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christlichen Ende Handgeld beibringen. Kein Jude hat mir noch das Vergnügen gemacht, in meinem haus zu sterben. Mein Haus ist ihm unrein, obgleich er selbst so unsauber ist, dass ich ihn für einen Cyniker halten würde, wenn er nicht ein Jude wäre. Ich habe zwar nach Anzahl der fünf Bücher Mosis fünf Juden sterben gesehen; allein bis auf einen nur sterben gehört, vier starben hebräisch, sie hatten den Tod auswendig gelernt, und beteten ihn so her, wie die Nonne den Psalter. Beim Amenweg waren sie. Den fünften hab' ich observirt, dessen Aeusseres zwar jüdisch schien, sein Inwendiges aber war gottgläubig deistisch, und also gehört er eigentlich nicht in die Judengasse. Barba non facit Philosophum. Der Bart macht keinen Juden.

Wir kamen einen Sabbaterweg von unserer eigentlichen Strasse ab, und ich hatte gelegenheit, von dem jüdischen volk die Meinung meines Vaters anzubringen. Hat der göttliche Judenbekehrer diess Volk nicht einlenken können, musste er seinen Stab S a n f t zu den Heiden übersetzen; warum wollen wir bei einem so schlechten Beispiel, das w i r den Juden in den meisten Christen darstellen, mehr erwarten? Des Herrn Reich wird kommen, der Tag, den Gott allein machen kann, einbrechen, da trotz des bärtigen und unbärtigen Gottesdienstes, e i n e Heerde und e i n Hirte sein wird. – Der gute Prediger aus L – hatte viel überhaupt, besonders aber wegen der Sünde wider den heiligen Geist dagegen, welche sich im eigentlichsten Originalverstande das stockblinde jüdische Volk, wie er versicherte, zu Schulden kommen lassen; indessen musste er die Juden für Archivarii, für Siegelbewahrer der christlichen Religion, anerkennen, und der Graf lenkte mit dem Umstande ein, dass er die vier hebräisch gestorbenen umgekehrt in das Buch der Sterbensläufe eingetragen. Der fünfte stand in einer Reihe mit den Gottgläubigen. Ich habe, sagte der Graf, alles nach Ortsumständen und gelegenheit eingerichtet, und zwei Klassen gemacht. Hier zu meiner Rechten Christen, zu meiner Linken Gottgläubige. Muhamedaner gehen diese Strasse nicht; warum also? – Hier ist noch ein Simultanstübchen, wo Socinianer, Pelagianer, Semipelagianer, Berliner und Semiberliner (wie der Prediger – – in – – die neueste Ketzerei nennet) bleiben können. Es sind indessen nur zwei Socinianer hier unsanft entschlafen; die meisten haben sich zu einer der grössten Klassen ohne meine Mitwirkung bekehret und sind auf Prima oder Sekunda, ober zur Rechten oder Linken gestorben. Ich selbst bin ein Christ, mache mir eine Ehre daraus, und alle rechtschaffene Primaner erkennen mich dafür.

Ha, fing der Graf wie aus einer frischen Champagner-Bouteille an: meine Mode ist vielen ein Geruch des Todes zum tod. Sie spotten mein und belegen mich mit apokryphischen Schandnamen. Es sei also, ich achte alles für Schaden gegen diese überschwengliche erkenntnis; Sterben ist mein Gewinn; ich schätze mich selbst noch nicht, dass ich's ergriffen hätte. Eins aber sag' ich, ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich zu dem, was da vornen ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziele, nach dem Kleinod. – Zwar läugne ich nicht, dass die Kranken- und Todeswärter auch Träger von je her eben nicht in grossem Ansehen gestanden, und dass schwerlich, so lange die Welt steht, ein des heiligen Römischen Reichs Graf und Herr sich damit beschäftigt haben dürfte, aber dafür hab' ich auch die Ehre, der erste in dieser Art zu sein. Es ist wahrlich ein Stück von Adam in seiner paradiesischen Pracht und Herrlichkeit, wenn man auf einem Wege der erste ist! Es liegt etwas Göttliches darin. Zwar wenn vom Stammbaum die Rede wäre, fing der Graf in einem hochgebornen Ton an, möchte' ich sehen, wer einen entferntern erstern hätte, als unser Haus. Ich nehm' aber meinen ersten im andern Sinn. Auch der letzte ist mir ehrenwert. Der letzte zu sein ist zwei Drittel weniger köstlich, indessen besser als alle, die vor sind, bis auf den hohen ersten. – Adam und Eva wurden nicht geboren, und die den jüngsten Tag erleben, werden nicht sterben. Ich möchte' ihn schon nicht erleben, den jüngsten Tag, denn ich habe Lust abzuscheiden. Ich habe die Ehre den Tod zu kennen, und kann wohl sagen, dass ich ihn lieb habe, so lieb wie mein Leben und mehr.

Der Graf sprach dieses nicht im Ausforderungstone, sondern so kalt wie der Tod. Er hatte schon die Weise des Todes angenommen. Ich hatte, ihm seine obige Anwendung längst verziehen und war froh, einen solchen Sterbensmann kennen zu lernen. Ich möchte bei dem allen wissen, fing der Graf von frischem an, wie es zugehe, dass Leute, welche alsdann, wenn uns oft die besten Freunde untreu werden, uns zu Diensten stehen, so wenig geachtet wurden und noch werden. Die natürlichste Ursache, erwiderte ich, da der Graf wirklich inne hielt, weil der Mensch ohne Seele nicht viel ist. Es hinkt und stinkt mit ihm, pflegte meine Mutter zu sagen. Da es nun endlich mit uns allzusammen auch einmal hinken und stinken wird, so scheint das Leichenbegängniss, woran alles ohne Anstoss, ohne capitis diminutio teil nimmt, eingeführt zu sein, welches bei allen gesitteten Personen von jeher üblich gewesen. – Hierdurch wollen wir unsere Entfernung von der Leiche, unsere Verachtung selbst gegen die, so ihr nahe blieben,