, ich sah meinen Tod vor Augen, und empfand, wie es einem jungen Menschen von vierzehn Jahren zu Mute ist, wenn er sterben soll.
Freilich hätte mir einfallen können, dass ein Brief vom Doctor Saft und so viel Postgeld nicht im verhältnis wären; doch fiel es meiner Mutter so wenig wie mir ein.
Mein Vater zog mit dem Doctor Saft über mein Leben schriftlich Schach. Mein Vater schrieb ihm seinen Zug, der Doctor den seinen, und die Verwirrung, die mein Vater durch das Wort a u s , welches ein schreckliches Wort ist, und durch die zwei Lichter am hellen Tage, welche zum Worte a u s eben so schrecklich abstechen, erregt hatte, brachten meine Mutter und mich auf den Gedanken, Doctor Saft hätte Schachmatt gesagt. Das Feuer ist ein vernichtendes Element! Noch schaudert mir die Haut, da ich diese Papiere brennen und in Asche, ohne Leben und Bestand und Saft, verwandeln sehe; solch einen Eindruck machte dieses Feuer auf mich. Ich würde meinen Leib um alles nicht verbrennen lassen, und viele meiner Leser, welche bedenken, dass die Verwesung zugleich eine Geburt sei, werden mir beitreten.
Die Art, wie mein Vater anfänglich die Sache betrieb, liess mich vermuten, Doctor Saft hätte unbedachtsam gezogen, und was mich noch freut, ist diess, dass ich dem Doctor Saft nicht fluchte.
Gott verzeihe ihm, sagte ich, und meine Mutter setzte hinzu: aus Barmherzigkeit!
Nachdem wir beide, meine Mutter und ich, aus den abgebrochenen Reden einen andern Schluss zogen, Doctor Saft wäre nämlich vorausgegangen, wünschten wir ihm beide aus gutem Herzen eine glückliche Reise; ich will ihm abbitten, sagte ich, wenn ich ihn im Himmel sehe, dass ich ihn unrecht verdacht habe. Nach vollbrachtem Opfer sah ich eine Träne nach der andern die Wangen meines Vaters herabfliessen und die Papierasche, die sonst verflogen wäre, anleimen.
Es sei nun das weinende Auge meines Vaters, oder das unrichtig vermutete Schachmatt des Doctors, oder sein selbsteigener tödtlicher Hintritt die Ursache, die meine Mutter zum Singen brachte, sie fing an:
Gott eilet mit den Seinen –
und bei der zweiten Strophe fiel mein Vater im zweiten Diskant ein (zum erstenmale hören ihn also meine Leser mitsingen):
Lässt sie nicht lange weinen
In diesem Jammertal.
Wenn ich jetzt die Sache überlege, finde ich, dass ich eigentlich damals nur einen Sterbenden vorstellte; ich starb schön, ich starb poetisch, denn mein Körper hatte sich von den zwei kleinen Würsten erholt. Mein Herz war aber aller der Vorgänge wegen im fünften Akte des Trauerspiels. Ich war bewegt – ich sah alles mit mir sterben; bis auf die Lichtputzerin zu weinte alles (ich weiss nicht, ob es die königliche Frau Mutter oder ein anderes geschöpf war).
Eine Bitte habe ich an Vater und Mutter, fing ich nach einer langen Stille an.
Meine Mutter, die unfehlbar sich vorstellte, dass es wegen des Monumentes in der Speisekammer wäre, fragte leise: "an beide?" Ja, liebe Mutter, und gleich, lieber Vater, sagte ich laut. Sprich, sagten sie beide. Verlasset – hier weinte ich zärtlich – M i n c h e n , des alten Herrn Tochter, nicht. Gut, sagte mein Vater; warum? fiel meine Mutter ein. Weil ich sterbe und mich ihrer in dieser Welt nicht annehmen kann, liebe Mutter. Schade, dass ich es nicht kann! Wie ich Alexander und sie die Tochter des Darius war – denke nicht mehr daran, sagte meine Mutter; wollte Gott, du wärest Joseph und die alte Babbe (Barbara) Potiphars Weib gewesen – hab' ich gefunden, dass sie verdiente, Königin zu sein. Ich habe ihr nie gesagt, dass ich ihretwegen des Amtmanns – – Christoph zwei Finger gelähmt – G o t t s t ä r k e s i e , wenn es dem Christoph nützlich und selig ist. Ich meine seine beiden Finger. Christoph behauptete, Minchen sei verwachsen; das ist sie nicht, sagt selbst, liebe Eltern! Das ist sie nicht! versicherten beide, und ich fügte noch einmal hinzu: das ist sie nicht. Nach meinem tod, fuhr ich fort, entdecke ihr, liebe Mutter, meinen Streit mit Christoph und dass ich ihr gut gewesen bis in den Tod; denn ich möchte gern, dass sie mich nicht vergässe und mir auch gut wäre bis in den Tod. Meinen Benjamin grüsst von mir, auch den Christoph. Die Sonne ging nicht unter während unserm Zorn. Grüsst das ganze Heer! – Nicht wahr, mein Vater, jetzt kann kein anderer als Benjamin im dorf Alexander werden? (Joseph, willst du sagen, sagte meine Mutter, und drückte mir die Hand.)
Alexander, erwiderte ich, will ich sagen. Meine Mutter sah meinen Vater an, mein Vater sah auf die Erde. Benjamin, fuhr ich fort, hat zwar die rechte Hand nicht in seiner Gewalt, allein sonst ist's ein guter Junge. Ehrlich und treu wie der Wiederhall. Das Bein verwächst sich vortrefflich; und fallen gleich die lateinischen Reden weg, im Lettischen ist er Alexander. Minchen, Benjamin und ich waren Castor, Pollux und Helena. Ein Drittel dieses Dreiblatts welkt, Gott segne die Zurückgebliebenen mit dem Tau seiner Gnade. Wenn M i n c h e n heiratet, ich möchte' es nicht gern