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geben und wohl bedenken, dass nicht wir, sondern er durch uns regiert; daher werden auch die Schulzen und Landgeschwornen, wie die liebe Obrigkeit all' zusammen, Götter der Erde genannt. – Der liebe Gott hat's nicht verboten, in den Krug zu gehen und ein Gläschen zu trinken und Hannchen herumzudrehen, wenn es nur des Sonntags ist, nichts dabei versäumt wird und alles in Züchten und Ehren bleibt. Pfui, wer wollte sich betrinken, um vergnügt zu sein, wer sich die Augen verbinden, um desto besser zu sehen!

Seht, lieben Freunde, so ist das Leben eine Mahlzeit.

Es gibt aber auch bei jeder Mahlzeit mancherlei und manches, was unangenehm ist. Wo Weizen ist, da schleicht sich auch Unkraut herein, wie in unseres Herrn Pfarrers Weizenland. Gott wolle geben, dass in seiner Gemeinde weniger Unkraut sei, als diess Jahr auf seinem Acker. – Sonst würden die lieben Engelein zu jäten kriegen, und es würden nicht viele in Frieden und Jauchzen eingeführt werden in die Scheuerndas ist auf den Kirchhof, den ich für des lieben Gottes Scheuer ansehe.

Wir essen im Schweisse des Angesichts, wir essen, was wir sauer verdient haben. – Ich kann zuweilen das Brod nicht ansehen, ohne dass mir der Angstschweiss ausbricht; denn ich weiss, was es mir gekostet hat. Wenn man nur bedenkt, was der liebe Gott erst mit dem Brode für Wege geht, eh' es Brod wird. Wer kann es ohne Sorgen essen? Und mit dem Hemde, eh' es ein Hemd wird. Wer kann es ohne Seufzer anziehen? Gott weiss, wie es kommt, man sorgt am liebsten am Tische und sieht auf die Erde, obgleich man dankvoll gegen Himmel sehen sollte. – Man sieht alle um sich herum, die Nahrung und Kleider haben wollen, und das bringt uns in einen Gedankenwald. – Oder man glaubt vielleicht, sich das Sorgen leichter zu machen, wenn man bei Tische sorgt; allein man macht es sich schwerer, denn man wird dadurch untätig, und anstatt dass man die verlorenen Kräfte ersetzen sollte, verliert man ihrer noch mehr. – Es ist so, wie ein unruhiger Schlaf, der mehr schadet als nützt, man ist nach ihm noch schläfriger. – Wenn man einmal ins Sorgen hinein kommt, findet man sobald nicht heraus. – Mein College in B-, der in seiner Jugend Barbier gewesen, ist bis zur Verzweiflung betrübt, dass er nicht so viel Bücher hat, als sein Pfarrer. Und ich sag' oft und viel zu meiner Frau, dass ich Gott für dreierlei besonders danke, nämlich, dass sie ein treues, fleissiges Weib ist, die ihre Finger ins Kalte und ins Warme steckt, wie ihr sie alle kennt; dass mein Acker nicht der schlechteste ist und seinen Organisten schon nährt, und dass ich nicht viel Bücher habe; denn wahrlich, Bücher stehlen einem das Leben unter den Händen weg. Freilich muss man der Bibel Gesellschaft machen, ausser dem Gesangbuch, das in Absicht der Bibel wie Mann und Frau, Bein von der Bibel Bein, Fleisch von der Bibel Fleisch ist, von dem man sagen kann: Man wird es Männin heissen, weil es vom Mann genommen ist. – Ausser der Bibel und dem Gesangbuch hab' ich acht bis neun Bücher. Was will aber der liebe Herr Amtsbruder mit mehr? Mit Bibel, Gesangbuch und Luters Katechismus kann man schon haushalten. – Wenn ich lese, dann lebe' ich nicht, sondern der, so das Buch geschrieben, lebet in mir. – So ist es aber mit dem verdammten Neide. Da lob' ich mir doch noch Sünden, bei denen man seine Lust hat und die man mit lachendem mund tut, denn da ist doch noch etwas dabei. Aber der Neid, der Zorn und dessgleichen sind so traurige, so milzige Laster, dass man gar nicht begreifen kann, wie man zornig und neidisch und dergleichen ist. Bei jenen ist man auf der Hochzeit und Kindtaufe, bei diesen auf Begräbnissen. Man nennt daher diese letzten s c h w a r z e L a s t e r , und das v o n R e c h t s w e g e n , wie's in den Urteilen steht, dass Gott erbarme!

Für solche Sorgen, wie mein College, der gewesene Barbier, sich aufbindet, bin ich zwar sicher; allein ich hab' andereund meine neun Kinder alle mit Magen wie Kornsäcke. – So was will gefüllt sein. – Ich mag mein Aemtchen berechnen, wie ich will, über zweihundert Gulden dresch' ich nicht heraus. Wenn noch so eine gute Ernte gewesen und ich noch so viel Leichenabdankungen gehalten, ist doch am Ende nicht ein Bund Stroh mehr, als zweihundert Gulden. Was das kostet, einen Sohn auf der Universität zu haben, das könnt ihr nicht glauben, liebe Nachbaren; indessen ist auch Waare dafür, und wenn Gott uns leben lasst, wird er künftige Pfingsten seine erste Predigt auf unserer Kanzel tun, wozu ich Jung und Alt hiermit zum voraus dienstlich eingeladen haben will. – Da wird man doch sehen, ob er weiss, wo er zu haus gehört. Da ich an diesen hoffnungsvollen Jüngling denke, werde' ich Mühe haben, die Mahlzeit dieses Lebens unschmackhaft zu finden. – Findet ihr nicht etwas Aehnliches zwischen ihm und dem tiefgebeugten Curländer?