zu was sind wir dann nicht aufgelegt? Wir sind geprüft, geläutert und bewährt. Es gibt Tugenden, die nicht anders als in einem niedrigen, schattigen Tal auf dürrem Boden wachsen können; darum d i e Welt, und darum auch die andere. Es kann alles aus uns werden, was Gott will; zwar wissen wir's nicht, wir glauben es nur. Die Vorsicht hat weise, grosse Absichten in diesen Schleier der Ungewissheit gehüllt; allein brauchen wir mehr als Wahrscheinlichkeit? Wir sollen nicht in der Welt die hände in den Schooss legen. Welch eine andere Wendung würde die Welt gewinnen, wenn wir auf einmal wüssten, was wir hoffen? Würden wir noch einen freien Willen behalten, und würden wir nicht nur bloss so fromm und gut sein, als wir jetzt uns gerade halten? Die Christen wissen es gewiss, wie sie sagen, dass sie bleiben werden; allein leben sie wohl so, als wüssten sie mehr davon als wir? So etwas muss das Leben ausweisen. Wenn die Lehrer des volkes selbst Erscheinungsgeschichten, die sich nicht aus den Wochenstuben herschreiben, hören, wie fahren sie in einander, wie erschrecken sie! Ich will den ehrlichen Kerlen unter ihnen keinen Vorwurf machen; wenn sie es aber so gewiss wüssten, als selbst ihre hiesige Existenz, würden sie nicht anders leben, weben und sein? Würde man aus diesem Leben wohl so viel auf den Kanzeln machen? Wer untersteht sich, an heiliger Stätte einem Fürsten, einem Kirchenpatron etwas anderes, als aus dem alten Testament und der vierten Bitte, zu wünschen? arme Leute werden in der Nutzanwendung mit dem Himmel getröstet, überhaupt ist die andere Welt, auch bei unsern herzlich geliebten christlichen Brüdern, bloss Trost, dieses Leben aber – o was ist es nicht alles? Zuweilen kann man sich nicht entbrechen, an die himmlische Freudenkrone zu denken; allein man setzt wohlbedächtig hinzu: nach späten, urspäten Jahren.
hören wir auf, was haben wir zu fürchten? Zwar auch nichts zu hoffen, allein wenigstens doch kein Klagelied. Wo warft du, ehe dir zum Menschen die Vokation ins Haus geschickt ward? Ein nicht Geborner und Gestorbener, sind die weit auseinander? Wie viel Gründe aber zur Wiederkunft! Das Laster allein fürchtet, die Tugend sitzt der Hoffnung im Schoosse.
Das Grab, Freunde, ist eine heilige Werkstätte der natur, ein Formzimmer; Tod und Leben wohnen hier beisammen, wie Mann und Weib; ein Leib sind sie, Eins sind sie, Gott hat sie zusammengefügt, und was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht scheiden. Eine Handvoll Erde ist eine Handvoll Welt. Schaudere nicht vor der Verwesung. Das Weizenkorn fault und wird ein hundertfältiger Halm; alles muss sterben, was zum Licht und Leben herausbrechen soll. Diess Erdenall, dieser Erdenball hat alles, was schön und gut ist, erzeugt und ernährt; er ist das Herz, unter dem jedes gelegen, die Brust, die jedes gesogen. – Die Erde ist des Herrn; fast sollte man glauben, dass es des lieben Gottes Lustschloss, sein Sanssouci sei, so gut ist's auf ihr, oder so gut könnte es auf ihr sein. – Nimm doch diesen Staub in die Hand, vor dem du bebst; es ist Bein von deinem Bein. Aus Erde sind unsere Windeln und unser Leichentuch. Wir werden, was wir waren. Die Goldkörner, die letzten Körperteilchen, das eigentliche Saatgetreide, ist aufgespeichert und wird zu seiner Zeit schon vom lieben Gott wieder ausgestreut werden auf einen schönen Acker. Die natur ist das perpetuum mobile, sie steht nicht still, sie wirkt Leben im tod, Tod im Leben schön durcheinander, dass es eine Lust ist anzusehen, dem, der ein Auge dazu hat. – Der Geist ist in Gott, in dem er lebt, webt und ist. – Das Schlechtere vom Körper, das sich die Würmer so gierig zueignen – Mensch, trauere nicht – es wird nur abgezogen, vom feld in den Garten verpflanzt, wo es so lange verpflanzt und gepflanzt wird, bis –
Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Du, mein Geist, der du dein bewusst bist, du, der du dich selbst anredest, du Funke Gottes in dieser stockfinstern Erde, du Funke, an dem sich jeder das Licht anzündet, das in seinem haus brennt, was warst du, ehe dir dieses Kleid zugeschnitten, ehe es dir umgehangen ward, und was wirst du sein, wenn du dieses Regenkleid, diesen Schlafrock, wenn's köstlich gewesen, ausziehest, oder wenn er, aus Alter unbrauchbar, wie ein zerrissenes Gewand abgeschüttelt wird? Von wannen kommst du? Wohin fährst du? Woher? Wohin? finster vor und hinter dir. – O ihr entkleideten, ihr nackten Geister, die ihr vielleicht diess Selbst-, diess Seelengespräch angehört, redet drein: sagt, wo seid ihr? Wisst ihr, dass ihr seid, dass ihr waret, dass ihr sein werdet, und sein so oder anders in Ewigkeit? Seid ihr es, die in uns wirken, wenn uns ein heiliger Schauer durchblitzt? Nicht von Hautschauer, sondern von Seelenschauer rede ich. Wollt ihr etwa den Geist warnen, wenn ihr der Seele, des Geistes Busenfreunde, winkt, da ihr an seinem Körper anpocht? – Nur herein, ihr guten Geister, herein! Näher – weg seid ihr! Diese Ebbe und