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wo dein Stachel? Hölle, wo dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesum Christum! Wer vor Gott wandelt, wer seine Seele und seinen Leib unbefleckt bewahret, nach dem vorgesteckten Ziele läuft, wer heilig lebt, weil Gott heilig ist, der stirbt selig; wer dem Herrn lebt, stirbt ihm auch.

Die ersten Christen versammelten sich, aus Furcht vor den Verfolgern, auf Gräbern zum Gottesdienste; und wie schön klingen Todesglocken dem, der zu sterben versteht. Kein Deist hört gern läuten. Zwar hat der liebe, grundgütige Gott für alle Menschen gesorgt, für Christen sowohl als für Nichtchristen. Die Unchristen und Antichristen sollten, wenn sie gelegenheit haben, sich dem Christentume einzuverleiben und einzuverseelen, die Einladungen nicht verwerfen, sondern sich den Kopf waschen lassen, wodurch das Herz mit rein wird. Was hilft die reine Vernunft, wenn das Herz nicht rein ist? Nur die, s o reines Herzens sind, werden Gott s c h a u e n . Mensch und Christ sterben; allein der Christ ist eigentlich der Lehnsträger, der Gutserbe, der eigentliche Sterbliche; man kann nur von ihm sagen, dass er geboren werde und dass er sterbe. Der Unchrist ist ein Mensch, als wollt' er Mensch sein; der Christ ist alles wirklich, was er ist.

Sankt Paulus spricht zu den Ephesern, im vierten Kapitel, im siebzehnten und achtzehnten Verse: So sage ich nun und zeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr wandelt wie die andern Heiden wandeln, in der Eitelkeit ihres Sinnes, welcher Verstand verfinstert ist, und sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Blindheit ihres Herzens. Der Körper war da, noch ehe Christus kam, das heisst: es fehlte nicht an prächtigen Worten, allein der Geist fehlte; da blies uns Christus an und sprach: Nehmet hin den heiligen Geist! Der Christ ist das geschöpf, das Gott, wenn ich so sagen soll, am sechsten Tage schuf, um die Lehren der Heiden und Juden und alle Schriften, geschrieben von auserwählten Menschen, zu benutzen und den toten Buchstaben zu beleben, und aus einem Gebeinhause eine Himmelswohnstube zu machen. Der Christ hat den Schlüssel zu den fünf ersten Tagen und ist ein Herr des unvernünftigen Viehes, das auf dem Bauche oder auf Vieren geht, oder fliegt oderDer Heiden Tugenden sind, nach dem Ausspruch des heiligen Augustinus, glänzende Sünden, und ihr Tod ist ein Armessünderende, wo immer viel geredet wird. Christus hielt keine Reden, wie Sokrates, da er starb; ihm schrieb kein Plato die Predigt nachder Herr der natur starb natürlich. Alles zusammen, mit sammt dem Testamente, bestand in sieben Worten. Eine schöne Zahl! Lasst uns die Sache beim rechten Ende fassen. Der Mensch mag es machen wie er will, es finden sich Lebensstellen, wo er offenbar zu kurz kommt; er kommt nicht aus und macht einen Concurs, wo G o t t , e r und sein M i t m e n s c h classificirt werden, wo es überall heisst: S o l l h a b e n , h a t n i c h t ; s o l l b e z a h l e n , k a n n n i c h t . Wir können uns zwar vor den Blicken der Welt verbergen; allein der Furcht, verraten und verkauft zu werden, wer kann der auf Flügeln der Morgenröte entfliehen? Und wenn wir der Welt entkommen, sind wir uns selbst entflohen? Der Hauszeuge ist in den Gerichtshöfen verdächtig; allein das Gewissen ist unbestechbar und so erhaben, dass man ihm auch nichts einmal anzubieten wagt. Verschliesse dich wie du willst, das Gewissen begleitet dich; es schläft und schlummert nicht, es geht nicht über Feld, und was das ärgste istes hat ein göttliches Gedächtniss. Das Gewissen ist Gottes Unterrichter, es eröffnet dir in jeder dir selbst gelassenen Stunde, du seist ein ungerechter Haushalter; du hättest mehr tun sollen, weil du mehr tun können; du hättest gesündigt im Himmel und vor ihm und wärest nicht wert der göttlichen natur, nicht wert ein Mensch zu sein. Schäme dich, sagt es dann, und sammelt feurige Kohlen auf dein Haupt. Wohl dem, der diese Kohlen zum Fegefeuer anfacht! Wohl dem, der zu dieser seiner Zeit bedenket, was zu seinem Frieden dient, und dass er in eine Gegend gehe, wo er nicht mehr mit seinem Bruder auf dem Wege ist und wo es angeschrieben steht: D u k a n n s t h i n f o r t n i c h t m e h r H a u s h a l t e r s e y n . Was nun?

Die meisten Handlungen, Freunde, sind darum gut, weil man sie sich viel böser denken kann. So wird das Spiel als eine erlaubte Sache gepriesen, weil es besser als Schmähsucht und Zungentodtschlag ist. Priester und Leviten der Vernunstreligion stehen mit Lebensbalsam, mit Gewissenskühlungen, mit Herzstärkungen aus; allein wenn's zum Sterben geht, hilft kein Seelenkraut und Pflaster, das Wort Gottes allein heilet. – Jeder unrichtige Gedanke, jedes unnütze Wort ist verantwortlich. Wie schrecklich wahr ist diess Gesetz der sich selbst gelassenen Vernunft! Wo fliehet