lasst uns allerseits auf unsere Knie fald u b i s t E r d e , b e d e n k e d a s E n d e ! Betet also, als betet ihr zum letztenmale:
Vater unser etc.
(Ende der Beilage B.)
Der Prediger erinnerte sich an seine Pflicht, der Regierung nach Königsberg von dem erfolgten tod unserer Seligen Nachricht zu erteilen. Ich schrieb an meine M u t t e r und an meinen V a t e r , an B e n j a m i n und an H e r m a n n . Ich läugne es nicht, dass der Brief an meine Mutter mit Bitterkeit gewürzt war; der an Hermann war gewissensrührig. Ich bestätigte alles, was Mine in meinem Namen versprochen hatte; ich forderte nicht ihr Blut von seinen und des v. E. Händen, allein ich forderte den Hermann auf, zu bedenken zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene. Bald würde' es vor seinen Augen verborgen sein, wenn der Richter der Lebendigen und der toten sein Gericht eröffnen würde.
Um Minens Grab ward ein viereckiges Bollwerk geschlagen, welches man in L – einen Kranz nannte. Es war nichts weiter darauf geschrieben, als:
W i l h e l m i n e – –,
g e b o r e n z u – in Curland,
g e s t o r b e n z u L – in Preussen.
Wer so stirbt, der stirbt wohl!
Acht Tage blieben wir so versammelt, so ein
mütig, so bei verschlossenen Türen, wie die Jünger, da ihr Herr und Meister sich ihren sichtlichen Augen entzogen hatte. Wir sprachen von Minen und gingen Hand in Hand zu ihrem grab. Mine war der Mittelpunkt aller unserer Unterredungen, bis auf die Abhandlung v o n d e r S ü n d e w i d e r d e n h e i l i g e n G e i s t , worin sich weder Gretchen noch ihre Mutter mischte. So oft ich allein zu Minens Grab wallfahrtete, begegnete ich Gretchen, die mir nie im Wege war.
Fussnoten
1 Bei dieser Stelle finde ich angemerkt: unwörtlich. Die Feinheit des Originals kann nicht erreicht werden. 2 Dieses Stück war Gretchens, des Predigers Tochter in L–, Liebling. Sie besass es, wie sie sich zu mir ausdrückte, schriftlich und mündlich; sie hatte es abgeschrieben und wusste es auswendig. – Das gute Mädchen fand etwas Aehnliches von der mütterlichen Linde darin.
Dritter teil.
Erster Band
Wir sprachen kein l e b e n d i g e s Wort; – als ob's t o d t e gebe? nach der Weise von toten und lebendigen Sprachen? – Wenn man lebendige Worte tätige, mit Handlungen verbundene nennen wollte, würden freilich auch tote Worte sein. O den toten! Gott ehre mir Leute, die Hand und Mund zugleich bewegen, pflegte mein Vater zu sagen. Freilich deutete er diesen Ausspruch auf Güte des Herzens und Mildtätigkeit; allein er ehrte auch das Symbol und hatte die Gewohnheit, die Hand mitsprechen zu lassen.
S e u f z e r , h a l b e r d r ü c k t e A c h s nennt nicht t o d t e W o r t e , ihr Wortkrämer! denn die gelten mir mehr als eure Klagelieder und Condolenzen. Wenn es auf Achs kommt, löst der Geist den verstummten Leib ab, drängt sich vor, vertritt ihn und lässt sich allein hören. Es gibt unaussprechliche Achs! – Abba, mein Vater! – die Cartäuserparole: bedenke das Ende! war gewöhnlich unsere ganze Unterhaltung. Gretchen und ich hatten das meiste eingebüsst; war es Wunder, dass unser Schmerz zuweilen bis aufs memento mori die Sprache verlor? dass der Geist das Wort nehmen musste? In wenigen Tagen sahen wir etwas Grünes auf Minens grab das Haupt emporheben, und das war uns so willkommen, als wenn Minens Leib, diese Gottessaat, schon aufginge. Gretchen küsste diess erste Grün und betaute es mit ihren Tränen. Sie war neidisch auf Tau und Regen, und wollte diese Erstlinge durchaus nur mit Tränen auferziehen. – – Mich hatte die Empfindung beim Anblick dieses ersten Grüns gelähmt. Es war mir, als säh' ich ein Stück von Minen. Am Kopfende schoss dieses erste Grün hervor. Den Noah konnte der Oelzweig nicht so entzücken, als uns dieser Aufschlag aus einem Gebeinhause. Entweder war der gute Prediger so voll von seiner Abhandlung, oder er legt' es geflissentlich dazu an, mich zu zerstreuen; denn eh' ich's mich versah, liess sich der Schriftsteller hören. Ja wohl, e r l i e ss s i c h h ö r e n .
Vor dem Begräbnisse war dem guten Prediger selbst Minens Andenken, ebenso wie uns, E i n u n d A l l e s . Nach der Beerdigung trat er zwar auch die meiste Zeit unsern Empfindungen bei; indessen konnte' er zuweilen nicht umhin eine Störung zu machen, wenn wir uns Minens letzte Lebenstage ins Herz hineinmalten, einbildhauten. Da galt es denn den Stuhl, auf dem Mine am liebsten gesessen; jeden Ort, wo sie an mich gedacht, wo sie voll Hoffnung, mich zu sprechen, gewesen – wo ihr diese Hoffnung den Dienst aufgesagt, wo sie die Schwäche