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sterben lernen, den Tod studiren. Mensch, bei allem, was du tust, gedenke ans Ende, so wirft du nimmermehr übel tun! das heisst: Mensch, lebe gut, um gut zu sterben! Ich für mein teil (der Graf fiel in einen andern Ton) habe den Tod herzlich lieb, sehr gern sehe' ich sterben. Sterben allein, das ist mein Leben; jeder muss wissen, was ihm Leben ist. Ich habe nichts wider das Leben, wie der Herr Gevatter meint. Da der Prediger sich bloss auf diess Wort bückte, brach der Graf ab und versicherte, der festen Hoffnung zu leben, dass er sanft sterben würde. Du weisst, Bruder, sagte er zum Bedienten, ich hoffe zu sterben, wie der Leineweber. War es nicht, lieber Gott, fragte er zuversichtlich, inbrünstig, war es nicht Todesangst, Todesnot, was ich aus dem Kelche trank, den du, mein Vater, mir gabst? Hab' ich noch diesen ganzen Kelch zu leeren, oder wird meine Zunge, wenn es ans Letzte geht, nur noch die letzten wenigen Tropfen aufziehen? Dein Wille, nicht wie ich will, sondern wie du willst.

Der Graf hätte so ohne ende' und Ziel reden können. Es war Zephyr, den er mir zuwehtewirklicher Zephyr, sanfte Empfindung, womit er mich anfächelte. Es gibt Stunden, wo wir keinen Sturm ertragen können. Der Bruder des Grafen neigte sich, als schien er sagen zu wollen: Ich werde eher sterben, als du, gräflicher Bruder; allein es schien auch gleich darauf, dass er sich bedächte, wie es ihm gebühre zu folgen. Ehre, dem Ehre gebühret. Und Sie (fing der Graf zu mir an), a u s b l ü h e n d e r Jünglingschnell hielt er sich auf, als bedächte er sich bei dem Worte: ausblühenderSie haben auch nach Ihrer Art gelittenvielleicht sind nur noch wenige Tropfen Todesangst übrig. Ich, fuhr er nach einer Weile fort, habe bei der bittersten Arzenei nichts nachgetrunken. Ich auch nicht, erwiderte ich; allein ich muss gestehen, nur blutwenig Arzenei gegessen und getrunken zu haben, setzt' ich hinzu. Bravo! schrie der Graf. Er wollte bemerkt haben, dass Leute, die sanft einschliefen, auch Anlage zum sanften tod hätten, und befragte mich, zum innerlichen Verdruss des Predigers, wie es mit meinem Einschlafen wäre? Bei Leuten, die schnarchen, fuhr er fort, hab' ich bemerkt, dass sie zu ihrer Zeit röcheln, und die unruhig schlafen, sterben gemeinhin auch unruhig, wenn nämlich der unruhige Schlaf keine Folge des vorigen Abends ist.

Wie ich verschlage! – Desto besser, so sehen meine Leser am deutlichsten, wie ich zu dieser Frist gestimmt war.

Der Prediger musste des Sonntags wegen, der vor der tür war und anklopfte, von dannen; jeder hat sein Päckchen. Das Wort: ausblühender Jüngling, so dem Grafen selbst auffiel, war dem Prediger aufs Herz gefallen, der gute, teilnehmende Mann! Sagt selbst, lieben Leser, verdient nicht seine Abhandlung von der Sünde wider den heiligen Geist bloss darum deutlichen Druck, gutes Papier und so weiter? Meine Seelenkrankheit kehrte das Blatt den Abend noch, und kurz, ehe der Prediger aufbrach; er nahm noch den ersten Besserungsstrahl mit. Mein Gruss an Gretchen, den er so gern in die Hand sich drücken liess, heiterte mich sichtbarlich auf. Gern hätte der Prediger dem Grafen wiederholt: Lass ihn noch; durft' er aber? Man widerrät den Schwermühigen die Einsamkeit, und in vielen Fällen mit gutem grund; bei dem allen glaube' ich, dass, wenn ja ein Kraut und Pflaster sie heilen könne, es die Einsamkeit, die Selbstgelassenheit sei, wenn diese Einsiedelei nur gleich beim Anfange gebraucht wird. Die Einsamkeit ist dem Ungewohnten wie ein kaltes Bad, das anfangs widerlich ist, allein es stärkt die Nerven. – Gesellschaft ängstigt schwermütige Personen, das heisst, sie macht sie kränker. O ihr gütigen Tränen, was für ein sicheres Recept seid ihr in dieser Krankheit, und in Gesellschaft weinen, welch ein Mann kann das? Der Graf wünschte mir Glück zu meiner Genesung. Jetzt sah er selbst ein, was für ein Zufall es gewesen. Das Phänomenon bei dieser Sache war, dass ich, so froh ich war zu sterben, es auch zufrieden war wieder zu leben. Nicht wahr, ein wahres Phänomen? Ich, der ich meine hände nach dem tod ausstreckte, nach dem Freiwerber, den Mine zu mir gesandt, ich, der ich mit diesem mann ziehen wollte, der ich nach der Zeit tausend- und abermals tausendmal bei ihr zu sein mich herzlich sehnte. Der Graf versicherte mich, dass er kein Sterbenszeichen um und an mir entdeckt. S a f t hat also unzeitig sein Haupt geschüttelt; d e m G r a f e n z u m M u n d e würde ich in Rücksicht des Gesprächs mit dem Prediger in L – sagen. Wie kam es aber, dass der Graf Glück wünschte? Und wie kam es, dass ich den Glückwunsch als Glückwunsch entgegennahm? Wir Menschen sind wunderbare Geschöpfe! – Es war mir so, als ob ich Minens wegen schon wirklich gestorben gewesen und nun, nachdem ich ihr mein Gelübde bezahlt, wieder auferstehen könnte. – Ach,