ist es sehr bescheiden, dass er nur einen, und nicht für jede Kunst wenigstens einen, ums Leben gebracht; obgleich dieser Eine gewiss sich gottlob besser befand, wie er. Leute, die den Pfiff verstanden, schätzten die Schonung des unschuldigen Menschenbluts und die Bescheidenheit unseres Tanzbären und Deutsch-Franzosen. Die es aufs Wort glaubten, sahen die mit kostbarem Menschenblute gelöste Krippenritterin so steif an, dass sie rot werden musste. Ich bin als Gast in ein paar französischen Stunden des Krippenritters gewesen, und muss nach einem L.B.S. ihm ein zeugnis mit Obgleich geben. Ob er gleich durchs Lehren wirklich gelernt hatte, so wollte mir doch verschiedenes nicht in Augen und Ohren, Vernunft und alle Sinne.
Unser Ritter fing an warm zu werden; ich glaube das wird kein Deutscher, wenn er nicht französisch kann. Er liess es seinem weib empfinden, dass sie ihn bis zu Trebern erniedrigt hatte, wie er sich, weil sie Pastors Tochter war, biblisch ausdrückte. Du hast ja gottlob ein gutes Lexikon, erwiderte sie in edler Unschuld; allein der Krippenritter hatte aufgehört Unschuld zu fühlen. Es war nicht zu läugnen, dass es nicht immer F ü c h s e gab, die F ü c h s e hatten (ein paar akademische Ausdrücke, die ich so frei, wie die Curländerin sie brauchte, meinen Lesern abgebe; Füchse heissen Dukaten und einjährige Studenten), allein diess war nicht der Hauptgrund seiner Ausgelassenheit. Es hatte sich ein Liebeshandel zwischen ihm und der Mutter und Tochter eines wohlachtbaren Mannes auf dem Tanzboden angesponnen; diess setzt' ihn zurück, und war die Hauptursache von allem. Unser Ritter legt' es seinem armen weib nahe, dass sie den Weg des Fleisches gehen sollte, den er ritterlich ging; es ist, setzt' er hinzu, der Weg alles Fleisches. Nicht also, erwiderte die Curländerin. – Also, also, rief er. Ein unmenschliches A l s o ! Der Tyrann entzog seinem weib alles, was zur Leibesnahrung und Notdurft gehört; den letzten Bissen Brod. Seine Kinder, die nach Speise jammerten, störten ihn nicht in seinem Lustschlossbau, wo er mit seinen Prinzessinnen in Gedanken sich weidete. – Ich will heute, sagte der Kleine eines Abends, aufbleiben, um dem Vater die Füsse zu küssen und ihn zu bitten. Was denn? fiel die Mutter ein. – Das könnt Ihr wohl raten (es war alles I h r und I h r ). Die Mutter weinte; denn sie wusste wohl, dass der arme Jacques gern noch eine Semmel gehabt hätte. Jackchen schlug sich mit dem Schlafe und hatte einen desto schwereren Stand; denn ihn hungerte, weil er den Schlaf überwunden hatte. Der Vater kam um Mitternacht und, wie es aus seiner Art Gepolter den Anschein hatte, fröhlich und guter Dinge heim. Der liebe kleine Junge kroch im Finstern (zu Licht war kein Dreier im haus) zu seinen Füssen. Was da für ein Hund? rief der Unvater. Dein Hündchen, lieber Vater, sagte Jackchen. Er: "Fort!" Der Kleine: "Gleich, lieber Vater." Warum lässt dich die Mutter herumkriechen? Auf diese Aufforderung gab das arme Weib, das sich schon längst in ihr Schlafkämmerlein zurückgezogen hatte, keine Sylbe. Der liebe Junge erzählte mit einer himmlischen Leichtigkeit, dass er sich des Schlafs erwehrt, und dass er seinen Vater etwas zu bitten hätte, was seine Mutter nicht hören dürfte. Vielleicht wacht sie noch, fuhr der Kleine fort, hebt mich an Euer Ohr, oder neigt Euch zu mir. Der arme Junge bat den Vater ganz leise, seiner Mutter zwei Semmeln zurückzulassen. Wir beide, setzt' er hinzu, meine Schwester und ich, werden, wie ich hoffe, satt werden, wenn wir Mutterchen essen sehen. Diese fussfällige Bitte beantwortete der Vater mit einem Stoss und dem Ausschrei: Comödie! Vortrefflich! Madam hat nicht einmal nötig zu souffliren, brummte er hinterdrein. Das arme Weib verlor über diese geschichte den letzten warmen Tropfen Fassung, und unserm Jackchen (ich will ihn lieber Jakob nennen) spielte der Schlaf den Streich, dass er kein Auge schliessen konnte. Die Mutter schluchzte und der kleine Junge weinte so bitterlich, so, dass er bis Morgens um fünf darüber vergass, dass er hungrig war. – Die Curländerin lebte mit ihren Kindern von ihrer hände Arbeit. Das Mädchen musste spinnen und Jakobchen die Wolle auseinander ziehen. Sie wollte eher ihren Ismael und seine Schwester Hungers sterben sehen, als auf unrechtem Wege Nahrung und Kleider suchen. Sie erfuhr in Wahrheit, dass der Mensch nicht vom Brod allein lebe, sondern vom Worte aus dem mund Gottes, vom Bewusstsein, recht und richtig zu wandeln. Ich war nie böse, sagte sie, allein mein trauriges Schicksal brachte mich weiter; ich ward fromm, gut, so wie es Menschen sehen können. Ein gewesener Sprachschüler hatte schon zur Zeit des genommenen Unterrichts ein Auge auf sie geworfen, ohne dass sie dieses Auge auf ihren Wangen, geschweige an ihrem Herzen empfunden. Jetzt glaubte der gewesene Sprachschüler beide Augen auf sie werfen zu können. Um indessen desto sicherer zu gehen (er kannte ihre denkart), musste seine Base, die in der Familie kuppelte, es mit der Ritterin freundschaftlich anbinden. Diese Base war in einen Engel des Lichts gekleidet, und wenn auch vielleicht zuweilen ein schwarzes Fleckchen hervorkam, wie