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. Niemand konnte' in die Höhe sehen, wer Iphigeniens Aufopferung von Timant sah; alles stand betrübt, gebeugt zur Erde; nur Iphigeniens Vater, und wie der? eine schwarze Trauerdecke um sein Angesicht. Warum also? Darum also, weil es der Vater ist. Hier, sagte der Graf, hier unter diesem entsetzlichen Leichentuche ist auch ein Schmerz, grösser, tiefer als jeder Ausdruck. Etwas ist davon am Tuche zu sehen, und nur eben so viel etwas, als hinreichend ist, uns das Herz zu durchbohren. Sehen Sie hier nicht mehr als überall? Und doch ist hier nur ein Strich, ein Punkt! – Diess Stück ist auch d e r V a t e r !

Ich kann es nicht aussprechen, was ich empfand! Ich unterlag.

Der Prediger machte dem Grafen bei gelegenheit der Todesangst und Todesnot einen Einwand. Es hat, sagte der Prediger, Leute gegeben die aus Freude gestorben sind. Was tut's? sagte der Graf.

Viel!

Nichts!

Wo da die Todesnot?

Freund! erwiderte der Graf, die heftige Freude kann eher, wie heftige Traurigkeit tödten. Die heftige Freude hat sehr was Widerliches an sich. Fast wollt' ich behaupten, es ist noch niemand aus Traurigkeit gestorben, wohl aber aus Freude. Nicht weil die Traurigkeit dem Menschen eigner als die Freude ist, obgleich dieser Umstand uns eben nicht aus dem Wege liegen würde; sondern weil der Mensch bei der Traurigkeit auf seiner Hut ist, die ganze Wache ins Gewehr ruft, alle Macht und Kraft aufbietet, und: macht euch fertig! schreit. Bei der Freude überlässt sich der Mensch sich selbst, es geht mit ihm rips raps, holter polter, über und über, und diess Freudenwirrwarr, wie leicht kann es dem Menschen eins versetzen! Ein aus sich versetzter Mensch ist tot. – Grosse Lustigkeit und tiefster, schmerzhafter Unwille sind so nah, dass sie sich in die Fenster sehen können. Fast wollt' ich sagen, ein heftig lustiger sei eben so gefährlich unwillig im Sinn, wie man gefährlich Kranke hat, die sehr gesund aussehen.

Diagoras freute sich über seine drei Söhne, weil sie alle drei den Preis der Akademie der Wissenschaften erhalten, fing ich an. – Lassen sie den Diagoras, sagte der Graf, er hat mehr seines Gleichen. Ein grosses Glück ist eine Posaune der Ewigkeit, und sollte jeden Menschen aufmerksam machen. Wenn man schnell dick und fett wird, ist diess eben kein Beweis der Gesundheit. Hat man Schmerz, Kummer und Gram, und der Körper ist nur aus gesundem Schrot und Korn, Freunde! das sind Leute, die ihr Leben bis auf den Gipfel treiben, das sind Leute aus dem vierten Gebot! Ein lachend Sterbender fühlt Not über Not. Er macht nur zum schlechten Spiel ein gut Gesicht, und gelt! das ist schwer Ding! Stirbt er schnell und lacht er überlaut, ist's ärger, als der Schrei dieses Mannes hier! Wer so lachen gehört hätte, würde nie mehr lachen. Stirbt man langsam und lächelt, kann ein so freundlich Aussehender auch ein leichtes Ende haben; denn er ist schon lange zuvor gestorben, eh' er diess Ueberwinderlächeln aufschlug. – Ich halt' es, beschloss der Graf indessen mit Ernst, im Sterben mit einer gewissen Fassung, und die kennt weder lachen noch Weinen. Eine gewisse Grazie liegt zwar in jedem ernsten Gesicht, und ein gewisses Seelenlächeln, wenn Ernst edler, unangenommener, nachdrücklicher Ernst. – Ein Ernstspieler, ein Einfallsernst, o das kennt man auf ein Haar! –

Noch ein Wort zu seiner Unzeit.

Meine Leser werden es von selbst gemerkt haben, dass diess alles nicht in wenigen Stunden verhandelt ward. Wir assen und tranken, wenn die Zeit und ihr Zeiger, die Sonne, es wollte; da war der Graf wie ein anderer Mensch. Und ich kann versichern, dass es hier nicht heissen konnte: der Tod in Töpfen; inzwischen war auch bei Tafel alles wie beim Leichenessen. Eine unsichtbare stimme rief, statt des Benedicite und Gratias, nach Art des Philippus: Gedenke an den Tod! Bei Tafel war geredet, und zwar viel. Wir waren nicht Papageien, die nur Memento mori bei schicklicher Nun mit der erlaubnis meiner Leser in

das dritte Zimmer,

Ehe ich sie hineinführe, wieder ein Wort der VorBei den Sterbenden war der Graf mit Tubus und l i c h , das war seine Losung; das wissen wir schon. Als etwas Neues und Besonderes muss ich bemerken, dass der Graf fast immer Zeit und Stunde wusste, wenn es mit dem Patienten aus sein würde, allein er sagte es nie dem Sterbenden. Er? nie? obgleich er den Tod so hochschätzte, und eigentlich lebte, u m zu sterben, oder eigentlich starb, und nicht lebte. Der Graf hatte zu diesem Rückhalt sehr grosse Ursachen. Man muss, sagte er, keinem Menschen das Sterben verderben. Der Arzt, der es durch die Signa Mortis vielleicht eben so gut weiss als ich (ich sage vielleicht, denn er weiss es vom Körper, ich von der Seele), ist mein Mann nicht mehr, sobald er es seinem Patienten ins Ohr rannt, oder Leuten entdeckt, die der Patient an den Arzt abgesandt. Eine schreckliche Gesandtschaft! Meine ärzte müssen sich dergleichen Kunstverrätereien nicht zu Schulden kommen lassen. Mir können sie zunicken, was sie hoffenwas sie fürchten