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sie hin in diesen Seelennöten?

Wohl mir, dass ich ein Christ bin! Wenn ich alles getan habe, was ich zu tun schuldig war und was ich nur tun konnte, bin ich zwar noch immer ein unnützer Knecht, dem noch viel fehlt; allein welch ein Trost für mich im Leben und Sterben, dass Christus lebte und starb! Er hat Gott, dem Schöpfer der Menschen, im Leben und im Sterben den ganzen Wert der Menschheit in hoher person gezeigt; er hat ihn uns dargestellt, und wenn, nach dem äussersten Bestreben, zu werden, wie Jesus Christus auch war, Unvollkommenheiten vorfallen, bitten wir Gott, dass er nicht uns, sondern die Essenz der Menschheit, das Ideal menschlicher Tugenden, anschaue, und in ihm, in diesem grossen Muster, uns sündige Geschöpfe; und dass er uns gnädig sei und barmherzig und von grosser Güte und Treue.

Der Mensch ist göttlichen Herkommens, göttlichen Geschlechts. Aller dieser Verwandtschaft, wie unwürdig sind wir ihr im Fleisch durch die Sünde! Heil uns, dass unsere natur einen Repräsentanten hat, in welchem Gott uns und wir Gott sehen. Christus ist der Erste in der Menschenfamilie, der Chef des menschlichen Geschlechts, der zweite Adam, der uns den Weg wies, eine verlorne Festung einzunehmen und wieder ins Paradies zu kommen, wo keine Schildwache mehr steht. Er ist der Erstgeborne, denn Adam aus dem Paradiese war nicht geboren, sondern aufgehaucht. Ausser diesem Verdienstlichen, welch ein Muster im Tod ist sein Tod? Sein Leben sei mein Leben, sein Tod der meinige. Wer starb so, als dieser Fürst des Lebens? Das M u ss des Weisen ist so wenig trostaltig, dass er sich vielmehr wieder frägt: Warum muss ich? Wenn ich den Schmerz verbeisse, leid' ich nicht, ich stosse zurück, was heraus will. – Und da der Nichtchrist ungewiss ist, ob sein Lebensziel nicht auch sogleich sein ganzes Ziel sei, wie sehr ist er ein Knecht seines ganzen Lebens, ein Knecht von der Stunde des Todes! Alle Pulsschläge schlägt sich der Gedanke auf: nicht etwa diese Nacht, sondern diese Stunde, diesen Augenblick kann man, nicht etwa bloss deine Seele, sondern dich ganz von dir fordern, und was wird sein, das du gesammelt hast? Elender Nachruhm! Du Unsterblichkeitsanalogon des Nichtchristen, du wirst die zitternden Nerven nicht halten und dem Herzen nicht Luft zuwehen.

Zwar auch Christus war von Gott verlassen, allein mit Ehren und Schmuck ward er gekrönt, selbst da er noch am Kreuz hing. Sein göttlicher Tod lösete dem Hauptmann die Zunge zu der Stunde: "Wahrlich, es ist ein frommer Mensch und Gottes Sohn gewesen!" Der Christ, wenn er im bösen Stündlein auf den Gedanken fällt, sein Geistfaden wird mitreissen, wenn der Lebensfaden reisst, Gott sei von seinem Geist gewichen und dieser sein Geist werde verrauchen, so wie sein Fleischteil aufgelöst wird, dann erscheint ein Engel und stärkt ihn. Wenn das was gedichtet wird, keine Möglichkeit in sich entält, ist es Hirngespinnst, je mehr Wahrscheinlichkeit aber, desto vollkommener das Gedicht. Wenn der Nichtchrist uns vorwirft, wir stürben poetischso lass er uns diese heilige Poesie, diesen Schwung. – Trifft dieser Schwung nicht näher, als ein geschliffenes Kunstsystem von Hoffnung? Ist die ganze Hoffnung mehr oder weniger als Dichtkunst?

Der Christ, entzückt in den Himmel, hört unaussprechliche Worte. Wann haben wir nicht unaussprechliche Selbstlaute gehört, wenn uns eine schöne Frühlingsmorgenröte ins Freie einlud und wir einsam der Sonne entgegengingen? Und das Gefühl der Kräfte der zukünftigen Welt, welche Begeisterung im Sterben!

Die Offenbarung ist eine erhöhte Vernunft, die Vernunft in heiliger Poesie, ein Vernunftkörper; sie stellt dar, sie macht anschaulich, es ist ein Höchstes der Vernunft, ein vernünftiges Ideal, und doch eine solche lautere Milch, dass sie ein Kind fassen kann. Wo die Vernunft Zahlen hat, besitzt der Christ lebendiges Wesen. Der Weise denkt, der Christ sieht. Wie sehr weg setzt ihn diese Fassung über alles was in der Welt ist! Er isst Aehren am Sonntage, wenn ihn hungert, und wenn selbst der Hohepriester, auf dessen Brust Licht und Recht strahlen sollte, diesen göttlichen Orden verkennt, und den Pöbel zum k r e u z i g e i h n auffordert und sein Mütchen an ihm kühlt, wenn der Sadducäismus und der Pharisäismus es mit ihm anbinden will, wenn die Welt ihn auspfeift, überwindet er weit. – Christus hat am meisten von Gelehrten gelitten. – Seht die Sünde, wie sie wollte und nicht konnte! Wo ist ihr Sieg? Und wenn der Zweifelkopf der Vernunft, und wenn das eigene Herz schüttelt und spricht lauter N e i n ! Er weiss. – Zwar ehrt er den Namen Gottes unter dem Patent, das die Vernunft vorzeigt, er lässt ihr ein freies Votum, allein er verlangt auch eins. Was weiss die Vernunft von der Zusammennehmung dieses und jenes Lebens, dem ersten und zweiten teil des Menschen, von unsern Schicksalen, vom ersten Menschen? Von der Sprache, dem göttlichen Unterricht bis auf die Kleider zu?

Nicht so, nicht so ist die Vernunft im Leben und im tod. Der Christ weiss, sein Tod sei nur Verwandlung, Verklärung, melior compositio ohne grammatikalische Fehler, ohne Flecken, ohne Runzeln oder dess Etwas. Alles schön gegeben, vortrefflich ausgedrückt. Die zweite Auflage und auch die