pflegt? Da begraben die toten die toten! Wir fielen auf die toten- und Begräbnisslieder der Alten, die nicht so erbaulich waren, als: Ich hab' mein' sache' Gott heimgestellt; Ich bin ja Herr in deiner Macht, und das neue Todtenlied vom Jahr des Organisten in L –
Wir danken Gott für seine Gaben etc.
Die Todtenlieder der Alten waren weinerliche Lustgesänge, sagte der Graf. Ernst und Scherz, wie ist es zu erklären (das war das Wort, so der Graf suchte), wie ist's zu erklären, dass so kluge Völker in diesem Stücke so unklug sein konnten? Diese Gesänge, diese Nänien, die Hanswürste und Gaukler, diese Klageweiber, die so lachen konnten, dass alle Welt es für Weinen hielt, wie ist's in rerum natura, wie ist's erklärbar? Wie lachen und Weinen zusammen!
Nachbild der Welt, sagt' ich, oder mein Vater.
Doch ich will bloss den Inhalt eines langen Gesprächs geben, sonst würde' ich zu weitläufig werden.
Dieses Leben, fing ich an, ist lachen und Weinen. In einem Sack, setzte der Graf hinzu. Warum der Anstoss bei einem Universalwort, das fast in allen Sprachen ein und dasselbe bedeutet? Sack, sagt' ich dem Grafen nach, Dramas, weinerliche Lustspiele, würden wahre natürlich-warme Lebensdarstellung sein, wenn das Ende nicht lustig und der Anfang traurig wäre. Links und rechts, bald so, bald anders müsste es sein, das wär' ein Leben! – Lust- und Trauerspiele wären dann Kunst-, jene Naturstücke; nicht wahr? fragte der bloss mit dem kopf, weil von Lust- und Trauerspielen die Rede war, auf die sich der Gevatter so wenig, als auf die weinerlichen Lustspiele, kunstgerecht verstand. – Die Alten agirten beim Begräbniss das Leben, so wie sie bei allem, was ihnen gross, erbaulich, göttlich war – agirten. Es lag vielleicht ein hoher Sinn in ihrer Begräbnissmetode, wo Lust und Unlust zusammen waren und wechselten, wunderlich. Sie lasen den wahren Lebenslauf des Verstorbenen ohne Tropen und Figuren. Ihre Begräbnisse waren Leichenpredigt, Leichengesang für die so umher gingen. Seht da das Leben! seht! seht! fasst euch, wenn der Tod es fordert. Lasst Leben und Tod aus einem Stück sein, und soll Leben und Tod als etwas verschiedenes angesehen werden, macht, dass der Deckel zum Gefäss passe. Das beste ist, so sterben, als man lebt. Der wirklich Traurige, wenn ja ein Pickelhäring ihn aus der Fassung bringt und ihm ein lachen bereitet, welch ein bitterer Vorwurf folgt darauf! Die Freude der Welt wirket den Tod! – Das Leben ist so etwas Niedrigkomisches, dass es jedem klugen Mann ekelt zu leben. – Alle tote haben Ernst in ihren Gesichtszügen. In der andern Welt wird vielleicht das lachen kein solch' Hauptstück des Lebens sein; da wird das lachen werden teu'r! Diess und das könnte vielleicht ein teil von dem hohen Sinn sein, der in den Begräbnissen der Alten entalten ist. Wir läugneten, dass dieser Sinn eben so hoch läge, indem jeder ziemlich leicht, und ohne auf Zehen dazu kommen könnte.
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Wir ehren sehr Leute, die sich durch den Tod nicht aus dem Concept bringen lassen; freilich trifft ein gewisses gesetztes Wesen, das dem Tod entgegen kommt, mehr das Herz, wir schätzen auch Leute von dieser windstillen Art im Leben am meisten. Genau genommen ist nur der Umstand verehrungswert, dass wir nicht stecken bleiben – dass es so aussieht, als lebten wir in eins weg. – Des Tomas Morus letzte Worte sahen wie Tischreden aus, und wahrlich, er starb wie ein Mann. Sobald, sagte der Graf, ich einen leichtsinnig sterben sehe, der so lebte – sage man mir nichts über den Leichtsinn; ich nehme dieses Wort im guten Sinn. Man könnte diesen Sinn, um ihn zu verstehen, auch Leichtsinn nennen. – Noch hab' ich dergleichen Sterbende nicht gefunden. Denn Witz und Sinne sind in einem besonderen geheimen Einverständniss. – B e v o r d i e F r a g e : w i e w i r s t a r b e n ? b e a n t w o r t e t w i r d , sagte Epaminondas, k a n n m a n n i c h t s a g e n , w e r v o n uns die meiste achtung verdient. – Niemand ist vor seinem tod glücklich, niemand bei seinem Leben gross. – Mensch, bedenke das Ende! Aber, fing der Graf an und wandte sich an mich, warum so viel Leid um unsere toten? Sie gehen keinen Schritt vorwärts und werden vom Schmerz angehalten, sobald der Name Mine vorkommt. Ich habe viel äussere Trauer an mir, als da sind z.B. die Pleureusen an meinen Briefen – und mich hält nichts an, und was eigentlich hieher gehört, h a t n i c h t s a n g e h a l t e n . Ist denn der Tod nicht bloss vorausgezogen? Er hast Extrapost genommen, wir gehen mit eigenen Pferden. Werden wir denn nicht zu ihm kommen? Je stiller der Durchgang, je besser! Ich für meinen teil liebe sehr die Reisen incognito, ohne Geräusch. Warum wollen wir denn nicht