's wenig oder nichts zu sagen. Ich kenn' einen Staat, der schon lange auf den Zehen geht. (Meine Mutter würde "geht und steht" gesagt haben.) Der Himmel helf' ihm auf die Beine, wenn es ihm nützlich und selig ist! fügte der Prediger hinzu. Ich liebe den Privattod wie mein Leben, fuhr der Graf fort, nur den publiken, den Nationtod nicht. Da stirbt nichts und alles. Der Graf konnte sich nicht erholen, um die Krankensprache zu reden, so voll war er über den publiken Tod, und freilich ist's eine Todesart, die mit in sein Fach einschlägt. So im Todtentritt kamen wir in eine der Sterbezellen. Der Graf nannte diesen Zehengang den Todtentanz und hatte wunderliche, steifbenutzte Regeln darüber und eine ganz peinliche Teorie. Ich konnte' es in so kurzer Zeit freilich nicht weit in dieser Kunst bringen, wie ich denn überhaupt kein grosser Tänzer in meinem Leben gewesen. Fürs Haus und so war ich auch ein Todtentänzer.
Der älteste unter den Sterbenden hiess P a t e r , die älteste M a t e r . Diese Aeltesten veranstalteten entweder eine Versammlung in einem Zimmer zum Gebet und Gesang und Krankheitserzählung, oder es wurden, wenn es die Krankheit nicht zuliess, alle Zellentüren geöffnet und jedes sang und betete auf seinem Sterbebettlein. Alle Zimmer waren in Gemeinschaft. Jede Sterbezelle war auf zwei Personen eingerichtet. In Littera O (alle Buchstaben kommen nicht zu dieser Bezeichnungsehre, der Graf hatte einige, denen er diesen Vorzug erwies), wo ich eben die tür zu öffnen mir die erlaubnis nehmen werde, um einen Accent darauf zu legen, war kurz zuvor eine Sterbenscandidatin gesund geworden, und nun war nur
die Curländerin
in Littera O. Ich bitte, sagte der Graf, und kaum hatte er's ausgesagt, da ich eine stimme hörte: d e r P a stor – aus Curland, der Pastor – – a u s C u r l a n d ! Sein Sohn, erwiderte der Graf. Bei aller Lebenslaufsneugierde und Verhörslust, wovon der Graf schon in L – ein Pröbchen zurückliess, war er, wie wir schon wissen, nichts weniger als zudringlich. Der Ausruf: der Pastor – – aus Curland, den der Graf verbesserte und stehenden Fusses ins des Grafen in Bewegung gebracht. Die Curländerin hatte so was Liebevolles im Auge, da sie rief, dass sie Strahlen aus ihren Augen warf; die Augenbraunen gingen so schnell in die Höhe, als wenn man Fenstervorhänge durch Schnellfedern zieht. Ein Romanheld würde die Neugierde seiner Leser und Leserinnen noch wenigstens ein paar Seiten erhitzen und ihnen alsdann einen Labetrank geben, so ungesund es gleich ist, in voller Hitze zu trinken. Ich sage geradezu: d i e Krippenritterin, verstossen, verworf e n von ihrem Ehemann und im Begriff irgendwo den Tod zu suchen. Gottlob, setzte sie hinzu, da sie diesen Umstand erzählte, dass der Tod mich ohne mein Verdienst und Würdigkeit bei Ew. Hochgeboren in Empfang nehmen will. Ich bitte, fiel der Graf ein, Hochgeboren weg. – – Hier zu land sind wir nur schriftlich Hochgeborne. Ich dachte bei dieser gelegenheit an den Ordensengel und die Wappen und die Federbüsche. Dieser Eingriff setzte die Curländerin in eine kleine Unordnung; nach einigem Stillstande fuhr sie fort: so ein schönes Rendezvous war ich vom tod nicht erwartend. Sie dankte dem Grafen mit einem blick, dass ich völlig einsah, wieviel sie mit ihrem Auge vermochte.
Ich will ihre geschichte in tertia persona geben, ohne zu bemerken, ob ich die Umstände von ihr selbst oder vom Grafen empfangen Ihre Schicksale waren höchst traurig. Der Ritter hatte wirklich Neigung zur jüngsten Tochter des Pastors L –. Die Ohrfeige gab den Ausschlag. Er hatte in Curland nichts zu verlieren als mensam ambulatoriam, zu deutsch Krippenritt, und da Pastor L – von jeher seine Geberde so zu verstellen wusste, dass man ihn reich hielt, kostete es dem Krippenritter wenig Mühe, seinen Freunden Tisch und Krippe aufzusagen. Ihre Anzüglichkeiten gegen ihn, somit sie ihm alles versalzten, was er genoss, nachdem er geschlagen war, bestimmten ihn völlig. Der Weinstock seiner gönner war ihm des Weinstocks zu Sodom und von dem Acker Gomorra. Ihre Trauben waren ihm Galle, sie hatten bittere Beeren. Ihr Wein war ihm Drachengift und wütige Otterngalle. Worte, über welche der Casuist Pastor L – seinem Schwiegersohne eine Abschiedspredigt hielt, und sich wegen zeiter genossener Höflichkeiten im Namen desselben bei seinen Tischfreunden bedankte, obgleich in Curland Weinstock und Trauben etwas Wildfremdes ist. Zu lesen im 5. Buch Moses im 13. Capitel im 32. und 33. Vers, sagte der Prediger aus L – und freute sich, dass er, so alt er wäre, noch so gut treffen könne.
Der alte Herr spielte im figürlichen verstand zu der Predigt des Casuisten. Er gab dem neuen Ehepaar durch einige Reimlein das Geleite. Die Curländerin brauchte den Ausdruck: er bestreute diesen Weg mit einem Pasquill und da sie alle Beilagen zu ihrem Lebenslauf aufgeblättert hatte, fand sie diese Beilage A. mit einem Griff, womit ich meine Leser aber nicht belästigen will.
Ein Reimschmied war gewöhnlich die andere Hand des Hermanns. Aus Höflichkeit nannte er ihn seine rechte Hand. Selten war er ohne eine solche andere oder rechte Hand. Ein paar Strophen:
Was hat in dieser letzten Zeit
Ein Pastor über Fingerbreit?
Den Beichtstuhl, arme