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Bitte in den Weg legen würde. Jeder, setzte der Graf hinzu, hat sein Päckchen.

Ichsagte der Prediger, und konnte nicht mehr.

Beim Ich Punktum? fragte der Graf.

Ich werde diesen Jüngling nicht verlassen.

Auch ich, sagte der Graf, nicht verlassen, noch versäumen.

Gott, wenn er stürbe!

Nun, wenn er stürbe?

Er kann nicht sterben

Wenn er unsterblich ist.

Gott!

Gevatter, entweder glaubt ihr Herren nicht, was ihr lehrt, oder was ist das Sichtbare gegen das Unsichtbare, das Gegenwärtige gegen das Zukünftige, Zeit gegen Ewigkeit? Ist's denn nicht eine schöne Sache um die Hoffnung? Und der Genuss?

Freilich, der Himmel wird anders genossen als Dinge der Erde. Der Erdengenuss gebiert den Tod, den Ekel.

Der Himmel ist Himmel, ist Genuss ohne Ekel, ohne Tod. Tod und Ekel sind gleichbedeutende Wörter. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ein Jüngling wie dieser soll nicht glücklich werden?

Ach, ich habe Kinder, er Eltern, und d i e zeugten einen Sohn, der ihrem Bilde ähnlich war.

Warum mehr von den frommen Anzüglichkeiten, welche diese beiden Leute, der Graf und der Prediger, aus gleich gutem Herzen auswechselten? Sie schlugen Ball. Der Prediger wollte nicht von meinem Stuhlund war für mich auf eine so rührende Art bekümmert, dass er seine Abhandlung ganz und gar darüber vergessen zu haben schien. Die Bekümmerniss gefällt am meisten, wenn sie unzeitig, wenn sie nicht an Ort und Stelle ist; daher die Sorgfalt der Weiber, so kindisch sie ausfällt, wie schön! – Auch bei den Männern muss sie weiblich ausfallen, sonst ist sie Furchtsamkeit. – Der gute Vater Gretchens! Er erhielt auf vieles Bitten die Versicherung vom Grafen, dass ich noch nicht eingeläutet werden sollte. Auch (diess hab' ich alles nach der Zeit vom Prediger) war diese Fürbitte Schuld daran, dass ich nicht in die Todtenliste eingetragen ward, welche der Graf das H i m m e l s b ü r g e r b u c h nannte. So kam ich wieder um's Geläute, wonach ich doch so lüstern war.

Herr, lass ihm noch diese Nacht, diesen Tag, noch drei Tage! sagte der Prediger mit andern Worten zum Grafen, die sich der Graf oft wiederholen liess, ehe er diese Frist bewilligte. Herr, lass ihn noch! war der Morgengruss des Predigers; denn ich hatte eine elende, lange, lange Nacht gehabt, und der Tag war wie sie.

Der Graf deklamirte für, der Prediger wider den Tod, jener mit erhabener stimme, dieser mit leiser, schmerzteilnehmender. Nie vergesse ich die gräflichen Worte: Stirbt man denn an der Krankheit, Freund? Vom Leben stirbt man, und wenn unser Liebling (ich liebe ihn wie Sie), wenn er gesund wird, entfloh er dem tod? Nein, nur der Krankheit. Allen? Nein, dieser. – Eine grosse Sache!

Der Graf hielt drei Safts bei seinen Kranken, die Untersafts, die Aderbinder und Pulsbeschleicher ungerechnet. Der Arzt, der mich besuchte, wusste, dass er dem Grafen mit einem heimlichen Kopfschütteln einen Gefallen erwies, und schüttelte also, es mochte Gefahr sein oder nicht. Bei einem mann wie der Graf, und bei Krankenlagern, die von lachenden Erben umgeben sind, haben die Herren Safts immer gewonnen Spiel, es stehe oder falle.

Der Prediger aus L –, der die Lindenkrankheiten aus Erfahrungen kannte, hatte völlig Recht, dass diesen Ober- und Untersafts meine Krankheit zu hoch wäre. Freilich steckt eine kranke Seele den gesündesten Leib an, alle Seelenkrankheiten sind ansteckend; allein es war Lebensekel, LebenskummerUeberdruss, was mich ergriffen hatte. All' die Gebeinhäuser, in die ich herumgeleitet worden, hatten meine Einbildungskraft so erhitzt, dass ich wirklich nicht todtkrank war, nicht gefährlich krankaber beides zu sein herzinniglich wünschte. O Gott, wie sehnte ich mich nach einem seligen Ende! wie nach Minen! Sie war der Mittelpunkt von allem. Ich suchte meinen Tod überall, auf allen und jeden Gesichtern, und wo ich ein Todeswort fand, wie sehr drückte ich's an's Herz! Ich war eigentlich nicht krank, allein ich wünschte es zu werden. Eine der gefährlichsten Gemütskrankheiten, wenn es nicht im Apostelsinn heisst: I c h h a b e L u f t a b z u s c h e i d e n . – Gern wollte ich bei Minen sein, und sollte ich nicht w o l l e n ? Nach des Grafen Meinung nicht. In dieser Aussicht sterben, heisst: sich den Tod verderben, ihn mit allem Fleiss verunstalten, ihm den gesunden, natürlichen Geschmack nehmen, englisches Gewürz, Galgant, Pfeffer, Kreidnelken daran legen. Man muss sterben, um zu sterben. Der Graf hatte hierüber mit dem Prediger eine sehr gelehrte Unterredung. Ich vernahm die Worte nicht, allein der Geist von allem wirkte auf mich. Mein Vater pflegte diess Wirken W a n k e n zu heissen, wie man von Gespenstern sagt: sie wanken. Ich wankte; es war mir, als hörte ich in der Ferne läuten. Der Hauptinhalt der gelehrten Unterredung war: ob man nicht auch durch künstliche Mittel berechtigt wäre, sich den Tod zu erleichtern? Der Graf behauptete Nein, und nannte diese