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zu erleichtern und ihnen einen Dienst daran zu tun. Sie können jetzt die Zeit nicht abwarten, sie keuchen recht nach dem vorgesteckten Ziel und oft hab' ich gehört: Willst du mit? Ich bin bereit. So kommich gehGern! So komm doch! Gern! Nun? Hol' mich nach. So gern ich wollte, kann ich?

Wenn die grausame Gewohnheit der Alten, Leichen bei Leichen zu machen, in diese Ideen zum teil einschlüge? sagten wir alle drei, und taten so als frügen wir's. Wir machten es wie die Redner und Schriftsteller, bei denen das Fragezeichen nicht ein Menschenhaar mehr bedeutet als gehorsamer Diener, untertäniger Knecht und dergleichen siebenmal sieben Sachen mehr.

Selbst der Selbstmord würde beim offenen grab noch am ersten aus der natur des Menschen zu erklären sein, und es gehört ein eben so grosser Grad Lebensliebe dazu, als der grosse Menschentöpfer uns mit eingeblasen, um diesen Grillen bei den offenen Gräbern der lieben Unsrigen zu entkommen. Man dünkt sich ohne die Seinen verwaist in der weiten Welt, und ist man es nicht an diesem unempfindlichen, grossen Orte? Was wäre das Leben, wenn man nicht noch den Cirkel der Seinen hätte, wo man noch das süsse Echo seines Schmerzes, seiner Freude hört und eine Teilnehmung sieht, Liebe und Gegenliebe empfindet? – Wer sich auf einem andern Wege als am offenen grab das Lebenslicht ausbläst, bedenkt nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt. So ehrbar es manchem lässt, er ist doch mit seinem Kopf über Bord. Ei, wenn es der Mensch in einem entsetzlichen, übermenschlichen Schmerz täte? Gibt's übermenschlichen? Exempel zwar, dass Menschen sich des Schmerzes halber umgebracht, ob's aber übermenschlicher Schmerz war, bleibt Frage. So viel ist auffallend, dass der Leib, der, wenn er tot ist, da liegt wie ein Stück abgehauenes Holz, unmöglich dem Schmerz ausgesetzt sein könne, den er im Leben empfand, und wenn also ein Leidender seine Seele Gott befiehlt und seinem ihn plagenden leib einen Streich spielt oder dem armen Schelm eine Wohltat erweist, so liesse sich darüber reden, mehr aber auch schwerlich; denn ein solcher Selbstmörder kommt aus dem Text der natur. – Wie selten sind indessen Exempel von Leuten, die aus Schmerz sich ins Leben greifen, in ein zweischneidendes Schwert fassen; denn Leute, die dem tod recht ehrlich trotzen können, o, die trotzen auch dem Leben.

Ei, wenn der Mensch alles vollendet hätte? Wenn ihm die Zeit mit Recht lang würde? Alles vollendet, Lieber, alles! Wenn wir getan haben, was wir zu tun schuldig waren, sind wir dann mehr als unnütze Knechte? Wer hat aber alles vollbracht? Wem wird die Zeit auf eine weise Art zu lange?

Jener Freigelassene der Agrippina, der sich bei dem Scheiterhaufen seiner Gönnerin (um ihr Ehrenbette nicht zu beflecken) erwach. Viel Erkenntlichkeit, wenn sie ihm bloss Schutzgöttin war! – Doch solche Erkenntlichkeit haben noch mehr bewiesen. Weiber, Freigewordene, selbst Hunde und andere Tiere, die sonst nicht so treu befunden werden.

Sehen und hören, ich habe es, glaube' ich, schon sonst wo gesagt, vertragen sich mit einander wie Halbgeschwister. Ich gestehe es sehr gern, viel, sehr viel von dem Gerede des Grafen verloren zu haben, und das ist Schade! Der Graf, der in andern Fächern eben keine grosse Kenntnisse bewies, war unerschöpflich in den Sterbenswissenschaften. Da hatte er gedacht und gelesen. Da konnte er mit dem Gelehrtesten schon eins anbinden. Ich wundere mich noch, dass er bis auf die Terminologien, die eben seine Sache nicht waren, den Tod in allen zeiten, in allen Zungen und Sprachen verstand. Sogar aus fremden Sprachen, die er nicht kannte, wusste er gewisse Worte, den Tod betreffend. Der Prediger konnte ihm in dieser Kunst auf sechs kaum das siebente antworten; indessen examinirte er nicht, wie es denn auch niemand tut, der dem andern sehr überlegen ist. Wer wirklich weniger weiss, als der Initiandus, ist ein Inquisitor im Examen. – Der Ueberlegene lehret nur, das heisst, er legt es alles zum Greifen nahe.

Ich erinnere mich meines Versprechens, meine Leser in drei Zimmer zu führen.

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D a s e r s t e Z i m m e r soll das sein, wo der Graf seine verstorbene nächste Familie hatte.

Es wird meinen Lesern noch im frischen Andenken sein, dass ich bei dem seligen Ende des zweiten Teils der Lebensläufe, da ich den besonderen Mann, den Herrn Grafen, am dritten Ort zu präsentiren die Ehre hatte, zugleich anbrachte, wie er sehr traurige Schicksale überlebt. Sieben Kinder, alle im Lenze des Lebens, waren ihm gestorben. Dieses Zimmer hiess Familienkabinet, und war den Schatten dieser sieben Seligen, dieser sieben Engel, die Gottes Angesicht sahen, gewidmet. Lange stand der Graf an, ob er diese heilige Seelenzahl verrücken und ihnen noch die beiden Bräutigams der beiden als Bräute gestorbenen Töchter, und die Braut des als Bräutigam gestorbenen Sohnes, zugesellen sollte? Endlich Ja! weil seine Gemahlin schon über sieben war. Die Zahl war also schon verdorben. Diess Familienkabinet entielt diese lieben toten, wie der Graf sie nannte, von denen immer eins dem andern die Hand gab und eins nach dem andern an den Reihen kam. Eines fordert das andere zum