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so oft hinter ihr versteckte, und vom verstand Feigenblätter, Vorhänge borgte, kaufte, wie es die Not wollte, ist da auf ein Haar zu sehen, als wenn er lebt, als wenn die Seele nur über Feld gegangen wäre, um frische Luft zu schöpfen, um ins Freie zu gehen, als wenn die Seele gleich wieder kommen würde. Ihr Hauptsessel ist noch nicht kalt. – Spassvogel Diogenes, lösche deine Laterne aus! Hier sind Menschen, recht wie sie sind. – Da ist das aufgegebene Rätsel und die Lösung, das Exempel und die probe! Jeder fürchtet sich vor dem natürlichen, vor dem Kammertode, vor dem kalten, vernünftigen tod. Der Heldentod, der Feldtod ist nicht kalt, nicht vernünftig. Es ist ein künstlicher Tod, man weiss nicht wo man bleibt; und ich, sagte der Graf, ich, der ich dem tod seine Künste ablaure, ich, der ich ihm nachschreibe, wollte in Fällen dieser Art nicht Observationen anstellen, um alles nicht, in Fällen nämlich, wo der Mensch so recht in seinen Sünden, ohne Zeit und Raum sich in Ordnung zu legen, dahin stirbt, dahin. – Zwar, fuhr der Graf fort, zwar hab' ich selbst zwei Brüder, die auf dem sogenannten Bette der Ehren geblieben sind, und ich hoffe sie gewiss in der seligen Ewigkeit zu treffen; indessen ist nichts richtiger, als dass der Baum wie er fällt, liegen bleibe. Da liegt der Grund von meinem Grundsatz. Wahrlich, lieber Leser, das war das Motto zu dem Zimmer, in das ich euch ein- und die gnädige Frau v. –, die eben jetzt schon ein englisch Tänzchen macht, ausgeführt habe, obgleich die gute Frau, unter uns gesagt, über ein Kleines auch ein Todtenkopf werden wird, und ins Ohr gesagt, schon jetzt halb einer ist. – Und diese Köpfe? So hab' ich schon einmal gefragt, und so werde' ich noch oft fragen und immer darauf antworten: o Freunde, wie wert zu sehen, wie wert! Wer kann sie aber ohne Verlust beschreiben? Wer? Ein Gemälde von andern Gemälden ist Copie, ist tot an ihm selbst, ist kalt von kaltwieder eine Kopf als früg' er: wo kam ich hin? so bescheiden gefragt, dass es ihm gleich war, wohin es ginge. Die Augen so geschlossen, als ob er sich alles willig gefallen liesse, und gern unter Gottes Regiment blind wäre, ohne alle Capitulation. Wer wird auch mit dem guten, mit dem lieben Gott capituliren.

Tiresias tödtete die Frau Drachen und ward aus einem mann ein Weib. Nach sieben Jahren tödtete sie oder er den Herrn Drachen und ward ein Mann. Seiner Offenherzigkeit halber, da Jupiter und Juno über die Süssigkeiten des Ehestandes stritten, und er dem weiblichen Geschlechte den Apfel reichte, ward Juno aufgebracht; denn welche Dame, wäre sie auch eine Göttin, tut nicht so, als sei ihr nichts um die Liebkosung der Männer zu tun, und sei es auch Herr Jupiter, der ihr liebkose. Der Zorn der Juno machte den Tiresias blind. Jupiter aber verlieh ihm in höchsten Gnaden das Privilegium personale, wiewohl in casu onerosum, wahrzusagen, zur Erkenntlichkeit. Die Anwendung dieser Fabel: Tiresias hatte so die Augen zu, wie unser Verstorbenerer war so zufrieden, wie Tiresias. Das Schicksal wollt' es, dass er die Augen schliessen sollte, und er schloss sie. So auch unser Kopf. Tiresias war blind und sah mehr, als Leute, die ihre zwei Augen im kopf hatten. Unser Gestorbener schien auch beim Verlust seiner Augen eines andern Heils gewiss zu sein. Das war Aussicht. Die Rücksicht? Sich selbst von Jugendsünden zugezogener Sterbensschmerz schien auf der Stirn zu runzeln: allein kein Bewusstsein, seinen nächsten um fünfzig Procent gebracht zu haben, kein Betrug, kein Bubenstück. Die Unterlippe biss die obere ein, doch verwundete sie solche nicht. – Paete, non dolet. Oberlippe, es tut nicht weh, schien die Unterlippe der Oberlippe aufbeissen zu wollen. Just dann schmerzt es aber, wenn man sagt, es schmerzt nicht. Man bespricht den Schmerz, wenn man spricht, indem es weh tut, wenigstens glaubt man ihn zu besprechen.

Sollten Sie denken, meine Herren, sagte der Graf, es ist ein blosser Gottverehrerder, wie er mir bekannt hat, den lieben Gott bloss in seiner lieben gütigen natur gesehen, gekannt und sich drob gefreut hat. Denn Gott ist nicht ferne von einem jeglichen. Den feurigen Busch der Religion hat er nicht gesehen. Er blieb seinem Naturglauben und Vernunft-Catechismus, der nur einen Artikel hat, treu! Ich kann nicht, sagt' er, wenn ich gleich wollte, allein ich habe keinen in seinen drei Artikeln gestört, keinem seinen Catechismus im Spiel abgenommen, keinem geschwindes Witz- ober langsam wirkendes Verstandesgift eingegeben, keinem in seinem Tun und Lassen einen Stein des Anstosses in den Weg gelegt. Ich hielt viel für Gotteslästerung, was andere für Gottesverehrung hieltenichbesonders war es, bemerkte der Graf, dass er das I c h unendlich oft und viel aussprach, und mit seinem I c h hinten und vorn war. Er blieb auch im I c h . – Er stiess sich das Herz daran ab. Mit dem lieben I c h ! – Die Herren Naturalisten im guten