt Gottes bekannt zu machen. Er hatte einen andern Himmel für ein Kind, einen andern für meine Jahre. Wir sprachen viel. Ich fragte ihn so, als ob er schon dagewesen, und er antwortete mir so. Ich will nur etwas anführen:

Seine Meinung war, dass die Verwandlung eben so gross nicht sein würde. Wir können, sagte er, nichts mehr durch ein Seherohr sehen, was wir nicht schon durch's Auge gesehen haben.

In dieser Welt sehen wir in der Ferne eine Menge Menschen wie Dünste aus der Erde steigen, wie Gesträuchim Himmel kommen wir diesem Menschenklumpen näher, wir kennen sie, wir geben ihnen die Hand; indessen blieb uns wohl auch in der Welt ein Haar auf ihrem haupt verborgen? In der Welt ist alles gezeichnet, dort ist's ausgemalt. Was wir hier im Kleinen sahen, geht uns dort im Grossen auf. Was ist in der Welt für eine Wissenschaft, die nicht schon in unserer Seele läge? Nur Licht hereingebracht und alles ist aufgedecktder gemeinste Mensch begreift alles, noch mehr, er weiss alles, was du ihm sagest. Gib ihm den ersten Buchstaben, er gibt dir den zweiten. Wir l e r n e n nichts, was eigentliche Wissenschaft, bleibende Kenntniss, himmlische Wahrheit ist. Die Seele ist ein gestimmtes Instrument, das nur gespielt werden darf; und wenn du die Kunstwörter von der Sache abnimmst, diese Rüstung, die einem kleinen Körper das Ansehen eines Riesen gibt, find'st du nichts Unerwartetes. Wenn du die Tressen vom Kleide absonderst, ist's dem gemeinsten Mann, als hätte er sein eigen Kleid an. Quantum est in rebus inane! Die Gelehrten bemühen sich weislich, dieses ihr Kunststück nicht zu verraten, weil sie damit auf die Märkte ziehen, und grosse bunte Zettel drucken lassen, um sich für Geld zu zeigen.

Ist's denn Wunder, wenn der Gelehrte dem Ungelehrten in der andern Welt nichts nachgeben wird! O ihr Toren, die ihr glauben konntet, ein Gelehrter würde dort schon eine höhere Klasse der himmlischen Glückseligkeit betreten, als ein Bauer. Der letzte wird in Wahrheit nur ein kleines nötig haben, um dem Gelehrtesten gleich zu sein. Der einzige Unterschied zwischen einem Gelehrten und Ungelehrten in der andern Welt wird sein, dass der erstere mehr vergessen muss als der letztere, um himmlisch zu wissen, was er weiss; und was ist schwerer? vergessen, was man nicht halb, nicht