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lieber Gevatter, versetzte der Graf, etwas untolerant. Ceremonien, lieber Gevatter, sind Kleider der Sache. Kleiden denn alle Farben alle Gesichter? Es ist ein Aufputz, das Coloritdas wahrlich seinen Meister erfordert. – Wenn es also recht wäre, müssten Christen christliche Ceremonien haben. Wie stimmet Christus mit Belial? hätt' ich bei einem Haar gesagt; allein Belial und ein Heide ist zweierlei. Die Folge dieses Spruchs passt besser. Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsterniss?

Ich gestehe es gern, dass mein Auge dem Ohre viel abgewonnen; indessen kam die Sache endlich so zu stehen:

Es gibt ein blindheidnisches und ein gottesverehrendes, ein sehendes Heidentum. Auch diese Sehenden sind von Christen unterschieden, so wie Saal von Kirche. Findet man Antiken, wo man einen unbekannten Gott drin siehet, einen Künstler, der bei dieser Arbeit nicht auf's Sichtbare, sondern auf's Unsichtbare sah: Heil dem Künstler! Und findet man einen Samariter mit Oel und Weiner sei uns ehrenwertund findet mangenug.

Zu beiden Seiten der grossen tür standen zwei Genien, deren jeder seine Fackel umgekehrt hatte und ins Kreuz auf eine Urne hielt. Zwei Sphinxe von beiden Seiten sahen zu.

In einem feld waren zwei reissende Tiere, die nach einem Schmetterling haschten, der über einer prächtigen Urne flog. Sie haschten; allein er entfloh.

In einem andern die Artemisia, mit einem Trank, köstlicher als die Perle der Cleopatra! Mannsasche. Zu einer Seite ein Künstler mit dem Riss vom Mausoleum in der Hand, zur andern ein Dichter, der mit den Augen sang. Wie kann er anders auf der Wand?

Sodann allerlei Arten von Pyramiden, Mausoleen, Grabmälern, Urnen, Tränenflaschen. Ein Feld mit drei Parzen! Zu beiden Seiten solch Feld.

Endlich Himmel und Hölle, der Alten drei Furien, der Tantalus, der heidnische reiche Mann, der mitten im wasser steht und doch Gefahr läuft zu verdursten. Ein Rad, mit dem ein Verdammter ewig herumgetrieben wird. Das nenn' ich rädern, sagte der Graf! leidenschaft heisst diess Rad.

Ferner ein Leichenbrand, von Leuten angezündet, die ihre Gesichter abgewandt hatten. Eine Gebeinlese von Verwandtenund die Collekte: S.T.T.L. sit tibi terra levis. Leicht sei dir die Erdedrei, vier, fünfmal angeschrieben.

Sodann ein Feld. Elysisch. Frühling. Paradies. Ein Körper, diesem Klima gleichdrei Grazien.

Endlich eine Art von Altar, oben ein Spiegel. Um den Spiegel die Aufschrift: d e m u n b e k a n n t e n Gott!

Diess, sagte der Graf, ist der Erbauungssaal derer, welche nur eine Offenbarung durch die Vernunft kennen, nur ein Licht, das den Tag regiert, ohne an das Licht, das die Nacht regiert, und die Sternenflur zu denken. Die Vernunft wird durch den Spiegel angedeutet, den man nur auf Zehen erreichen kann. Es muss ein Flügelmann sein, der einen blick hineinstehlen soll; und was sieht er? Ein klein Stückchen Kopf! Er sieht sich, wenn er Gott sehen will. Bei allem dem bin ich kein Feind dieser Gottesverehrer, ich habe Kerls darunter sterben gesehen, besser wie Sokrates, ohne Hahn, ohne Todesangst. – Kein Wunder, sie hatten das neue Testament unsers Herrn gelesen. – Sie sollen einige sehen unter meinen Todtenköpfen, wo ich Christ- und Gottverehrer zusammen, wie es in allen Gebeinhäusern Sitte ist, gestellt habe. – – Da ist nicht mehr Tempel und Saal.

Paulus kann unmöglich brünstiger den u n b e k a n n t e n G o t t e s a l t a r angesehen haben, als ich den des Grafen, geweiht den Menschen, die Gott nicht als Vater, sondern als Herrn, als Alleinherrscher, anschauen. Ist denn, dachte' ich, Gott den Christen bekannter? Wohnt er nicht in einem Lichte, wozu niemand kommen kann? Ist er nicht ein Wesen, das niemand gesehen hat und sehen kann? Der Gottverehrer indessen sieht sich selbst im Spiegel, der Christ sieht Christum, wenn beide Gott sehen wollen. Ihm, dem Vater aller Dinge, sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!

Wir gingen durch mancherlei Zimmer zur Kapelle; durch viel Trübsal, sagte der Graf, zum Reiche Gottes. Es waren ihrer dreimal sieben. Der Graf liebte diese Zahl sehr, er nannte sie eine Offenbarung-Johanniszahl, eine biblische Zahl, und hatte gewiss ein paar Zimmer (da wollt' ich drauf wetten) eingehen lassen oder mehr angebaut, um nur die Zahl sieben herauszubringen! Man lasse ihm doch die siebente Zahl! Meine Mutter pflegte zu sagen, jeder habe seine Zahl, die ihm am Herzen liege. – Es war kein einziges unter allen siebenmal sieben Zimmern (so viel waren im haus), in dem nicht Ende, Tod und Verwesung angeschrieben war! Alles mit grossen Buchstaben. Er war ein heiliger Vater, der die Bilder die Schrift der Einfalt nannte. Sie sind es; allein für den Klugen sind sie Poesie. In dem Saal und sechs andern Zimmern gemeine Liebe, in den siebenmal sieben Zimmern weniger sieben die christliche. Särge in den christlichen Zimmern ohne ende' und Zahl. – Wenn ich bei jedem dieser Särge eine christliche Leichenpredigt halten und die Todeszimmer alle zusammen be-