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die Welt aus einem andern Gesichtspunkte, als im Leben.

Lasst mich an Ort und Stelle, lasst mich zurück, wo ich ausging!

Was Johannes sagt, ist jeden Augenblick wahr: Kinder, es ist die letzte Stunde! – Wohl uns allen, wenn wir bereit sind zu stehen vor des Menschen Sohn! wenn wir ihm unter Augen treten und sagen können: Wie du gewandelt hast, haben auch wir gewandelt; so ehrlich, wie du gelehrt hast, haben auch wir gelehrt. Gestern haben wir überwunden, heute lass uns mit dir im Paradiese sein!

Komm, Tod, heute, morgen! Mein Freund ist mein, ich bin sein. Ich habe Luft abzuscheiden und bei ihm zu sein; welches auch besser wäre. Amen, ich komme bald, Amen! Ja komm, Amen! Vater, in deine hände befehl' ich meinen Geist!

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Lieber Graf, bis zum Wiedersehen, hier oder dort!

Von einem mann, wie der Graf, wer kann Abschied nehmen? oder besser, den Abschied mitteilen? Ich nicht.

Der Prediger aus L – kam und war so inniglich froh, mich wieder besser zu finden, dass er bei einem Haar mit dem Grafen wieder freundschaftlich zerfallen wäre. Der gute Prediger! Er hatte für mich, unter dem Namen eines Leidenden aus einer andern Gemeinde, auf der Kanzel gebetet, und eignete den grössten teil meiner Besserung dieser ernstlichen Fürbitte zu. Die ganze Gemeinde, fügte er hinzu, wusste beim ersten Wort, dass Sie der Leidende aus einer andern Gemeinde waren. Der junge Ehemann, sagten sie unter einander, dessen Frau wir jüngst begruben.

Ich bin sonst sehr fürs Abschiednehmen, wovon ich in diesem buch manches Pröbchen gegeben; allein hier, kann ich?

Das ganze Leben des Grafen war eigentlich ein feierliches Abschiednehmen, nicht bestehend in: Leben Sie wohl, Dank für alle erzeigte Güte! – Wünsche so glücklich zu sein, vom Wohlbefinden die besten Nachrichten einzuziehen! Solch elend jämmerlich Zeug hat das Abschiednehmen, so wie das Gesundheitstrinken, bürgerlich gemachtund doch liegt in einem Leben, im andern Sterben. Ich trinke Gesundheit und nehme Abschied.

Wahrlich, ich kann es nicht beschreiben, mit welcher Bewegung ich diesen hochgebornen Todtengräber verliess. Auf meinen wohlehrwürdigen Reisegefährten konnten diese Dinge natürlicherweise keinen so starken Eindruck machen. Der Prediger kannte das Erdreich auf diesem Gottesacker und hatte hier zuweilen selbst die Hand an den Pflug legen müssen. Anfang, Mitte und Ende meines Aufentalts auf dem gräflichen Gute lag auf meiner Seele; allein sanft war mir dieses Joch, leicht diese Last. Hier oder dort! Ich dachte nicht das H i e r . Hier galt bei mir wenig, das D o r t verschlang es bei mir. Nicht hier, dort! bald! dort! dort! wo Mine ist, wo sie ewig sein wird, dort! dort! dort! Ich komme bald, Amen! hiess es beim Schluss der christlichen Rede. Ja komm! Amen!

Der gute Prediger stiess mich mit der Frage an, wie mir die Reden gefallen, von denen er gehört, dass sie gehalten worden? – Herzbrechend, sagt' ich. Dort, lieber Herr Prediger, dort sehen wir uns wieder! Der gute Prediger fasste mich bei der Hand und drückte sie, und sagte mir so sanft: Gretchen lässt Sie grüssen! dass mir ward, ich weiss nicht wie? – Jungen Leuten ist Leben und Sterben wie Wachen und Schlafen; alles an einem Rosenkränzchen. – Auch hier ist gut sein, sagte der Prediger. Nur nicht zum Hüttenbauen, versetzt' ich, wenn man eine Mine verloren hat. Auch die Erde ist des Herrn, fuhr der Prediger fort, so wie es der Himmel ist.

Der Prediger fand viel eigenes in Absicht des Styls in den Reden. Es ist, sagte er, so was Beängstigendes, so was von Todesnot darin. Eben das, sagt' ich, hat mich entzückt bis zur Halle des himmels. Diess in der Rede zu treffen, zu copiren, war unmöglich. – Ich liebe, fuhr der Prediger fort, eine genaue Bindung der Perioden, eine gewisse Baukunst im Vortrage, und so viel Fenster wie möglich in jedem Stock. Zwar halte ich es für keine Sünde wider den heiligen Geist

Da waren wir wieder, wo mich der gute Prediger hin haben wollte. Er wiederholte mir Plan und Ausführung, Geist und Ausdruck, versicherte, alles Eckige in den Perioden, was nicht schon gerundet und abgeschliffen wäre, noch runden und abschleifen zu wollen. Was meinen Sie, fragt' er mich, ob ich das Register lasse? und zur Nutzanwendung noch ein ob? noch die kritische Frage: ob sein Bruder, der königliche Rat, sich nicht über die Zuschrift kreuzen und segnen würde? Ohne Vorrede, sagte der Pastor, lass' ich's nicht. Es ist nicht gut, dass das Buch allein sei. – Die Vorrede, sagte mein Vater, ist der erste Eingang, wo Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung vorkommt, damit der Autor ein geruhiges und stilles Leben führen möge, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit.

Zur Erkenntlichkeit versah mich der Prediger mit einigen Zügen vom Grafenaus seiner Vorratskammer, womit ich meine Leser versehen will. Die letzte Hand

Der Graf rechnete mit seinen Pächtern und Verwaltern jedesmal die Woche vom neunten bis zehnten Sonntag nach Trinitatis