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Mutter seliger geerbt habe, allein kann und nicht ich? Wenn ich nur rechtschaffenes Wollen habe, das Vollbringen, steht es wohl in meinen Kräften? Meine Seele kommt mit einer Bittschrift ein; der Körper, der sich nun einmal, weil er in die Höhe geschossen und grossmächtig ist, auf den Tron geschwungen, schlägt das Gesuch ab. Wenn ich das Supplikat nur recht von Herzensgrund eingerichtet und weder am Formale noch am Materiale was versehen, der Herr König Leib aber dem unerachtet den Kopf schüttelt, was kann das arme Seelchen dafür, was kann es wider Tyrannei? Wenn ich wie ein Engel von der Toleranz spräche und hätte der Liebe nicht, meinen christlichen Bruder gehen und stehen zu lassen, wo und wie er Luft hat, und ihm sein Trostkämmerlein nicht ungestört zu vergönnen, wär' ich nicht ein Mörder von Anfang und würde' ich wohl bestanden sein in der Wahrheit? Ich bin Demokrit, der Christ Heraklit. Könige und Ketzermacher haben beide lange hände, selten ist mit dem Kopf bei beiden zu prahlen. Uebers Grab weg, jenseits des Grabes ins Schwarze (dunkel ist zu wenig) reicht keiner mit einem Finger, auch nicht mit dem Mittelfinger, obgleich er der längste ist.

Unsere Sache ist leben und sterben, was drüber ist, ist vom Uebel, so wie alles, was über Ja, Ja, Nein, Nein ist. Die christliche Religion und unsere Religion hat durch die heilige Schrift ein Herz und eine Seele. Wer läugnet, dass ohne Bibel wir, die wir alle an einen Gott, Schöpfer himmels und der Erden glauben, lange nicht so weit wären als wir jetzt sind, wenn nicht Christi Lehre so mancherlei in der Vernunftmoral aufgeräumt hätte, allein wer? – Doch warum dieser Maulaffe von verfänglicher Frage? Göttlich ist, was von Gott kommt und ewig bleibt, menschlich ist, was so fingerlang als das menschliche Leben ist, eine Blume auf dem feld; wenn der Wind vorüberfährt, ist der Mensch nicht da und seine Stätte kennt man kaum mehr. Worte haben dem Menschengeschlechte einen unersetzlichen Schaden getan; am Ende sind Kriege, wo Blut fliesst, als wär' es schlecht wasser so gut Wortgezänke, als die Dispute der Gelehrten, die sich kein Komma vergeben, wie die Monarchen keine Provinz, und wenn's auch nur der Name davon in ihrem Vongottesgnadentitel wäre. – O sagt mir, Menschen, sagt mir, damit ich einlenke, warum ihr so zittert und zagt, wenn's aus Sterben geht, wenn man nur das Wort Tod ausspricht? Warum ihr im eigentlichen Sinn am Worte Tod sterbet? Ist es das Leben wert, dass ihr darum siebenzig, und wenn's hoch kommt, achtzig Jahre Leid traget? Wahrlich, die meisten Menschen leben nicht, sondern betrauern das Leben. Wenn wir tot sind, leben wir nicht, warum sollten wir also nicht bemüht sein, wenn wir leben, den Tod zu entfernen? Wie braucht ihr das Leben, das euch so köstlich dünkt? Lebt ihr denn wirklich auch, wenn ihr das Trauerkleid abgelegt habt? Die meisten Menschen wachen, damit andere schlafen mögen; ihr lebt für andere, und so kurz und kostbar euer Leben auch ist, so verkauft ihr es doch gern für wenige Gran Gold und Silber, die Erstgeburt für ein schnödes Linsengericht. Warum also die Klage: kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahre? Hättet ihr Oekonomie studirt, ihr Lebensdurchbringer, ihr verlornen Söhne, wahrlich, ihr würdet das Leben nicht zu kurz finden! Tiere werden älter als wir, Bäume, die wir pflanzen, überleben uns und wir sind im stand, uns ein Grabmal aufzurichten, das stumm wie es da ist, zu seiner Zeit mehr von uns anzeigen kann als wir selbst. Wie lange währt es nicht, bis der Eichbaum so dicht wird, dass kein Nahrungssaft mehr durch kann, dass die Feuchtigkeit keine Circulation mehr hat, die Adern zu Knochen werden und die Lebenssäfte austrocknen? Beim Menschen geht's geschwinder, geschwinder werden seine Häute Knorpel, seine Knorpel Knochen, seine Knochen Steine, wahrlich Leichensteine. – Ich läugne nicht, dass aller Menschen Leben nur ein Tag sei. Dieser lebt einen Winter-, jener einen Sommertag, dieser ein Aequinoctium, jener den längsten Tag. Am Ende hat der, so in den Zeitungen steht, als habe er des Moses Lebensschlagbaum aufgemacht und noch zehn Jahre drüber gelebt, und das kleinste Kind einen Tag gelebt. Metusalem, da er starb, kam nicht in die Zeitungen, darum steht er auch in der Bibel. Was wimmerst du, Unvernünftiger? Lebt auch was, das nicht Vernunft hat? Du abbrevirst dein Leben wie Geschwindschreiber und machst es so unleserlich, so ungestaltet, dass du über ein Kleines selbst nicht klug daraus werden kannst. Die natur ist nicht karg gewesen, allein du bist ein Prasser. Wer kann dir das Maul stopfen, wer dich bereichern? Ein grosser Lebensdurchbringer, dass dich Gott mit seiner milden Rechten selbst nicht reich machen kann! Du dienst dem Publikum und vernachlässigst dich selbst; du sinnst Tag und Nacht, um das Geld, das dein Nachbar hat, dir zuzuwenden, es sei durch Handel und Wandel oder Diebstahl, das heisst durch grobes und subtiles Stehlen. Und wenn du Meere durchkreuzt und gute und falsche Wechsel unter die Leute gebracht und endlich alles in deine Scheuern gehäuft hast, was ist deine Sammlung? Leben ist