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Welt, mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tisch bitten lassendas wird schmecken! Freilich werden nur bloss geistliche Gerichte aufgetragen werden, aber man sieht doch daraus, dass der liebe Gott selbst an Essen und Trinken denkt und wohl weiss, dass uns der Mund alsdann eher nach dem Himmel wässern werde, als wenn er gesagt hätte, wir sollten mit Abraham, Isaak und Jakob dort eine lange Predigt anhören. Wenn ihr so mit euern gesunden Kinderchen um den Tisch euch lagert und bei Sommerszeit Milch und bei Winterszeit Erbsen und Speck esst: o Nachbarn, mich hungert, wenn ich daran denke, und ich würde mich bei einem von euch gleich heute Abend auf frischer Tat zu Gast bitten, um meinen heutigen Vortrag recht lebhaft zu machen, wenn ich nicht bei dem Herrn Pfarrer gebeten wäre. Der Herr Pfarrer weiss schon, was einem Handlanger am göttlichen Wort zukommt, und ich versichere euch, dass ich dem Studenten begegnen werde wie meinem eigenen kind, obgleich er die Landesmanier nicht weiss und mir nicht die Ehre angetan hat, eine Leichenabdankung bei mir zu bestellen.

Seht, liebe Nachbaren, wie die Mahlzeit, so das Leben. Es ist, unter uns gesagt, recht gut zu leben. – Wenn ihr nicht arbeiten möchtet, würde' es euch wohl schmecken? Die wenigsten Vornehmen essen und trinken, sie tun nur so, als ässen und tränken sie; und dann am Sonntagedenkt nur noch an jenen Sonntag, wo wir des Morgens um vier Uhr ein Werk der Liebe und der Not verrichteten und dem Herrn Pfarrer sein Getreide wegen des bezogenen himmels in die Scheuer sammelten, und hernach, wiewohl nach der Predigt, unterm Schauer sassen und regnen sahen, und unser guter Seelenhirte mitten unter uns. Das ging: Prosit, Gevatter! und ich glaube, solcher Prosittage habt ihr viel gehabt.

Niemand ist schläfrig zum Todesschlaf. Jedes hat noch Luft ein Stündchen aufzubleiben. Alles will gern leben. Die lahme T r i n e im Hospital hätte gern noch einige Jahre gehinkt, und es ist gewiss und wahrhaftig so viel Hübsches, besonders im Sommer, in der Welt zu sehen und zu hören, dass man recht gern lebt. – Ich liebe darum vorzüglich den Sommer, weil so viel Leben drin ist. – Alles lebt im Sommer. Die ausgewachsenen Bäume sind für Vögel und Gewürme grosse Städte, so wie das Gras schlechte Dörfer und Gesträuch Kirchdörfer sind. – Manche Eiche könnte man wohl ein Schloss nennen; alles, wie man es nehmen will. – Mir hat noch keine Fliege einen Gedanken weggesummt, und es ist mir gleich nicht recht, wenn nicht ein paar in meiner stube sind. Kann sie ein so grosser Herr, als der liebe Gott ist, in seiner Welt leiden, so können sie doch wohl in meiner stube sein? Ich hab' es von einem sehr vornehmen Herrn, der bei einem Feste auch für seine Fliegen und Mükken Wein eingiessen lässt, um alles, was um ihn lebt und schwebt, zu sättigen und zu tränken mit Wohlgefallen. Seine Haustiere müssen alle ein Spitzgläschen Wein haben; allein das halt' ich, unter uns gesagt, unrecht, wenn man die Tiere zu menschlich macht. – Man wird schon einen Lazarus finden, warum also Fliegen und Mücken? Der Gevatter B r i e s e sprach mir gestern von der Grösse des lieben Gottes, und ich hatte den Einfall, dass der liebe Gott jeden Sperling, jeden Stieglitz, jeden Hänfling, jede Milbe, jede Mücke mit Namen zu nennen wüsste, so wie ihr die Leute im dorf: S c h m i e d ' s G r e ger, Brisen's Peter, Heifried's H a n s – Denkt nur, wenn der liebe Gott so jede Mücke ruft, die sich einander so ähnlich sehen, dass man schwören sollte, sie wären alle Schwestern und Brüder; denkt nur!

Kurz, lieben Freunde, der liebe Gott ist ein guter Herr, bei dem ihr dient, und seid ihr gleich auf Taglohn bei ihm, und ist die Welt gleich nicht verdungen Werk, hat gleich jeder Tag das Seine, und wird gleich nicht fürs Leben im ganzen Stück, sondern für jede Tagesabteilung Rechenschaft gegeben, was schadet es? Je kürzer die Rechnung, desto leichter alles übersehen. Wir sind wahrlich nicht in Egypten, wenn wir dem lieben Gott dienen. – Seid ehrlich. – Habt ihr wohl über eure weltliche herrschaft zu klagen, ob es gleich oft adeliche Egyptier gibt und unter den königlichen Beamten manchen pharaonischen Frohnvogt? – Der liebe Gott lässt jedem, was er hat. – Er nimmt nicht Zoll und Accise, nicht Hufenschoss und Vorspann, er will nur das Herz, das heisst, dass ihr das Eurige gut anwendet und euch all' zusammen für Schwester und Bruder haltet. Er gönnt uns Würden und Ehren und lässt den beim S c h u l z e n a m t , den einen L a n d g e s c h w o r n e n , den einen H a u s v a t e r sein und mich einen M i t d i e n e r am g ö t t l i c h e n W o r t e . Er will nur das Herz, das heisst: dass wir uns einander Gevatter nennen und nicht einer über den andern erheben und alle einander die Hand