Habt ihr dadurch schon den in integrum restituirt, den ihr für einen Weinsäufer, beissig, harterzig ausgabt, wenn ihr über viele Zeit, da er schon dieses eures Todtschlags halber in die Verwesung übergegangen, eine Palinodie sanget und behauptetet, er sei ein Wassermann, habe keine Zornzähne, sei warmherzig; und wie mancher ist gar nicht mehr mit euch auf dem Wege, den ihr beleidigt habt! Wird der Mord, den ihr an der Mutter verübtet, etwa nicht gestraft, wenn ihr ihrem Säuglinge eine Amme gebt? oder wenn ihr den Altar bekleidet oder dem Oberpastor einen Anteil vom Besten spendiret? Hat Christus, der Mund der Wahrheit, etwa die Unwahrheit unter die Christenleute gebracht, wenn er über jedes unnütze Wort Rechenschaft einfordert? Ist was wahrer, was richtiger? Herr! wenn du willst Sünden zurechnen, wer kann bestehen? So gut ich mein Buch gemeint, können nicht Stellen sein, die nicht da sein sollten? Und was alsdann? So ruhig wie die zwei Gottes-Menschen oben gestorben! Wer es kann. Wer nach Orts-Ellen gestempelt, durch den Land- und Stadtphilosophen Gottes Eigenschaften abmisst, und Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nach dem Einmaleins berechnet; was meint ihr, kann er wohl bei ganz gesundem Nachdenken sein Haupt so rückwerfen, wie die beiden, die wir nahebei gesehen haben? Und seht sie doch nur r e c h t an. R e c h t ! Ist denn die Ruhe der beiden guten Leute die rechte Ruhe? Wer steht uns dafür? Der Phlegmatische ist ruhig, weil er phlegmatisch ist. Wenn aber ein Betriebsamer seine Geschäfte richtig durchkalkulirt, Debet und Credit abzieht und Summa Summarum Ruhe abzieht. – Was meint ihr? Ist das nicht eine andere Ruhe? Eine Ruhe, ohne vorherige Unruhe, was ist sie? Reue, die niemand gereut, wirkt Leben, und wenn denn ein Deist traurig wird, was kann diese Trauigkeit der Welt anders wirken als den Tod? – Seht da den Christen, die Augen offen (im Leben heisst es, Nase und Mund offen) wegen der Hinsicht; allein wie ruhig wegen der Rücksicht! Selig! selig wer wie Mine stirbt! so kindlich gross! so schön! So sterben zu sehen, ist das nicht Wonne? Wer so stirbt, der stirbt wohl, wohl, wohl! Und verdenkst du, unberufener Kunstlichter, dem Grafen, dass –
Seht nun, wie ausdrücklich berechnet ist die Ruhe der Christen auf ihren Gesichtern! Gilt es denn hier etwa nur eine taube Nuss, oder gilt es eine Ewigkeit?
Nach diesem Präludio, ich wünscht' es wär' in der Wirklichkeit so stark im Ausdruck, als das des alten Herrn in der Einbildung! Seht euch mit mir um, lieben Leser!
Auf den Christen-Todtenköpfen eine vollständige Quittung, Brief und Siegel zum Losspruch. Kein Zweifelglaube, ohne alle Einwendung in der Rücksicht. – Die Kinderfrage in der Hinsicht tut nichts zur Sache. Seht jenes Weibsbild! wie unbefleckt, wie frohruhig, wie zweifelsfrei! Nicht Hoffnung, sondern der Himmel selbst in hoher person, hätt' ich bald gesagt, liegt auf ihrem edlen gesicht! Ich kann hier selbst keine Neugierde, keine Kinderfrage finden. Solch ein Weib, wie schön selbst im tod! Alles ist neues Testament, alles ist Erfüllung in ihrem glänzenden Angesicht! Nichts Prophezeiung, nichts Vorbild, nichts Verheissung. Jener alte Mannskopf ihr gleich! O Gott! wär' ich doch einst auch so tot, wie die beiden! Da ist auch nicht ein einziger Zug, der nicht wünschenswert wäre! Nicht einer! So schöne Köpfe würde man Mühe haben, im Leben zu finden. – Der Graf erzählte uns beider Sterbensläufe. Sie wären gern, wie er sagte, herzlich gern gestorben, und hätten die Kräfte der zukünftigen Welt so gewaltig gefühlt, dass sie mehr dort als hier gewesen. Ueberdruss der Welt ist Vortodt, bemerkte der Graf. Es ist ein gut Hausmittel, die Bitterkeit des Todes zu vertreiben. Wer aber so gleich gerade stirbt, so einen klaren reinen Tod ohne alle Ingredienzen! O schön! rief der Graf aus. – Ein auszehrendes Fieber lösete die beide Köpfe auf. Ihr Geist lag nicht an der Auszehrung; feierlich, sagte der Graf, so mit Verstand und allen fünf Sinnen, gingen sie aus der Welt, so dass nur ein Tor, wie der Graf sich etwas zu hart ausdrückte, sagen könnte: Sie wären gestorben. Freunde! auf Ehre, sie zogen nur über Land. Wer einfach, wer im Naturstande, im stand der Unschuld lebt, stirbt der? Nein, er wird lebendig gegen Himmel geholt und solcher Uebergänger, solcher Himmelsfahrer gibt's viel, obgleich das Paradies nicht mehr ist. Es ist mit der Unschuld zusammen verschwunden.
Wir sprachen bei dieser gelegenheit ein Hohes und Tiefes über den Einfluss, den die Krankheit auf die Gestorbenen behauptet; allein der Graf versicherte, wenig oder gar nichts. Auf den Agonisirenden zwar; allein auf den eigentlich Sterbenden, auf den Gestorbenen nicht. Sobald der Mensch tot ist, fuhr der Graf belehrend fort, zieht sich alles, wenn ich so sagen soll, nach der Seele, die grössten, eindrücklichsten Krankheiten verlieren ihre Spuren. Das Wort: k o m m oder g e h , welches die Seele, die ihr voriges Leben dem Gewissen vorreferirt, schon in den letzten Augenblicken vor dem infallibeln, unappellabeln Richterstuhl des Gewissens