kennen!
Die Hoffnung war eine Gesegnete, eine der Entbindung nahe. Das Kind sprang ihr im leib, wie der Elisabet, und doch sah man ihr einigen Kummer an. Sie zählte die Monden. Sie hatte sich auf einen Anker gelehnt. Sie lag fast ganz darauf. – In der einen Hand hatte sie ein postfliegendes Noatäubchen. Den Kopf hielt sie in die Höhe, als ob sie wissen wollte, wie weit von ihr zur Erfüllung wäre, vom Ja zum Amen. Die Augen, das merkte man, konnte sie nicht in die Höhe bringen, sie wollte –
Es standen die Worte herum: Hoffnung lässt nicht zu Schanden werden! H o f f n u n g gross.
Der Prediger war ein Musikus, und da ihm der Graf das kleine Positivchen zuwies, zog er den Tremulanten, den Hauptzug an diesem Werklein und spielte: Was willst du, armes Leben?
Beim Herausgehen wurde mir ein Buch in die Hand gegeben, das die Aufschrift führte:
"Namen derer, die in dieser Kapelle gewesen, die,
da sie schrieben, waren, und eh' sich das Blatt um
kehrt, nicht mehr sind. Ihre Namen mögen ge
schrieben sein ins Buch des Lebens! Amen."
Herzlich freut' ich mich, dass ich meinen Namen beinahe am Ende schrieb, so dass das Blatt bald umgekehrt werden musste – b a l d ! Es ergriff mich ein Schauer und es war, als hört' ich Minen säuseln: bald!
Der Graf bewohnte sieben Zimmer, wo er und sein Bruder Feuer und Herd hatten. Des Grafen Bette war ein förmliches Gewölbe. Lazarus, unser Freund, schläft, sagt' er zu mir, da er es mir zeigte. Sein Bruder gab ihm nichts nach, nur dass auch hier das gräfliche Wappen eine Scheidewand machte. Der Graf, der sehr in die Urnenfaçons verliebt war, hatte in seinen sieben Leibzimmern christliche Urnen, wo er wirklich christliche Todtenknochen unter wohlriechende Dinge gelegt und aufbewahrte.
Bei gelegenheit, dass uns der Graf in seinen sieben Leibzimmern herumführte, war er nicht etwa stumm, sondern so beredt, als nur irgend jemand sein kann. Wir setzten unsere gespräche, des Sehens unerachtet, ohne Zeitverlust fort. Man sieht noch einmal so gut, wenn man drein spricht, wenn man sagt, was man sieht. Das hören leidet Abbruch, wenn man recht von Herzen sieht. Wir sprachen über das, was wir sahen – und über vieles, was wir nicht sahen. Meine Leser werden keine Mühe haben zu wissen, was jedem aus unserm Kleeblatt, aus diesem Spiritus – oder wie es sonst heisst, eignet, zugehört und gebührt. Die Griechen, sagte der Graf, hatten die Gewohnheit, einen Zweig an die Tür zu stecken, wo ein Todringer lag, wie ungefähr hier, wo Bier feil ist. Ich behalte diese Gewohnheit auch bei. über jede Tür in meinem Sterbehause, wo gestorben wird, ist ein Reis als ein Siegeszeichen angesteckt; warum ich aber an einem Sterbenden nicht genug habe, geschieht nicht sowohl meinet- als der Sterbenden wegen. Man hat sich gewaltiglich über den Gebrauch der Alten gewundert, dass man bei der Leiche anderer viele Leichen machte, um dem Gott des Todes den Mund zu stopfen und den Charon auf einen Tag in solchen Schweiss zu setzen, dass er fast selbst gestorben wäre. Man hat, dünkt mich, Ursache sich zu wundern. Soviel ist aber gewiss, dass es weit angenehmer ist, in Gesellschaft zu sterben als in Gesellschaft zu leben. Der grösste teil der Menschen stirbt eben darum so schwer, weil er alles verlassen muss und weil ihn alles verlässt, weil er so sehr allein bleibt. Ein schweres Wort a l l e i n . Der Mensch ist ein geselliges Tier. Der Sterbende hat selbst so oft und viel in seinem Leben derer, die starben, vergessen, als dass er auf die Ehre eines längern Andenkens rechnen sollte. Wenn er aber mit dem Cirkel, in dem er leibte und lebte, in einem stirbt, wie tröstet diess? Auch wenn ihm die andere Welt und die Wiederkunft der Guten und Bösen ein unauflösliches Rätsel bleibt, gibt ihm dieser Gedanke einige Ruhe – und welch eine Seelenruhe, wenn er mit ihnen, sowie er hier lebte, dort wieder lebt! Da denkt denn der Reiche, er werde unter seinen mit ihm zusammen gestorbenen Schuldnern noch immer der Gläubiger bleiben. Die Leute werden sich doch schämen, ihn auf einen andern Fuss zu nehmen, da sie ihm die Zinsen ohnedem acht Tage nach der Verfallstunde berichtigt, welches aufs Jahr schon etwas beträgt. Da denkt der Herr, wenn er mit seinen Bedienten zusammen stirbt, die Menschen werden doch Lebensart verstehen. Ich, sagte der Graf, ich selbst möchte mich nicht gern von meinem Bruder trennen. Darum, fuhr er fort, sind uns neue Freundschaften so verhasst, wenn wir in gewissen Jahren sind, im Fall die Freundschaftsparteien nicht jahregleich sind. – Auf Ehre, liebe Sterbenscandidaten und Candidatinnen! wenn die Hohen und Reichen, die Augenlustigen und die vom hoffärtigen Leben wüssten, wie wohl es in dieser Rücksicht sich im Hospital sterben liesse, stürben viel drin, die sich jetzt wohlbedächtig genügen, Geld unter diese Armen auszuwerfen. Diese Armen besitzen oft mehr als alle Schätze der Welt; denn das Himmelreich ist ihrer! Darum vorzüglich glaube' ich, sagte der Graf, durch gute Gesellschaft meinen Sterbenden ihr Ende