Wenn du so den Fall Adams nimmst, hast du Recht; kann aber der liebe Junge nicht aufstehen? Arbeit ist die beste Arznei wider den Tod. Auch ein Kranker sollte arbeiten, wenn's nur so viel ist, als er zu seiner Beköstigung braucht. Das ist wenig! Die natur hat ihm nicht mehr auferlegt, als er ertragen kann. So allmählich, als ein Kranker Appetit bekommt, fängt er auch an besser zu werden.
I c h . Vater, ich kann nicht mehr auf, kann auch nicht mehr essen.
M e i n V a t e r . Armer Junge! (Geht ab. Ich wollte versuchen aufzustehen.)
M e i n e M u t t e r . Bleib, bleib! Es ist immer besser, die Krankheit trifft uns auf dem Bette, als auf dem feld. Davon weiss ich auch ein Lied zu singen! Gewisse Krankheiten wollen wie vornehme Leute behandelt werden; man muss ihnen entgegen – ein Flussfieber nimmt's so genau nicht.
Mein Vater kam wieder, fasste mich an die Stirn und hände, und ich konnte an seinen Augen in Frakturschrift lesen, was er, sobald er merkte, dass ich hereinsah, vor mir verbarg.
So sehr mein lieber Vater wider die ärzte war, die er wie die Beichtväter und Gewissensräte für etwas hielt was uns und unsern Gott und die natur, sein Werk, von einander schiede, so gab er doch dem Verlangen meiner Mutter nach, die sich ihr Votum nicht nehmen liess.
Oft habe ich ihn sagen gehört, ohne Arzt stirbt man leicht und schnell. Mit einem arzt stirbt man täglich. Wer bis in seinen letzten Augenblick lebt, wer beharrt bis aus Ende, stirbt nicht – er wird lebendig gegen Himmel geholt, und diess alles kann man nur ohne Arzt. Diess und noch mehr sagte er sehr oft, allein jetzt blieben diese schönen Sprüche weg, er schrieb an den D o c t o r S a f t , der sechs Meilen von meinem Puls entfernt war, und machte ein Gesicht als ein Referent, der von seiner Meinung durch die Mehrheit abgestimmt ist.
Die Antwort des Doctor Saft traf ihm das Herz. Er war nicht mehr. Er bestätigte mit seinem Beispiele, dass uns die ärzte feig machen, indem sie Gefahren aufdecken, die vor uns verborgen sind.
Meine Mutter hingegen war so sanft wie ein Lied. Er nahm sie an der Hand, zeigte ihr den s a f t i s c h e n Brief, und sie, ohne Schrei ohne Ach, stimmte an, ihre Augen gegen Himmel:
Da wird uns der Tod nicht scheiden,
Der uns jetzt geschieden hat;
Und erfreu'n in seiner Stadt.
Ewig, ewig für und für,
Ewig, ewig werden wir
Mit einander jubiliren
Und ein englisch Leben führen.
Noch sang mein Vater nicht mit. Seine Seele war versunken in Schmerz. Meine Hoffnung, sagte er, die der Herr bei meinem stummen Gram mir in einem fremden land aufgehen liess: ein Nachtfrost, und siehe da –
Er hat grosse Hitze, sagte meine Mutter.
Gütiger Gott! lass ihn mir, lass ihn einem Unglücklichen, der für sich lange die Wünsche aufgegeben, zu dem Staube seiner Väter versammelt zu werden.
Herr Superintendent Alexander Einhorn, fiel meine Mutter ein, liegt in Curland begraben, –
O mein Sohn! sagte mein Vater;
und meine Mutter: er hat die Kirchenordnung im Jahre ein tausend fünf hundert und siebenzig verfertigt; –
O mein Sohn! sagte mein Vater;
und nach ihm blieb die Superintendenten-Stelle vierzehn Jahre unbesetzt.
O mein Sohn! beschloss mein Vater, der sich in seinem Gebete nicht hätte stören lassen, wenn's eingeschlagen hätte. O mein Sohn, mein Sohn! wollte Gott, ich könnte für dich sterben!
Hierauf sagte meine Mutter kein Wort.
Ich sah bei dieser gelegenheit, was ich oft gesehen, dass das schlecht und rechte Christentum eine edle Gleichgültigkeit, einen gewissen Liederton im Leben wirkt, der uns bei allem in der Welt, wär's auch ein Alexander-Verlust, Ruhe ins Herz weht. Mein Vater schlug wie Petrus mit dem Schwerte drein. Seine Religion war ein höheres Halleluja, welches aber für die Vollendeten gehört, und das für die Zeitlichkeit nicht zu sein scheint. Bald sind wir zwar, wenn wir uns in diesem höhern Chor befinden, entzückt bis in den dritten Himmel, bald aber schreien wir: H e r r h i l f uns, wir verderben!
Lange stand mein Vater mit gelähmter Seele, allein meine Mutter brach diesen S e e l e n s c h l a f durch einen freundlichen g u t e n M o r g e n .
Eins, sagte sie, lieber Mann, bedaur' ich.
Ich mehr als Eins, sagte mein Vater; und was ist dieses Eine? mein Kind! fuhr er mit einer bedeutenden Miene fort.
Meine Mutter nahm ihn (ohne ihm zu antworten) bei der Hand, und drückte ihm ein wiederholtes liebliches: W a s d e n n ? heraus.
"Dass ich ihn predigen gehört."
Mein Vater seufzte laut, ohne ein Wort zu sagen.
Nach ihrer Meinung hätte mir eine Predigt einen gewissen Rang im Himmel zuteilen müssen. Ob ich nun gleich nicht die Kanzel bestiegen, so versicherte mich jedennoch meine Mutter, da