würden, und wie konnte' er leben? Er hatte, wie Simson, seine Stärke in den Haaren. Man nannte ihm Völker alter und neuer Zeit, die sich zur Zierde der Haare entäusserten; allein nichts – er ward krank und starb so ruhig, als wenn ihm im tod die Haare wieder wachsen würden! – Du armer Absalon! Bist du denn in keinem Gebeinhaus gewesen? Hast du denn keinen gebleichten Schädel gesehen? Ich nenne so etwas auf Gottes Bleiche liegen, sagte der Graf im vertraulichen Lehrton, in den er oft fiel! und wahrlich! wir werden durch den Tod ausgewaschen. Wenn ich einen alten Mann, ich sage mit Fleiss alten Mann, mit einer Glatze, mit einem Todtenkopf sehe, denke' ich, der Mann ist schon dem Himmel näher als ich. – Wie gefällt ihnen die geschichte von Absalon, der wahrlich an den Haaren starb? – O Freunde! Nicht wahr, von vielen, von vielen Sterbenden kann man sagen, sie bleiben an einer Eiche hangen? Nicht wahr, Gevatter Prediger?
Bis dahin hört' ich den Grafen mit Vergnügen; da er aber zur Nutzanwendung überging und mir ganz zu verstehen gab, dass Minens Verlust von der nämlichen Art wäre, ward ich über diese Kälte, über diese Todeskälte des Grafen, wegen meines unersetzlichen Verlustes ungehalten. – Es schicken sich wenig Leute, dachte' ich, zur Nutzanwendung. – Ich wandte mich zu unserm W e i n e n d e n und H e u l e n d e n , und verlangte den Uebergang von der geschichte des eben Verstorbenen zu dem Herzen des Sargtischlers – Dieser Weg, dachte' ich, muss sehr gerade gehen. Der junge Mensch, fiel der Graf ein, hat ein Mädchen, die ihm seine Eltern verweigern, weil sie reich sind. Ihre Eltern sind reicher als wir alle – – sie sind tot. – Er hat nicht nötig in meiner Werkstube zu sein; allein er arbeitet für Protektion, er glaubt, mein Fürwort könnte hinreichend sein, seine Eltern zu bequemen. – Und wenn das nicht, fuhr ich fort, so haben der Herr Graf Mittel und Wege, das arme Mädchen zu bereichern, und hier gleich und gleich zu machen. Ha, dachte' ich, das ist für deine Kälte, Hochgeborner Herr. Anwendung für Anwendung. Schon recht, junger Mann, erwiderte der Graf; allein wenn ich die Vorurteile der Eltern befriedigen sollte, hätt' ich dann für die Ewigkeit gesäet? Wahrlich, ich hätt' auf Fleisch und nicht auf den Geist gesäet – und am Ende, wenn ich jedes Mädchen bereichern sollte? – Ich ärgerte mich, und vorzüglich, weil der Mann bei seiner Todeskälte wieder Recht hatte. So ist, glaube' ich, das Recht überall. Man fasst Eis, man fasst den Tod an, nicht das rechte Recht ist so kalt, sondern das Weltrecht, mit dem man so selten zufrieden ist, dass man fast lieber Unrecht wünscht, um wenigstens laut schelten zu können. Das Weltrecht ist aus dem Codice genommen, der tot an ihm selber ist. Das rechte Recht aus dem lebendigen Specialfall, der eben vorliegt. – Ein haarkleiner Unterschied aus der Ursache, nicht aus der wirkung, wie ändert er die Sache! Casus in terminis. Welch ein dummdreistes Kunstwort! Ist euch, ihr hochverordneten Rechtskauer, das Principium indiscernibilium denn ganz und gar unbekannt, und, um euren Collegen ein lehrreiches Exempel darzustellen, einen wirklichen casum in terminis, tut der Arzt nicht wenigstens, als ob er dem lebendigen Specialfall, der eben vorliegt, nach dem Leben, nach dem Puls fasst, obgleich auch er nach dem Corpore Juris Hippocratesiano sein Urteil formt?
Der Graf setzte diese Unterredung, ohne dass ich es ihm nahe legte, fort. Ich hoffe, sagte er, die Eltern des Weinenden und Heulenden weichherzig zu machen, und dann hab' ich alles aus der ersten Hand; wenn ich sie ausstatten sollte, hätt' ich's aus der zweiten, wo nicht gar dritten. Die erste Hand ist mir immer die beste und sicherste. Ich liebe, fuhr der Graf fort, Heiraten zu stiften; denn wo würde' ich sonst gelegenheit zu Särgen vorfinden? Dieser Sonnenschein, den der Graf auf unsern Weinenden (ein Heulender zu sein, hatte' er ohnedem schon aufgehört) schiessen liess, trocknete seine Tränen, er hobelte weiter, ohne seinem Herzen mit seinem Hobel zu nahe zu kommen, und ihm einen Gnadenstoss beizubringen.
Der Graf bat näher zu treten, und ich weiss auf Ehre nicht, ob es meinen Leser und Leserinnen angenehm sein werde, näher zu kommen. Sie kennen den Grafen so gut, wie ich, und wissen so gut wie ich, dass ich sie nicht nach Arkadien begleiten werde. Der Graf würde in Egypten zu der Zeit recht an Stell' und Ort gewesen sein, da in jedem haus ein Todter war, und was noch mehr ist, die kernfrische Erstgeburt. – Der Graf schien in seinen Todes-, Hör- und Sehsälen sehr tolerant. Es sterben Christen und gottgläubige Deisten bei mir, sagt' er. Wenn gleich ich, mit Gottes hülfe, wie ein Christ zu sterben der festen Zuversicht lebe, so will ich doch mein Haus zum Sterbehaus und nicht zur Mördergrube machen, das heisst: ich will nicht Christen werben, und ehrlichen Heiden in meinem Obdach zum erbaulich-