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über unserm haupt sein, Freude und Wonne wird uns ergreifen und Seufzen wird weg müssen! Gott wird uns wiedergeboren werden lassen zu einem unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das im Himmel ist.

Das erste Grün war uns eine Hieroglyphe ihrer Auferstehung. Es kam uns vor, als richtete Mine sich auf, und nie ist das erste Grün so bewillkommt worden als dieses! – Es kam von Minen! – Sie war handgreiflichso kam es uns vor. Wir hatten ihre Grabeserde so gelockert und bearbeitet, dass sie wie ein Gartenacker aussah. Sie lebt, rief ich eben so entzückt, als wie ich sie fest an mein Herz drückte und ein warmer, lebendiger Odem sich aus ihren Lippen drängte. Sie lebt! rief ich, und Gretchen rief auch: Sie lebt! – Wahrlich, lieben Leser! diess alles war mehr als arkadische Gärtnerei. – Es lag ein Sinn in dieser Hieroglyphe.

Wenn man sich acht Tage so auf dem Dach ist, als ich dem guten Prediger, hat man sich weg. – Die Bücher sind Lexika, nach Beschaffenheit der Umstände Real oder Verbal. Mehr kann ich ihnen nicht zugestehen. Mensch, lerne dich! Welch ein grosses Wort, sagten wir beide, der Dekanus, der die vorige Nacht Grossvater geworden war, und ich, der ich nicht viel wenigerStudent werden sollte. Wahrlich! ein grosses Wort! – allein, welch ein schweres Wort zugleich! Der Vater lernt sich erst in seinem Sohne kennen. Niemand will in sich hinein; ausser sich herumzuschweifen, hat der Mensch eine so eingefleischte Lust, dass er gern unstät und flüchtig ist. Sein eigenes Haus brennt dem Menschen überm Kopf, er fürchtet, in sich hineinzublicken, wie Kinder, in einem Zimmer allein zu schlafen. Darum die Geselligkeit. – Wenn ich an diese güldene Regel komme: M e n s c h , l e r n e d i c h , bin ich in meiner Heimat. Die Teologen nennen das Selbstverläugnung, was wirklich ein grosser teil von Selbstkenntniss ist. Man muss sich absterben, um sich aus den toten hervorgehen zu sehen, und solch ein Erstandener, das bist du, Selbstkenner!

Es kam zwar in unsern Lektionen der Herr Graf sehr oft und viel vor; indessen dachten wir nicht anders an ihn, als exempli gratia (zum Beispiel). Freilich hätten wir auch auf einen Besuch, den wir ihm schuldig waren, fallen sollen, und des Predigers Pflicht wär' es vorzüglich gewesen, sich und mich daran zu erinnern, da der Graf ein Stück von seinem Kirchenpatron und sein Wohltäter war. Auf einmal ein Brief mit Pleureusen vom Hochgebornen Nachbar. Eine Einladung auf morgen, sagt' ich. – Das nicht, erwiderte der Pastor und bemerkte zugleich, dass der Graf niemals jemanden auf einen gewissen bestimmten Tag zu sich bäte. Er lebt in diesem Stück, setzte der Prediger hinzu, wie man stirbt. Es muss ihm alles unvermutet kommen. Wer kann, soll er sagen, einen über zwei, drei Tage, auch wohl mehr, zur Mahlzeit einladen? Diese Nacht kann man deinen Appetit von dir fordern! Sehet zu, wachet, denn ihr wisset nicht, wann es Zeit ist. Wer sterben lernt, muss so und nicht anders leben, sei des Grafen Losung, die er übte, wo es sich nur irgend üben liesse.

Wie gesagt, der Brief war nur eine Erinnerung an unser Versprechen. Wenn bewirten so viel heisst, als den Gast zu dieser Aufnahme durch eine Einladung vorbereiten, so hat der Graf noch in seinem Leben keinen aufgenommen und bewirtet. Es ward beschlossen, den folgenden Tag dem Grafen zu widmen, und damit mir alles desto unerwarteter sein möchte, liess mich der Prediger in Absicht der Einrichtung des gräflichen Gebeinhauses in wohlgemeinter Unwissenheit. – Die Predigerin wollte mit, es gefiel ihr dort unaussprechlich, und gern hätte sie es in ihrem haus ins Kleine gebracht, was dort im Grossen war. Der Prediger und Gretchen konnten nicht aufhören zu steuern und zu wehren, damit dieses Miniaturstück unausgeführt bliebe. – Der Prediger schlug seiner Frau eben darum auch ab mitzufahren. Der Prediger und ich fuhren früh aus, um zeitig in – – zu sein. Gretchen blieb bei ihrer Mutter. – Wie sehr freu' ich mich, diesen Grafen besucht zu haben! – Der Prediger aus L-, der schon im gräflichen haus bekannt war, führte mich sogleich in ein Zimmer, wo Särge gearbeitet wurden. Es war das Bedientenzimmer; denn niemand als ein Sargtischler, wie der Graf mich selbst nachher versicherte, wurde in seinen Dienst auf- und angenommen. Es wurden beständig Särge gearbeitet. Der Graf diente armen Leuten aus seiner Sargfabrik. Jetzt war kein Provisionssarg in Arbeit. Der Sargtischler hatte Tränen in den Augen, wie der in Curland, den meine Mutter des Todes Zimmermann nannte, und der in seiner Gewerksstube herzlich weinte, wenn er einen Sarg für einen Redlichen im land erbaute. Gott, sagte der Weinende und wandte sich zu seinem Beichtvater, meinem Reisegefährten: Ach Gott! lieber Herr Pfarrer, der künftige Einwohner dieses Hauses hatte ein schönes Ende! Das letztemal, dass ich für jemand einen Sarg mache, den ich sterben gesehen! Mag es tun, wer's kannich nichtich hoble mir das Herz ab.

Dieser Ausdruck, der ihm, wie man deutlich sahentfuhr, schlug ihn nieder.