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. Mensch, weisst du, ob du diese Nacht schlafen, ob du je schlafen, ob du Lust zum Essen haben, fröhlich und guter Dinge sein, Söhne oder Töchter zeugen wirft? Dass du aber sterben wirft, dass dein Leben ein Ziel hat und du davon musst, weisst du gewiss oder kannst es so wissen, als dass zweimal zwei vier ist. Aber selbst der Schnee auf dem haupt erinnert den Greis nicht an den Winter seines Lebens; es ist Hagel und Schlossen, denkt er, so was fällt auch mitten im Sommer; der Himmel lasse nur das Getreide ohne Schaden! Die Menschen denken vielleicht darum nicht an den Tod, weil er das einzige Gewisse ist, und weil er sich von selbst versteht, das andere alles aber mit auf ihrer Sorgfalt beruht. Nicht also, Freund! ein hitziges Fieber, ein plötzlicher Tod kann zwar deine Vorbereitung stören, dein mit Fleiss besäetes Feld in Unordnung bringen, allein auch beim Misswachs bleibt dir Grund und Boden. Du kannst heute sterben, also lern es heute. Ein Seefahrer, der dem Weltmeer entging, findet seinen Tod im Brunnen, aus dem er sich einen Labetrunk schöpfen will. Den Riesen Goliat schleudert der Hirtenknabe David zu Gottes Erdboden; jenen römischen Sieger trifft auf dem Wege zum Capitol ein Dachziegel und er stirbt; Heliogabalus wollte so sterben als er gegessen hatte, es ward ihm ein gewaltsamer Tod prophezeit und er liess sich köstliche Stricke bereiten, goldene Becher zum Gift und einen prächtigen Turm zum Herabsturz; allein siehe, seine Anstalten zum kaiserlichen Ende waren vergebens, sein eigenes Blut war sein Leichentuch und die Tiber sein Grab.

Der Tod hat eine Sanduhr in der Hand, die er verdeckt hält, wir sehen nur die Sense, die er in der andern führt. Wenn wir gefasst sind, warum einen blick auf Sand in unserer Lebensuhr? Es fallen uns Tausend zur Rechten und Zehntausend zur Linken, lasst uns also bereit sein und eine Nachtlampe anzünden, wenn wir schlafen. Wir stehen auf Rechnung, lasst uns also in unserm Wirtschaftsbuche alles unsträflich addiren, subtrahiren, multipliciren und dividiren, damit wenn der Herr kommt, wir Credit und Debet sein haushälterisch vorlegen und auf das Testimonium von ihm Anspruch machen können: E i , d u f r o m m e r u n d g e t r e u e r K n e c h t ! Wer mit Beständigkeit und Geduld in guten Werken trachtet nach dem ewigen Leben, hat vom Herrn selbst sterben gelernt, und bedenkt dass es ein Ende mit ihm habe und er davon müsse, dass das Leben einem Faden gleich sei, der in der Hand des Webers so leicht abgerissen wird. Seht euch um, Lilien knicken, Eichen stürzen. Ein kleiner Wurm sticht die schönste Blume, und manche wird, wie Cäsar, mit dreiundzwanzig Wunden erstochen durch und durch. Ein Nebel fällt uns auf die Brust und unsere Stätte ist nicht mehr. Wir müssen wirken, ehe die Nacht kommt; wir müssen, wie alle Weisen es taten, sterben, ehe wir sterben; wir müssen uns absondern und aus der Welt gehen, um unsere Seele zu retten; wir müssen uns selbst auflösen, ehe wir aufgelöst werden, und so wenig den Körper, Fleisch und Blut aufkommen lassen, dass wir je mehr und mehr geistig werden. Lasst uns, Freunde, beim tod uns nicht verwahrlosen. Wer bemüht sich nicht, sein Kind gesund und unverwahrlost aus Mutterleibe zu ziehen? Wisst, unsere Seele wird geboren, wenn wir sterben. Der Tod ist eine Niederkunft, eine Geburt zum andern Leben, und es ist gut, auch auf diese Geburtsstunde und diese grossen sechs Wochen zum voraus zu denken. Werden wir darum eher sterben, weil wir den Tod in Erwägung nehmen, eher begraben werden, weil wir diese Gewichte, die uns zur Erde ziehen, abschneiden? Willst du den Redlichen, der nach Gott frägt und nach sich selbst, von der Welt entfernen, gib ihm den Rat, sich mit ihr zu verwikkeln. Gibt's eine grössere Aufforderung zum Memento mori-Orden als eben diese? Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wer sich selbst ein Vergnügen entzieht, gewinnt; nur wenn andere es uns entziehen, verlieren wir. Der ist der Glücklichste, der am wenigsten zu verlieren hat. Besitzen wir das, was wir über ein Kleines zurücklassen müssen? Gott gibt alles und behält nichts; seid wie Gott. – Jedweder geht den rechten Weg, der recht tut. Der Christ glaubt an Christum, der göttlich auf Erden gewandelt hat, dergleichen Erscheinungen glaubten auch unsere Väter. Sind nicht noch der Erde die göttlichen Spuren anzusehen von diesem heiligen, göttlichen Menschen? Ueberall Gottes Fussstapfen. Wenn Gott auf Erden kommt, was kann er anders als Mensch sein? Er begibt sich ins Fleisch, in den Menschen. Der Mensch ist das beste Stück Zeug, wovon der Allerhöchste sich ein Kleid machen lassen kann. Diogenes sah einen Knaben mit der Hand wasser schöpfen und warf den Rest seines Mobiliarvermögens, seiner fahrenden Habe und Güter, seine Wasserschale dahin. Wer die Knie aufeinander legt, kann ohne Tisch schreiben. Der Christ glaubt an Christum, wir an Gott, der da ist und der da war und der da sein wird in Zeit und Ewigkeit. Sollte Gott nicht verzeihen, wofür mein Fleisch und Blut, das ich von meinem Vater seligen und meiner