1778_Hippel_037_279.txt

. – Das erste, fuhr der Graf fort, was die Patienten gefragt wird, ist: ob sie schon ihren letzten Willen entworfen, ihr Haus bestellt und ihren Geist in die Hand Gottes einschreiben lassen? Diese peinliche Frage, dieses Verhör entält den grössten teil des Lebenslaufs, den der Graf gern, herzlich gern, vor'n Willen nahm, indessen ihn, wie er auf Ehre versicherte, nie erpresst hätte. Viele Leute fürchten den letzten Willen, bloss des Worts l e t z t wegen, obgleich die Postscripte, Codicille und alles, so lange die Zunge nur lallen kann, aufzuheben und zuzugeben, von den Gesetzen berechtigt werden. Die Lehre von den Testamenten, wie gefällt sie Ihnen? fragte der Graf. Indessen kamen wir von dem letzten Willen an sich ab. Wer wird, rief der Graf aus, solch eine unverdiente Güte, als die Lehre von den Testamenten, nicht vor'n Willen nehmen, und so etwas bis auf den letzten Abdruck aussetzen? Ist denn schon jemand am letzten Willen gestorben? Hat sich der Patient leiblich wohl bereitet, denn auch diess ist eine feine äussere Zucht, so geht das Geistliche an, und der Patient wird e i n g e l ä u t e t , und sodann Gott und meinen Anstalten überlassen. – Ich hätte gern, das läugne ich nicht, diess G l ö c k l e i n gehört, indessen ward's abgeschlagen. Man hört' es nie, als wenn eins zur geistlichen Vorbereitung schritt und ins Sterbekloster auf- und angenommen ward. Ist aber, da diess Glöckchen nur bei Einläuten eines Sterbenden zu hören, dieser Klang nicht schon die letzte Oelung, ist er nicht die Entdeckung, dass man ins Todestal eintrete? Ins Noviziat, Freund! versetzte der Graf, wo man, wie bekannt, auch heraus kann, wenn Gott will. Viele ahnen die Sterbestunde selbst, und das ist ein ander Ding, sagte der Graf, denen hat es Gott offenbart. Wie viel ich für solche Leute achtung habe, ist unaussprechlich; ich denke immer, der liebe Gott habe mit ihnen geredet, und sie wären getrieben vom heiligen Geist. Wer sie nicht ahnt, sterbe, ohne Zeit und Stunde zu wissen, welche Gott seiner Macht vorbehalten hat. Daher auch alle Sterbenszeichendeuter, ich selbst nicht ausgenommen, oft irren und fehlen. Meine ärzte haben aus diesem grund ihre Instruktion, in ihrer Kur der lieben natur zu folgen, ihr nicht in den Weg zu treten, sondern sie bloss zu begleiten. Will sie nicht mit solch einem elenden geschöpf, als ein Doktor ist, zusammen gehen, so lasse sie der hochgelahrte Herr allein. Auch gut. – Bei mir stirbt niemand durch den Arzt, versicherte der Graf, sondern natürlichen, nicht medicinischen Todes. Das Stundensandührchen muss sanft abnehmen, ohne dass ihm nachgeholfen wird. Meine Mutter würde sagen: ohne dass es gerüttelt und geschüttelt wird. Man hat so viel von der Abstellung der Todesstrafen in die Kreuz und Quere geredet und geschrieben, dass wirklich einige Staaten die C.C.C. wo ohn' Ende und Ziel getödtet wird, ins Galante, ins Feine gebracht. Ich würde, sagte der Graf, die Todesstrafe darum abstellen, weil niemand weiss, ob er nicht durch die Hand des Arztes schmerzhafter, als durch die des Henkers, stirbt, und weil eine Seele, die noch kernfrisch ist, sich auf tausenderlei Art, durch Anstrengung auf einen Punkt, des Todes Bitterkeit vertreiben kann. – Das einzige, was einen Henkerstod schrecklicher, als einen Kammertod macht, ist die Gewissheit der Stunde; wer also die weiss, wenn er auf seinem Bettlein dahinfährt aus diesem Elend, stirbt ganz und gar wie ein Delinquent, wie ein armer Sünderganz und gar.

Ich könnte noch viel, viel erzählen, wenn ich alle Bemerkungen wiederholen wollte, die mir reichlich und täglich in Wurf kamen.

Ein Paar, und damit genug.

Das Händefalten hielt der Graf für ein schmerzlinderndes Mittelund sprach sehr von der guten wirkung, die er von diesem Hausmittel ersichtlich erfochten.

Die Art, wie er Kranke behandelte, war wirklich Erfahrungsweise. Alles hatte' er aus dem Leben, nichts, rein nichts aus Büchern.

Kurz, ehe es zum Sterben kam, trank er mit den Sterbenden Brüder- und Schwesterschaft. Eine solche Sterbensschwester konnte von ihrem Lager aufstehen, und wenn es ihre natur so wollte, gesund werden; allein sie blieb, was sie einmal warSchwester, obgleich ihr Vater Organist, Fabrikant, Nadler war.

Der Graf nannte diese Ceremonien: Becherreichung. Ich freue mich, sagte er, schon hier in dieser Welt im Himmel zu sein, wo wir alle, bis auf den lieben Gott, der der Hausvater ist, Brüder und Schwestern sind. Solch ein Trank ist wirklicher Himmelstrank, wirklicher Nektar, von dem viele Menschen sich keine idee machen können.

Der Prediger aus L – hatte anfänglich dieser Becherreichung wegen viel zu erinnern gehabt; indessen ward alles fein ordentlich und ehrlich beigelegt.

Es herrschte im ganzen haus des Grafen ein Krankentritt; langsam und auf den Spitzen der Füsse ging alles. Kein Wunder, sagte der Graf, wenn hie und da etwas steif in meinem haus ist und nach diesen Einrichtungen aussieht. Wenn's nur der Staat nicht ist, fuhr er fort, der auf den Zehen geht. – Im Privatause hat