Kunst Betrug. Wenn Sie wollen, frommen Betrug. Ich will aber nicht fromm betrogen werden.
Es sei nun aber wie ihm wolle, Mine war mein Schutzengel bei meinem Seelenzufall, sie stärkte mich; ich holte alles nach, was ich bei ihrem grab durch Betäubung übersprungen hatte. O wie gern wollte ich bei ihr sein! Die vier Nägel, wovon meine Mutter sechs für einen Vierding kaufte, glänzten mir schrecklich in meinem vierzehnten Jahre. Das Blatt aber, wo ich in der Kapelle eben am Ende meinen Namen verzeichnete, wie trostreich für mich! Es war eine sichere Verschreibung, bald, bald, bald bei Minen zu sein. In meinem vierzehnten Jahre liess ich sie zurück; hier sah ich das vorgesteckte Kleinod. Es war mir ein Licht aufgegangen; ich empfand den ganzen heiligen Busch einer gottgefälligen, gottgeheiligten, himmelklaren, engelreinen Liebe – ich hatte Lust abzuscheiden. Ein paar Schauer, womit dieser Leib und diess Gebein seine Rechte sich vorbehält, abgerechnet. Ist's Wunder, dachte ich, eine so hoch geadelte Erde soll wieder zurückkommen, wovon sie genommen ist? Ein solch Gefäss zu Ehren zum Wurmgehekke? Doch schnell gab ich meinem Seelengefährten den Segen: Gehe hin in Frieden, es soll dir alles wohl belohnt werden; du sollst auferstehen in Kraft, und Minens Leib und ihr Gebein, und dieser Leib und diess Gebein. – – Halleluja blieb mein Hauptwort, in meinem vierzehnten Jahre war es das Amen fein, Amen, das ich meiner Mutter nachbetete, Freunde, wohl dem, der eine Mine im Himmel hat! Die fühllosen S a d u c ä e r müssen keine M i n e n gehabt haben. Mein Herz hing an Minen, und sollte dieser Sitz des Lebens an etwas wirklich Todtem, auf Ernst Todtem hangen? Gott ist nicht ein Gott der toten, sondern der Lebendigen, und meine Seele, sein Aushauch, ist hier sein Ebenbild. – Mine lebt, ich werde auch leben! Junge Leute sterben leichter, sagte der Graf, weil sie keinen Anhang und Zugabe haben, weil – eine lange Reihe Weils – ich glaube kurz und gut, weil sie gewöhnlich nach der jetzigen Weltmanier unglücklich lieben. Die Liebe hoffet alles, sie duldet alles, sie macht ein ruhiges Leben und einen sanften Tod.
Das erstemal, wie ich aus zum Ende gehende Blatt dachte, war's so, als ein aus dem Feuer gerissener Brand ins Herz. – Das war ein Hauptreservat des Leibes, eins in optima forma. Es ist einem so warm auf einem Fleck, und kommt dergleichen Brand dem von der Schamröte so nahe wie möglich. – Beide verbreiten ihre Flamme zum Angesicht, die Stirn kalt. – Dergleichen Vorbehalte, dergleichen Erdbebungen, hätt' ich bald gesagt, Erschütterungen wollt' ich sagen, das war alles, was ich von Todesangst bei dieser für den Grafen, wie es anschien, so erwünschten gelegenheit empfand. Es war indessen alles so, dass ichs ertragen konnte. Der Tod selbst, sagte der Graf, ist das allerwenigste; da springt das Band, das man so lange zog und riss und neckte, weg sind wir. Tod als Tod hat weniger Schreckliches als das Leben, er hat nichts Schreckliches. Ich fürchte mich nicht vor Gespenstern, wohl aber vor Dieben und Mördern. Wer wird sich vor etwas fürchten, was er nicht kennt, und wer kennt den Tod? Das Leben aber kennen wir. Wenn auf Regen die Sonne scheint, auf Mühe Lohn folgt, wohl uns, dass wir sterben, wohl, wenn wir tot sind, wenn unser Glaube an die Unsterblichkeit auch nur wie ein Senftkorn ist. Der Tod gibt Trost über Trost, Wonne über Wonne, und sollte der gang zu diesem Aufschlusse des Menschengeheimnisses (wahrlich, wir sind ein Rätsel, der Tod ist unsere Auflösung) schrecklich sein? Ende gut, alles gut. Der Tod ist das Ende vom Klagelied, von allem Elend. Canaan im Kleinen, in Miniatur, im Auge; was schadet ein Fuss in der Wüste? In einer unseligen Stunde sterben, heisst in den Henkerhänden der Krankheit sterben; das kann schrecklich sein. – Dem besten Kämpfer aber das Kleinod, dem stärksten Ringer der Preis. Wie wohl ruht es sich nach der Arbeit, wie wohl! – Lasst uns nur des Sterbensleidens, ehe das letzte Stündlein kommt, viel haben, wenn es Gottes Wille ist; dann verdienen wir im tod getrost zu sein und wie der selige Leineweber gegen Himmel geholt zu werden. Wer wollte sich aber das Sterben, aus Furcht des letzten Augenblicks, ohne Not bitter machen, wer das Leben dadurch verleiden? Es gibt Leute, die sich das Leben auf diese Art versterben; warum das? Ich kann von mir sagen, ich sterbe täglich, allein diess will nicht viel mehr sagen, als: ich sehe täglich a n d e r e sterben, obgleich es auch Stunden gibt, wo es mehr sagen will. Der heilige, geplagte Apostel starb täglich anders als ich. Paulus trank täglich einen Tropfen aus dem Todesbecher; es war nicht Todesfurcht, die er trank – solch ein Mann wusste schon, was im Kelche war – es war wirklicher Tod; er starb allmählich. Wer es höret, der merke darauf. Sich sein ganzes Leben vor dem tod fürchten, heisst zwar, ein Knecht, ein ägyptischer Sklave des Todes sein, allein noch lange nicht,