sie noch nicht.) Wehe der Stadt, die solche Leute verlassen! Ich dachte an Lot und seine Familie, fuhr die Curländerin fort. – – – Doch warum diese Weitläuftigkeit in wörtlicher Nacherzählung? Der Vetter und seine Base wurden von heller zu Pfennig befriedigt, das übrige im Bündel war kein Oelkrüglein, allein es war Spargeld in den Tagen der Krankheit, womit Gott unsere Curländerin heimsuchte. Ihr Töchterlein starb an den Blattern, Jakob aber, ein rüstiger Junge, der es selbst mit dem Schlaf anzubinden sich getraute und den Sieg erhielt, unterlag nicht der Krankheit, sondern starb im eigentlichen Sinn an der Gesundheit, die mehr als die Krankheit forderte. Er überstand die Blattern, allein Mangel der Pflege war die Ursache seines seligen Todes. Er kam mit dem tod wie mit dem Schlafe zurecht. Eine benachbarte witwe brach in dem grössten Elend mit unserer Unglücklichen das Brod. Sie hatte einen Sohn, den sie den Bräutigam der kleinen Julie (so hiess die Tochter der Ritterin) nannte. Da aber ihr Sohn mit der Tochter zu gleicher Zeit die Blattern bekam und auch zu gleicher Zeit ein kurzes Leben endete, ward die witwe so bitter unwillig, dass sie die Curländerin mit einem Tropfen wasser vergeben hätte. Ist das der Dank, schrie die witwe ohne Aufhören, dass sie mein Kind würgt? Sie begegnete der Curländerin als der Mörderin ihres Sohnes, und wollte nichts weiter von ihr sehen noch hören. Der Schmerz tut mehr als dergleichen Dinge, und auch seltener als der Zorn, was recht ist.
Noch eine Anekdote muss ich einholen, die mich sehr bewegte. Zur Zeit, da ihr Ungetreuer sein Bette noch nicht aufgehoben und sie verlassen hatte, war die Krippenritterin wegen Quartiermiete sehr verlegen Ostern und Michael war Zinstag und Jammertag, wie sie sagte. Nie konnte sie Zeit und Stunde einhalten. Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen, war alle Jahre zweimal ihre Bitte. Der Vermieter hatte Geduld: es war ein Leineweber. Einstmals ward ihm die Zeit zu lange; die Weihnachten waren vor der Tür und mit dem Michaeliszins noch kein Anfang gemacht. Der Krippenritter hatte den Leineweber, der ihn in Züchten und Ehren mahnte, ziemlich deutsch abgefertigt, obgleich er französischer Sprachmeister war. Mit einer Frau und einem Leineweber getraute er's sich schon anzubinden. Der Hausherr ward zornig. – Sie kam, und eine spiegelblanke Träne stand ihr im Auge. Der zornige Hausherr sah sich in dieser Träne und fand seine Geberden verstellt; denn er hatte es auch mit ihr zum Scheltworte angelegt. Plötzlich ward aus dem Saulus ein Paulus Liebe, gute Madam, ich bedauere Sie. Freilich, Sie sind unschuldig, aber er – ein böser Mann. Sie seufzte in die Höhe; die Träne blinkerte. Nach ein paar Worten fing er an: Lass gut sein! So lange ich lebe, hören Sie? so lange ich lebe, sollen Sie in meinem haus wohnen und sich Ostern und Michael (ein paar schöne Feste!) nicht mehr durch die Frage verderben, wo die Miete? frank und frei! Der Leineweber konnte die Worte: frank und frei, vor Bewegung nicht laut herausbringen, er sprach sie gebrochen, das heisst, die meiste Zeit, herzlich. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Die diessjährige Michaelismiete, fuhr er fort, zum heiligen Christ für ihr Jüngstes; das war Jakobchen. – Gott! mehr konnte sie nicht; sie wollte den Geber anfassen und ihm danken – man fasst gern an, wenn man dankt – allein noch ehe sie dazu kam, legte der Wohltäter beide hände auf den Tisch, eine auf die andere, den Kopf langsam darauf und – wer hätt' es denken sollen? – starb. – O glücklicher Leineweber, dein Lebensfaden, wie schön ist er zerrissen! Du bist lebendig gegen Himmel geholt. Solch ein Tod! – Das nenn' ich sterben! sagte der Graf, der Todesangst und Not unerachtet, wovon ich unsern Seligen nicht loszählen kann.
O du, der du die Menschen lässest sterben und sprichst: kommt wieder, Menschenkinder! Ich bin zu geringe, wie jener Märtyrer den Himmel offen zu sehen; lass mich, lass mich nur mit einer solchen Tat, wie dieser, dahinscheiden! Konnte Gott diesen grossen Täter mehr belohnen? Nicht wahr, der starb in einer seligen Stunde? Gott schenke sie mir und allen, die solch eine Träne verstehen. Amen!
Hiermit wäre diese Leinewebergeschichte für den
Himmel zu Ende, allein für die Erde bei weitem nicht. Die frohen Erben verstanden sich so auf Tränen nicht, als unser Leineweber. Das Versprechen: S o l a n g e i c h l e b e , war mit seinem tod abgelaufen, das verstand sich von selbst; allein der Michaeliszins? Auch den musste die Curländerin einbüssen, oder ihr Jüngstes –
"Denn es ist mit nichts bescheinigt, dass eine der
gleichen Schenkung vorgefallen, vielmehr sind alle Umstände dawider. Defunctus hat zu verschiedenenmalen den Zins im Guten und Bösen verlangt, und ist nicht abzusehen, warum er so schnell seine Gesinnungen ändern sollen. Es ist unter dem vorschriftsmässig schriftlich errichteten Mietskontrakt diese Schenkung mit keiner Sylbe bemerkt, vielmehr findet sich weder hinter dem Mietskontrakt, noch sonst wo, eine Quittung wegen des angeblich verschenkten Zinses. Niemand hat die Schenkung entgegengenommen, und können die vorgeschützten Worte: ' D i e d i e ss jährigen Michaeliszinsen zum heil