zunehmen, so habt ihr euer Leben. Ein Jubeljahr, ein Hundertjähriger, ist ausserhalb des gemeinen, und am Ende, was ist der ganze jubel? – Weiber, schwächliche Mannspersonen bringen es im Leben am längsten, sie lebten am langsamsten in die Höhe und in die Breite und sterben also auch so langsam wieder ab. – Mässigkeit in Absicht des Leibes, Mässigung in Absicht der Begierden können uns zwar zum ruhigen Leben, zum ungestörten Genuss desselben bringen, ob sie aber das Leben verlängern, ist noch die Frage. Der Mensch hat seine bestimmte Zeit. Wenn es Ausnahmen gibt, so ist die Lebensökonomie – wenigstens nicht immer – Schuld daran. Wär' es durchaus nötig gewesen, dass wir nicht mehr, nicht weniger essen und trinken sollten, hätte die natur eine tür angebracht, die von selbst zugefallen wäre: erreichten denn nur gute Lebensökonomen, oder erreichten nicht gemeinhin auch Verschwender dieses ausgerückte Ziel? Sie scheinen zu Ausschweifern bestimmt zu sein, im Tod und Leben; sie leben, wenn man so sagen soll, auf Tod und Leben, sie empfangen ihr Gutes in diesem Leben. Lasst sie doch, lasst sie doch leben! Ich wette drauf, es sind wenige, die solch ein Leben nehmen für halbes Geld. Die meisten Menschen haben nur Jahre, nicht Leben zurückgelegt; sie reden vom Leben, als von einer Sache, die man vom Hörensagen kennt. Wie viel gehört zum Leben! Man nehme den Zufällen des Lebens ihre Wichtigkeit; wer kann das? Man bedenke, dass nur das Wohlverhalten den Wert des Menschen und seines Seins ausmache. Wer versteht diese Kunst? Und besteht die Glückseligkeit in etwas anderem, als in der Befriedigung der Sinne, aller Neigungen? Beim Lustigen tritt der Nervensaft über seine Ufer, und diese Ueberschwemmung, diese Sündflut richtet Unheil an. Das Leben ist eine Last, und warum sollten wir uns den Rückgrat brechen und darüber froh sein? An der Länge liegt's nicht, an der Würde liegt's. Unsere Brüder aus zweiter Ehe haben von den Juden gelernt, dass langes Leben als Lohn für den kindlichen Gehorsam anzusehen; allein auch sie behaupten, dass Gott mit den Seinen eile. Und so wahr es ist, dass Jünglinge, die das Alter ehren, sich alt zu werden vor Menschen berechtigen, so ist doch diess Menschenrecht nicht auch Gottes Recht. – Dein Wille, Gott, dein Wille geschehe! Das männliche Alter schürzt den Knoten, der Tod löst ihn. Wer Gott gelebt hat und nicht sich selbst, wird auch Gott im tod preisen und den verherrlichen, der das Weizenkorn, wenn es gleich dahingestorben und in Fäulniss übergegangen, zum Aufleben bringen kann; den, der Seelen wegzuhauchen Macht hat, alles, wie er will. Was er will, das geschieht, was er gebeut, das steht da. Sein blick ist Sonne, sein Wort Erdenball. – Sein Wille, und es ist nicht mehr, was es war. Wer sich auf alle Fälle bereitet, ist weise; wer sich einen einzigen Weg erzielt, wird oft durch eine Kleinigkeit so zurückgesetzt, dass er nicht aus noch ein weiss. Richtet sich der Lauf der Welt nach uns, und ist es darum schönes Wetter, weil wir nach Aten fahren wollen, oder weil es im Kalender steht: klarer Himmel, oder weil wir ein Weib nehmen, oder einem Freunde das Geleite geben und eine Ausfahrt machen wollen, um dicht am Flusse ein Gericht Fische zu essen?
Das Denken allein hat wenig Trost in sich; wer es aber versteht, was für Kraft in der Rede liegt, wird auch wissen, sich alles aus dem Sinne zu reden, was ihn niederschlagen kann, und sich selbst Mut zuzureden, wie es unsere in Gott ruhenden Vorväter getan, die den nämlichen ungewissen Weg ohne Wegweiser, ohne Grenzenmal gingen, der vor uns liegt. Der Herr, der Herrscher des Lebens, der ihnen an Ort und Stelle geholfen, wird uns auch an seinen Ort stellen. Der Tor klagt über das, so nicht zu ändern ist, der Weise sucht Bewegungsgründe, es zu tragen. Das Ende liegt immer im Anfang, so wie der Anfang im Ende. Wir werden, das heisst wir hören auf zu sein; wir sind, das heisst wir sterben. Wenn wir gegessen haben, stehen wir auf, und wenn wir gewacht haben, gehen wir, wie alles, was lebt und webt, zur Ruhe. Die Sonne geht auf und unter und der Mensch ihr nach. Sich grämen, dass wir sterben müssen, heisst: sich grämen, dass wir sind. Durch Philosophie, der man durch Ton und Geberde nachzuhelfen verbunden ist, kann man den Tod besiegen. So kann man des Todes Bitterkeit vertreiben, und wenn Not an Mann ist, selbst für Ehre und Vaterland sein Haupt hingeben, wie Johannes sein Haupt zum Schauessen. Eine grässliche Melone auf der Tafel eines Tyrannen! Nicht wer überwindet, sondern wer so viel tut, als er weiss und kann, ist Held. Wohlan denn, lasst uns alle Kräfte zusammenraffen und uns anspannen, um dem tod, dem Fürsten der Finsterniss, stattlichen Widerstand zu tun und das Feld zu behalten. Unser Leben ist ein Quodlibet von Abwechselungen, ein Apriltag, und wenn Toren es gleich für Mangel der Lebensart halten, an den Tod zu denken, so haben doch von jeher kluge Leute Todesbetrachtungen als richtige Proben eines gutgerechneten Lebens angesehen