Er verlor Spannung und Kraft. Das Handwerkzeug entfiel ihm. – Das Rührendste war immer, dass er sein Gesicht in ein Stück seiner Schürze verhüllte. Diess ist ein wohlhergebrachtes Zeichen der Traurigkeit. Wir verhüllen uns, als ob wir der Welt entsagen und uns auf uns selbst einschränken wollten, als ob der Fall zu schwer wäre, um ihn fassen – selbst um ihn sehen zu können. Wahrlich dieser Vorgang hobelte nicht nur dem Sargtischler das Herz ab – ich war, wie er, hin! Er schluchzte unter der Schürze! – Freund! fing der Prediger an, man sieht und hört es ihm an, dass er beim Herrn Grafen das Sarghandwerk noch nicht ausgelernt. – Es wird sich geben – ist er denn nicht auch sterblich? – Seine Mitarbeiter, die sich bis dahin nicht einen Augenblick abhalten lassen, kamen jetzt zusammen, als kämen sie zur Kirche. Einer nahm ihn an die Hand, ein anderer streichelt' ihm den Arm, ein dritter legte seinen Kopf auf seine Schulter, als ob er ihm Trost ins Ohr sagen wollte; der vierte, der unempfindlichste, wollt' ihm den Vorhang wegreissen. Unser Betrübter hielt die Schürze fest vors Gesicht. Dieser vierte schien es eben so gut zu meinen, wie die drei andern; allein wer den Menschen kennt, wird es finden, was für eine grausame Beschämung es für unsern Weinenden gewesen wäre, wenn er uns alle ins Gesicht bekommen hätte. Der Mensch scheint sich in dergleichen Fällen zu schämen, dass so viele Leute gefasst sind, nur er nicht. – Ueberhaupt sieht man selten den Tröster an, es wäre denn, dass viele Trostbedürftige zusammen sind; dann überträgt einer den andern in Rücksicht dieser Beschämung. – Der vierte riss wirklich endlich die Schürze herab – wie konnte der Traurige lange widerstehen? Schmerz macht schwach. – Unser Weinender machte indessen die Augen ganz dicht zu, und da stand er jämmerlich. Der erste nahm dem vierten die Schürze aus der Hand und gab sie dem Weinenden wieder. – In dieser Handlung traf uns der Graf, dem des Predigers und meine Ankunft gemeldet war! – Alles blieb, wie es da stand. Niemand kam dieses Ueberfalls wegen aus seiner Stellung. Niemand schlich sich an seine Werkstätte, alles schien an Ort und Stelle, selbst unser Betrübter nicht ausgenommen, der Mittelpunkt dieser Scene. Was da? fragte der Graf, nachdem er den Prediger und mich mit einem guten Morgen begrüsst oder beherzigt hatte. – Der Prediger nahm das Wort: – F e r d i n a n d hat den Einwohner des Hauses sterben gesehen, das er baut! Nun, sagte der Graf, Fassung, Ferdinand! Begrab' ich denn nicht alle, die ich sterben sehe? Leim' ich nicht hier und da selbst ein Leistchen an den Sarg? Der junge Mensch, der hier einziehen soll, hatte ein frommes, gutes, edles, warmes Mädchen, das ihm starb. Sie starb und er – ihr nach. Gott, in deine hände befehl' ich meinen Geist, dachte' ich tief im Herzen. Der junge Mensch hatte eine M i n e , fuhr ich fort im Herzen zu denken, und war froh, dass Gram und Kummer wegen verunglückter Liebe so lang' am Herzen nagten, bis es durch und durch ist, bis man nachstirbt. Mein Auge sah gegen Himmel starr. Ha, sagte der Graf, der mich bei der Hand nahm, da haben wir's. Gelt! wenn Sie einen Sarg für diesen Jüngling machen sollten? Gern, griff ich ein, sehr gern. Das glaube' ich, erwiderte der Graf. Sie würden nicht weinen und heulen. Nein, sagt' ich, ich würde' es nicht – nicht einen einzigen Tränentropfen, nicht einen. – Das glaube' ich, erwiderte der Graf, der stirbt gern, sehr gern, den diese Welt nicht entschädigen kann, es sei in Wirklichkeit oder in Einbildung. So hab' ich einen jungen Menschen gekannt, der mit Freuden dem tod entgegenging, weil er die Zierde seines Haupts, seine Haare verlor. Er hatte sie so schön wie Absalon; allein eben so leicht, wenn er's bedacht hätte, eben so leicht wie Absalon, hätt' er an einer Eiche hängen bleiben können. – Eine Krankheit raubte ihm diese Zierde, gegen die ihm der Tod wie gar nichts schien. Er erholte sich zusehends. Kein vernünftiger Arzt entdeckt dem Patienten die erste Erholungsspur. Diess würde heissen, auf dem Richtplatze Pardon erteilen. Alle Affekte sind schon an sich dem Menschen schädlich, Freude so gut als Leid. Ein Stück von Fieber ist immer dabei, und wer ist wohl zu solchen plötzlichen Uebergängen aufgelegt? Nun war unser Absalon so weit in der Besserung gediehen, dass er sich nicht mehr auf dem Richtplatze befand, und nun kam der Arzt mit der frohen Nachricht, dass er und der Tod geschiedene Leute wären. Leben ist ein frohes Wort! ich setze ewig dazu, wenn ich mich freuen soll. Bei den meisten Leuten ist das Wort leben schon genug.
Froh blickte unser Kranker auf, und sein Hauptaar war das erste, mit dem er sich befreuen wollte. Er war mit ihm am mehrsten verwandt – allein es war dahin, und siehe da, er wollte nicht leben. Man hatte ihn zu voreilig versichert, dass seine Haare entweder nie wieder, oder wenigstens sehr spät, aufgehen