die lieben Unsrigen incognito sterben lassen? Wir sehen uns wieder. Ist in der Welt eine Lücke durch unsern Freund, durch unsere Geliebte worden? Fehlt denn ein anderer? Ist Alexander selbst in der Welt vermisst, der doch wohl unstreitig ein Weltmann war? Haben Sie, mein Kind, in Curland gewusst, dass ich Frau und Kinder verloren? Lasst uns doch nicht vergessen, dass wir in der Welt und nicht in der Familie sind. – Das war ungefähr, was der Graf und der Prediger mir ans Herz legten. Hier ist der Extrakt meiner Exception.
Der Zeit kann und muss nichts vorgreifen; nicht Religion, nicht Weisheit. Sie leidet es nicht, und nur sie kann den Schmerz, den allergerechtesten Schmerz, lindern. Zeit und Ewigkeit liegen nicht so von einander wie Königsberg von Paris, wo ich Extrapost und langsam fahren kann. Die idee, den Freund, die Geliebte siehst du nicht mehr, so ganz erdenganz, wie sie da waren; die idee, der Leib, den du geliebt hast, dem du so gut gewesen bist, ist Asche! ist Staub! O liebster Graf! das brennt wie Nesseln an die Seele. Wir betrauern nicht die Seele, sondern den Leib, weil er Fleisch von unserm Fleisch ist.
Wenn noch ja eine künstliche Störung im Schmerz angenehm wäre, würde' es die sein, wenn man hohe achtung für jemand hat, und sich gerade halten muss. Der Schmerz geht krumm und sehr gebückt. Durch diesen Zwang kommt man zuweilen der Zeit vor; allein oft ruht sie sich. Es kommen Recidive! – Sich Gott, das ist, sich der Zeit überlassen, das, hoff' ich, wird meine Wunde heilen. – Es kann Linderung geben, wenn man aus Schmerz die Binde wegreisst; allein die Wunde wird gefährlicher durch diesen Aufriss. Man lasse der natur ihren Lauf; sonst ist's Unnatur. Die Alten erzürnten sich zuweilen mit den Göttern über einen Todesfall. Sie schimpften, sie warfen die Bilder der Hausgötter auf die Strasse und wollten nicht mehr so unerkenntlichen Göttern ein Obdach verstatten. Es ist Schmerzensnatur, so etwas auslaufen lassen – und nichts bringt so sehr zu sich, als dergleichen Excess. Ein ganz stiller Schmerz ist der gefährlichste. Wenn er poltert, schlägt und stösst, legt sich der Sturm und es wird bald stille. Strenge Herren regieren nicht lange!
Der gute Prediger, der oft zurückgeblieben, wollte bei dieser gelegenheit voraus, und eilte uns mit der Anzeige nach, dass Alexander der Grosse, als ihm sein Jonatan Hephästion starb, sogar die Stadtmauern kurz und klein gemacht, um eben hierdurch Trauer zu tragen um seinen toten.
Dass man sich die Haare abschnitt, um seine Trauer an den Tag zu legen, find' ich nicht unrecht, sagte der Graf. Man will auch was von sich verlieren, man will dem Verstorbenen etwas mitgeben. – Ich dachte' an Minens Locke, die ich an meinem Busen befestigt hatte, und gern hätt' ich jetzt eine von mir Minen ins Grab gegeben, wenn es nicht zu spät gewesen. – Wie viel Sterbensart kann man von einem Mann wie der Graf lernen!
Ich komme wieder ins vorige Extractsgeleise. – Die Haare ausraufen, ist von jeher als ein Zeichen der Traurigkeit angenommen worden. Wer gegen Himmel betrübt sehen kann, fordert der nicht fast Gott heraus, tut der nicht mehr, als die Hausgötter ausfegen? und doch halt' ich ihn für einen bessern Menschen als den, der dem lieben Gott was vorliebäugelt, und im Herzen gallenbitter auf ihn ist. Der Pharisäer! Ich glaube, der liebe Gott sieht's recht gern, dass wir Menschen sind, dass wir das Herz haben, es zu sein! Es ist ein lieber, guter Gott!
Dem Grafen war es eine Besonderheit, dass man zu alten und neuen zeiten Menschen zur Gruft von andern Menschen tragen lassen und lässt, und dass auch hierbei, nach Bewandtniss der Leiche, bald viel, bald wenig Träger genommen werden, obgleich diess mit zur letzten Ehre gereicht, von der oben gehandelt worden. Leitet man nicht den, der nicht gehen kann? sagt' ich, und um auf die letzte Ehre einzulenken: Träger sind die Livreebedienten des toten. Sollte man nicht beim Begräbniss Ewigkeit spielen, und diess Verwesliche nach dem Unverweslichen stimmen? erwiderte der Graf. Und der Hammer? fragt' ich. Sollte, fuhr der Graf fort, und nun waren wir im
saal.
Was seiter vorfiel, war gehenden Fusses, war auf der Treppe. Man sieht ihm die Stufen an. – Erschrekken, pflegte mein Vater zu sagen, ist die Goldwage für Männer. Wir können erhaben und pöbelhaft erschrecken. Die Weiber erschrecken bald, und, was noch mehr ist, nach einer und zwar bekannten Melodie. – Sie erschrecken schön, wenn man will. – Um alles in der Welt wünscht' ich mir keine Frau, die nicht leicht erschräke. Schamröte und Erschrecken liegt bei ihnen in einem Bezirk. Eins borgt vom andern; beides kleidet das schöne Geschlecht. – Es ist extra fein Postpapier, wo alles durchschlägt.
Könnt' ich meine Leser und Leserinnen doch in den Saal selbst und weiter einführen! Könnt' ich's doch! Todespracht überall! Wahrlich Todespracht. – Mir war's oft, als hört' ich einen dumpfen Ton: Mensch, du musst sterben! Wäre mir diese