diese Seelenkrankheit, s o hat sie nicht mehr mich übermannt; allein wie oft hiess es von mir: Siehe, um Trost war mir bange! Wie oft blüheten die Linden für mich! – Ach heute, da ich dieses schreibe, war ich in meiner kammer, hatte die tür nach mir zugeschlossen und mich verborgen, um –
Wenn ich wüsste, dass einer von meinen Lesern über das, was Sitte beim Grafen war, seelenkrank werden könnte, wie bei mir dieser Fall eintrat, obgleich sie nicht sehen, sondern nur lesen, ich würde hier schliessen, ohne ein einziges Wort weiter zu verlieren – nicht wahr, verlieren? Kommen meine respektiven Leser und Leserinnen aber mit einem einsamen Stündchen, mit einem kalten Badestündchen ab – was hat's zu sagen? Wir haben doch alle ein langes, kaltes Bad im grab vor, und wahrlich, das wird eine rechte Nervenstärkung sein! Sieht noch obenein unter meinen Lesern ein Alexander seine Mine, und unter meinen Leserinnen eine Mine ihren Alexander in dieser geschichte im Bilde, trägt er oder sie Leid um seinen, um ihren leiblichen oder geistlichen toten, o dann ist's kein böses, dann ist's ein gutes Stündlein, das ich euch beschert habe. W o h a t t e e r d e n n s o v i e l Z e i t ? fragte ein kluger Mann, da er hörte, dass ein Held im feld an einer Krankheit gestorben wäre. Diese Frage würde bei unserm Grafen, der nichts mehr in der Welt zu versäumen hatte, der im Fegefeuer sich befand, ohne dass ihm, wie den drei Männern im Feuerofen, ein Haar gekrümmet ward, die überflüssigste von allen sein.
Zum Schluss ein paar Reden, die mir der Graf zu Ehren am Sonntage halten liess. Das Evangelium, wie es mir vorkam, war nicht so ganz nach seinem Sinn, es war zu viel Leben darin. Der Graf war wegen seiner Sterbenden zum Hausgottesdienst gewöhnt, und hielt sich wegen einiger lebendigen Evangelien einige Reden, von einem Christen und blossen Gottesverehrer bearbeitet, über seinen Lieblingstext. Das Geläute zu diesen Reden – hier ist's.
Ein Gespräch zwischen dem Grafen und mir. Meine Leser mögen es als eine captationem benevolentiae ansehen.
Alles, was keine Sprache besitzet, was sogar keinen laut vermag, ist tot an sich selbst. Alles, was nicht mit vernehmlichen Tönen von der natur ausgerüstet ist, ringt fast nach gelegenheit, dass ihm die Zunge gelöset werde. Sprache, Ausdruck ist Leben. Die schwerste Schrift wird biegsam, gefälliger, gelenkiger, geschliffener in unserm mund. Die Zunge ist ein klein Stücklein Fleisch, und fast könnte man von ihr sagen, sie wäre das Lustschloss der Seele. – Der Mensch ist der Gott alles Leblosen; wenn er ihm gleich nicht einen lebendigen Odem einhauchen und es beseelen kann, ist's doch fast so, als ob alles spräche, wenn der Mensch ihm zuspricht, als wenn es antwortete, wenn der Mensch es frägt. Die Figur, dass man leblose Dinge anredet, wenn nur die Kunst nicht zu merklich ist, wäre so unnatürlich eben nicht, als sie jetzt auffällt. Es scheint, als mache der Mensch den Versuch, ob es nicht anginge? Gott sprach, und es ward; der Mensch spricht, und es scheint zu werden. Sprich, damit ich dich sehe. In der Sprache liegt die Gewalt, welche der Mensch über alles hat, was lebt, schwebt und ist, der Binde- und Löseschlüssel. Mein Vater pflegte zu sagen: Noch sind jene Töne nicht cultivirt, wodurch wir vielleicht mit allem auf der Erde so umspringen würden, als der Hauptmann von Kapernaum mit seinen Knechten: Komm, geh, tue das! Vielleicht waren diese Töne schon und gingen verloren, wie viel verloren ging.
Mein R e d n e r , fing der Graf an.
R e d n e r ? erwiedert' ich. Nicht anders, sagte der Graf. Beleben die? Sich im Leben angreifen, sich überleben, zu viel leben, ist Tod, überall Tod, fuhr ich fort. Es gibt Redner, die nicht bloss schlechtin beleben, sondern beseelen, begeistern; allein das sind nicht ausgelernte Papageien und Raben, die auch zuweilen zu rechter Zeit oleum et operam perdidi krächzen, sondern Leute mit feurigen Zungen, nachdem ihnen ihr Geist gab auszusprechen. Aus dem Herzen aufs Papier, Schwarz auf Weiss, vom Papier ins Gedächtniss, aus dem Gedächtniss in Hand, Mund und Fuss. – O der ermattenden Umwege! Und wie selten geht's gerade aus dem Herzen aus.
Der Graf fühlte, was ich sagen wollte, obgleich nur ein Funke auf meiner Zunge blinkerte. Feuer war nicht drauf, die Lindenkrankheit hatte gedämpft, gelöscht. Eine Rede, sie sei auch die beste, ist ein Gipsabguss der Gedanken. – Gemeinhin verschlingen hier die sieben mageren Kühe die sieben fetten, wie in Josephs Traum; indessen ist nicht zu läugnen, dass eben dieselbe Sonne, wie ein witziger Schriftsteller sagt, die das Wachs schmilzt, die Erde versteinert; und es gibt Leute, die gern reden, und andere, die auch nur durch Reden gewonnen werden. Leidet aber jeder, dass auf ihn Jagd gemacht, dass auf ihn angelegt w i r d ? Und tut der Redner mehr, als seinen Bogen spannen und auf die Herzen seiner allerseits