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mein Vater mit gekreuzten Händen hinausgegangen war, dass sie mir ebenfalls ein Monument in der Speisekammer errichten würde. Der alte Herr, sagte sie, soll deinen N a m e n in Mitau z u m D r u c k b e f ö r d e r n , und da du von deinem lieben Vetter eine schreckliche Aehnlichkeit hast, ist euch beiden geholfen.

Von den sechs Nägeln für einen Vierding sind noch zwei übrig. Verlass dich auf deine Mutter!

Dieser an sich unbeträchtliche Umstand von den zwei übriggebliebenen Nägeln fiel mir so auf, dass ich von dieser Minute an den letzten Rest meiner Hoffnungen einbüsste, und meinen ungezweifelten Tod in den zwei Nägeln sah. Wären wohl zwei Nägel übrig geblieben, wenn es nicht darum gewesen wäre, deine Grabschrift zu befestigen, dachte' ich, und warum würden wohl sechs Nägel für einen Vierding zu haben sein, wenn ich nicht diessmal sterben sollte? Ich war kein Alexander mehr, und ich fühlte es, dass die Medicin mit der Einbildungskraft stritte und dieses letztere überwand. Es schlug nichts an.

Wenn er nur ein einzigesmal gepredigt hätte, wiederholte meine Mutter; und mein Vater, der bei dergleichen Irrtümern sonst ein sehr heftiger Widerleger war, tat nichts weiter als seufzen. Eine totale Sonnenfinsterniss lag auf seiner Seele, sein Herz konnte nicht ins Geleise gebracht werden. So vergingen drei bis vier Tage. Werde ich sterben? fragt' ich. Gott kann dir helfen! sagte er; und meine Mutter, wie Gott will! und beide, Amen!

Nach einer Weile zog ich meine Mutter fest an mich: "Ei, die zwei Nägel?" Sie glänzten mir so schrecklich, als die Kometen dem gemeinen mann. Wie verstellt die Verzagteit, die Mutter der Hypochondrie, die Geberden eines jeden Dinges?

Meine Mutter, ohne die Frage in ihrem Umfange zu denken, antwortete: Sie sollen dein!

Ach! war meine Antwort;

Und hilft dir Gott, fuhr sie fort, hänge ich deine Lieblingswürste dran.

Die, sagte ich, Liebe, dieich konnte sie vor Freuden nicht bestimmen.

Eben die, erwiderte sie.

Das war Medicin. Ich sammelte mich. Die Kometen verloren ihren Schein. Ich sah, anstatt meines Namens im Druck, zwei kleine Würste. Ich bekam Appetit und hätte gewiss alle beide aus freier Faust aufgegessen, wenn nicht alsdann die beiden Nägel wieder vacant geworden wären. Ich schlief die Nacht, und wenn mein Vater nicht noch ganz verfinstert gewesen wäre, würde' er aus meinen Augen eben so viel gelesen haben, als ich zuvor aus den seinigen las.

Ehe noch das Fatale interponendae und introducendae abgelaufen und mein Leben ober Tod res judicata (eine rechtskräftige Sache) war, bekam mein Vater einen Brief, für den er viel Postgeld bezahlen musste, und dieser Brief brachte ihm den zweiten Diskant mit, den meine Leser ihn sogleich singen hören werden.

Er las diesen Brief, las ihn wieder, und da er ihn zum drittenmale anfing, rief er mit wehmütiger stimme: Licht! Es ist aus! – Gott! – schrie ichaus! und meine Mutter: aus!

Wenn er lieber auf die Würmer curirt hätte? fragte meine Mutter meinen Vater; nicht wahr? lieber auf die Würmer?

"Es ist aus!" sagte mein Vater. Der Stärkste in seiner Kunst ist Saft nicht, fuhr meine Mutter fort. Ich wette, er ist da Doctor geworden, wo der alte Herr Literatus gewesen ist. "Gottes Wege sind nicht unsere Wege!" sagte mein Vater. "Im fünf und vierzigsten Jahre seines Alters im Herrn entschlafen!" Wer? fiel meine Mutter ein, Doctor Saft? ist er tot, der geschickte Mann? Curland verliert viel an ihm!

M e i n V a t e r . Die letzte Stütze des Hauses!

M e i n e M u t t e r . Er hat noch einen Bruder!

M e i n V a t e r . Licht! Licht! Licht! Licht!

M e i n e M u t t e r . Wie! tot? am Schlagfluss?

M e i n V a t e r . Alles tot! alles tot!

M e i n e M u t t e r . Mit Weib und Kind?

M e i n V a t e r . Licht! Licht!

Man brachte ein Licht.

Noch eins! sagte er, und nachdem er beide Lichter (es war heller Tag) hingestellt hatte, nahm er eine Handvoll Papiere, die sich mit dem neuen Briefe, für den er eben so viel Postgeld bezahlt hatte, begrüssten, und nachdem er diese Papiere allzusammen gegen Himmel gehalten, sagte er: "wie du willst, unbegreiflicher Gott!"

Er steckte an, und noch hör' ich die wehmütige stimme! Wir sind Staub, und unsere Hoffnungen Staub und alles Staub! Hier verbrannte er sich die Finger, indem er das eine Papier nicht zeitig genug fallen lassen. Heilige Asche, diese Träne sei Weihwasser für dich. Mit dir, geweihter Staub! will ich den Sarg meines Sohnes begrüssen. Du bist Erde und sollst zur Erde werden.

Cleopatra, die eine Perle austrank, sagt' er nach einer Weile, hat nicht mehr verzehrt, als ich heute, und kein Lucius Plaucius hat die andere Perle gerettet.

Die Nägel fingen wieder an zu blinken