als er ihr. Auf diese Art scheint wohl die jüngste Tochter des Pastor L – (der nicht Präpositus ward, obgleich er sich auf den Kopf setzte) teil am Gastmahl zu haben, wozu mein Vater eingeladen ward, nachdem im Pastorat des verunglückten Präpositus L. in Curland erscholl: mein Vater hätte die Gabe der Entaltsamkeit nicht. Ob das Ave Maria, der Gruss, den mein Vater dieser Ritterin eher als ihren ältesten Schwestern zuwandte, ober wirklich allmählige Neigung die Ursache gewesen, und viele Ob's und viele Oder's mehr, leg' ich bei Seite. Was konnte das arme Trinchen (diesen Namen erseh' ich aus dem Hermann'schen Pasquill) dafür, dass ihr Vater nach der Weise Melchisedech zum Sprichwort aufbrachte? was?
Um die Observationen über diesen Kometen in der gegenwärtigen geschichte zu schliessen, sei mir erlaubt zu bemerken, dass diese arme, nachdem sie eingeläutet war und nachdem sie geohrbeichtet, sich erholte. Der Graf hatte den grössten teil dieser Ohrbeichte bis auf meine Anwesenheit gespart. Nach der Zeit fiel sie wieder ein und starb als Schwester des Grafen und seines Jonatans, des alten Bedienten (denn wahrlich, sie hatte den Kelch der Todesnot allmählich ausgetrunken) sanft, willig und selig, ihres Alters fünfundvierzig Jahre.
Meine Mutter, an die ich diesen Vorfall, sobald der gute Prediger in L – mir ihn meldete, weiter brachte, antwortete mir wie nachfolgt:
Herr, der du sprichst, es geschieht, der du gebeutst, es stehet da, der du Gehet und Kommet in deiner Gewalt hast, gelobet sei dein Name! In Curland und Preussen, für die Wege und Stege, die du mit dieser Geendeten und Vollendeten eingeschlagen! Durch gute und böse Gerüchte, durch mancherlei Kummer und Leiden ist sie zu deinen Freuden eingegangen. – In Unfrieden ging sie aus ihrem vaterland, in Frieden fuhr sie zu deiner Herrlichkeit, wo sie ihr französisches Bündel nicht mehr nötig hat, den Bettelsack. Sie hat mich vielleicht nur im Traume beleidigt, und hätte sie es auch im Wachen getan, hätt' ich den Schlag bekommen, den ihr Ritter bekam, was nun mehr? Wir sind hier nicht zu schlagen, sondern geschlagen zu werden. Verzeih mir, lieber Gott, wenn ich im Wachen den Traum ihr übel nahm. Ihrer Seele sei wohl unter denen, die gekommen sind aus grosser Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und sie helle gemacht. Heil ihr, wenn sie im Namen dessen starb, dessen, der unschuldig lebte auf Erden und auch ein Fremdling war und in Gottes Hand im Himmel seine wohnung bestellte! Nimm auch ihren Geist in deine hände, du allgemeiner Vater, du, Preussens und Curlands Vater! Ihrem leib Ruhe, er bedarf ihrer! – Ein weiches, ungestärktes Sterbetuch für ihr tränendes Auge – ein stilles Grab! Vollbracht – Uns alle lehre bedenken wohl, dass auch wir des Bleibens nicht haben, müssen alle davon, gelehrt, jung, reich, alt oder schön! Du aber, mein Sohn, schone dich in Preussen, es scheint eine Grube zu sein, wo alles fällt, was aus Curland ist.
Wenn es nicht mehr leben kann, liebe Mutter! Aus dieser Stelle sollte man nicht schliessen, dass meine Mutter ihren Casum setzt und fromm ist – in dem Sinn, wo fromm sein etwas geistliche Aufgeblasenheit, geistliche Stärke durch Kraftmehl ist, die hart und ansehnlich macht. – Vergib mir, Mutter, wenn ich dir im zweiten teil zu viel tat. Ich tat's im Traum, wie Pastors L – Trinchen. Wenn ein einziges empfindliches Herz eine Träne bei diesem grab gemeinschaftlich mit mir weint, so hat die arme ein schönes Leichenbegängniss. Meine Träne hat eine schwere Geburt, fast nimmt sie mir das Auge mit. Die deinige, liebe Leserin, falle sanft auf dieses Blatt und diene deiner Tochter zum Zeichen, diese Stelle wieder zu finden, wenn sie ihr nötig ist.
Alle diese Auftritte, welche uns andertalb Tage beschäftigten, hatten mich so mitgenommen, dass ich bei einem Haar zum zweitenmal in diesem buch krank geworden wäre. Doch Krankheit kann ich's nicht nennen, was mich niederriss. Was es war, weiss ich nicht; der Pastor – – in L – meinte, dass dieses Uebel gerades Weges vom inwendigen Menschen, von der Seele, herkäme, welche kein Arzt tödten, allein auch nicht heilen könnte. Er rechnete diese Krankheit zu den Lindenkrankheiten, die oft gefährlicher, oft leichter als die Leibesgebrechen sind. Recepte, Schlagwasserdöschen, meinte er, wären hierbei nicht anzuwenden. – Hier ist Gott allein der Arzt, und sein heiliges Wort Medicin. – Zur Bewegung wäre am Frühlingsmorgen eine sanfte Flur vorzuschlagen; der Waldgeruch sei schon zu stark und greife solch einen Kopf an. Das, sagte der Prediger, ist die Art der Seelenkrankheiten. – Unsere ärzte curiren oft den Körper, wenn die Seele leidet. – Körperkrankheiten pflegen nicht den Kopf vorbeizugehen, sondern ihm die Ehre zu tun, von ihm auszuziehen in den ganzen Körper weit und breit.
Der gute Pastor! Ich sehe' ihn noch, wie bekümmert er war. Es überfiel mich mit einer Ohnmacht. Der Graf schien froh zu sein, dass es mich so überfiel – natürlich, um einen Sterbecandidaten mehr zu haben; er gab dem Prediger nicht undeutlich zu verstehen, dass, wenn er sich nicht länger aufhalten könne oder wolle, er ihm keine