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beiden sein teil. Die wichtigsten Artikel können durchs Leben bewiesen werden. – Ich lebe, sagt Christus, und ihr sollt auch leben.

Ich weiss eure Einwendungen, ihr Weisen der Welt.

Das Christentum, sagt ihr, habe den Mut gehemmt, froh zu leben und froh zu sterben; es lehre, dass nur wenig Auserwählte sein werden. Allein was ist besser, seine Seligkeit schaffen mit Furcht und Zittern, oder wider besser Wissen und Gewissen handeln? Es ist ein Aufwaschen, bringt ihr Leichtsinnige bei; allein seid ihr schon von euerm Gewissen je in Anspruch genommen? Seid ihr schon in der Tinte gewesen? Glaubt ihr denn, dass das Auge, welches seinem nächsten nach Leib und Leben stand, mit einer Träne der Reue abgewaschen werden könne?

Wenn die reine Vernunft lehrt, sich so zu führen,

dass, wenn ein Gott und eine Ewigkeit wäre, wir seine Kinder und die Erben des himmels zu sein das Recht hätten, so lehrt sie uns etwas Uebermenschliches. – Sobald wir zweifeln, Freunde, so bricht die Sinnlichkeit Tür und Tor, schlägt alle Schlösser auf und findet im Zweifel so viel Unterstützung, dass alles über und über geht. Ja, wenn der Mensch fünfzig Jahre alt und des Tages Last und Hitze der Sinnlichkeit getragen hat, dann, Freunde, könnte diese Lehre weniger gefährlich sein.

Und doch ist sie gerade zuwider der lautern Milch

Christi, des Herrn, der ein h e r z l i c h e s Z u t r a u e n von seinen Nachfolgern will. Zweifel, Freunde, ist das Schrecklichste, was man sich denken kann! Wo Zweifel ist, wie kann da Zutrauen sein? Man will sich in den Schatten legen, eh' noch die Bäume ausgeschlagen sind. Man brennt sein Haus aus eitler Baulust ab; man ist nicht kalt, nicht warm; man hinkt auf beiden Seiten. Gelehrte Zweifler, gute Freunde, ihr dringt aufs Tun, und wenn ich euch sage: Ihr könnt, ohne zu wissen, ohne den Glauben, ohne die Lehre Christi nichts tun. Eine Gott ehrende Menschenliebe ist unsere Tugend. Wir leihen dem Herrn, wenn wir den Armen geben. Wir geben nicht mit dem mund, sondern mit dem Herzen, im Geist und in der Wahrheit; wir entäussern uns unser selbst, wenn wir Gutes tun.

Euer ganzes System beruht auf Furcht, die aber nicht die Furcht des Herrn ist. Lebt so, als wenn wirklich ein Gott, wenn wirklich eine Unsterblichkeit wäre. Schön gesagt, aber auch getan? – Liebe, Liebe, Liebe ist die Quelle alles Guten, der Brunnen des Lebens! Die Liebe treibt die Furcht aus.

Niemand hat Gott je gesehen, niemand besitzt eine Demonstration von seiner Existenz; allein braucht's einer Demonstration, dass ihr seid?

Du glaubst, Freund, dass sich die Welt selbst erhalte, dass, wer erhalten könne, auch zu schaffen vermögend sei, dass, wer B zu sagen verstünde, auch A zu sagen im stand sei? Ich weiss, dass ein Haus sich nicht selbst bauen könne, weil es ein Kunststück ist, dass aber die natur täglich, stündlich, augenblicklich baue und niederreisse, bessere und fördere; allein, Lieber, was ist die natur? Lass mich mit deinen Wörterchikanen; die Wahrheit hat, wie die Sonne, ihr eigen Licht.

Vorwitz ist freilich Untugend, allein kindliches Zutrauen und Zudringlichkeit, wie sehr unterschieden!

Ich weiss, was ich glaube, heisst das viel weniger, als: ich weiss?

Guten, lieben Freunde, wenn eure Lehre unter den Haufen käme, was würde da aus der Welt werden? Gott schlägt euch mit W o r t s b l i n d h e i t , sonst müssten wir unsere Kirchen brechen und Gefängnisse daraus machen. – Und doch, lieben Leute, glaubt ihr die Wohlfahrt des ganzen menschlichen Geschlechts durch eure Lehre zu befördern, ihr, durch solche Lehren, die nichts denn Menschengebot sind? Freunde, das lasst dem Christentum über, oder der ganze Plan ist platonisch. Uns sollt' es gleich sein, wie das Reich Gottes käme, wenn es nur käme! Nur eure Fahne scheint es nicht dazu anzulegen, das Verirrte zu sammelndamit eine Heerde und ein Hirte werde. – Doch, warum sollten wir mit euch rechten? Richtet nicht, sagt unser Herr und Meister, und es wird die Zeit kommen, da wir alle werden gerichtet werden. Wohl uns, wenn wir bestehen in der Wahrheit! Als gute Streiter im Reiche der Vorurteile, nicht, die suchten das Ihre, sondern das, was der Wahrheit und Tugend ist; nicht, die über die Menschen herrschen, sondern die sie glücklich machen wollten. Wie oft kann es hier heissen: Grosse Schulden erhalten bei Credit, kleine schwächen ihn. Der Christ will keinen verführen; er gibt jedem die Bibel in die Hand, und da liest sich jeder heraus, was seinem verstand gemäss ist. Es finden sich Sprüche für Gelehrte und Ungelehrte, Reiche und arme. Hier ist harte Kost, hier ist Milch, starker Wein und Labetränke. Die Bibel ist allen allerlei; sie ist für Leben und Tod; sie lehrt uns, Cisternen auszusetzen, um himmlisches wasser aufzufangen. Der Geist der heiligen Schrift ist so kurz, als das Vaterunser. Glaubt, lieben Nichtchristen, im Sterben sieht man Gott, sich und