nach seinem Ausdruck, i n d e m H e r r n e n t s c h l o s s e n w ä r e . Auch dieser gehörte vorzüglich auf die Rechnung des Grafen. Die Einladung beantwortete der Graf wirklich mit J a , weil er eben n i c h t s v e r s ä u m e . Auf alle Fälle wird mein Bruder (der alte Bediente) die nötige Sorgfalt übernehmen, schrieb er zurück. Seit sechs Wochen haben sich drei von meinen Sterbenden gebessert, oder soll ich nicht lieber verschlimmert sagen? Sie sind gesund geworden.
Minens Begräbnisstag war so schön wie ihr Sterbetag, als wenn sich diese Tage beredet hätten, gleich schön zu sein und sich einander nichts nachzugeben. Schon des Morgens ward geläutet, Nachmittags gegen fünf Uhr wieder; und diess war ein Wink, dass sich ein grosser teil aus dem dorf, Weiber und Männer, versammelten. Die meisten, nicht alle, waren schwarz gekleidet. Unter diesen zu Hauf Geläuteten war auch der Organist und einige wenige Kinder.
Diese letzten stellten sich paarweise vor's Haus und fingen das Lied an:
Was Gott tut, das ist wohlgetan,
welches die versammelte Gemeinde inbrünstig mitsang. Die Knaben und ihr Lehrer gingen darauf voraus mit dem lied:
Ich hab' mein' sache' Gott heimgestellt.
In der Kirche fanden sich alle Mädchen um Minchens Sarg zusammen, nicht mit Blumenkränzen, daran dachte niemand, der Fall war zu rührend, um ihn mit Blumen zu verderben. Sie sangen aus der Tiefe ihres Herzens; so beteten sie auch. Es hatten sich von freien Stücken zwölf Mädchen gemeldet, Minchens Leiche zu tragen und zu versenken; allein der Prediger liebte keine Neuerungen, und es blieb bei der Sitte in diesem Kirchspiel, dass die A e l t e s t e n i m D o r f e sie trugen. An andern Orten, bemerkte der Pfarrer, sind die Jüngsten Träger. Ich will es so lassen, wie ich es gefunden habe. Diese verliessen den Sarg, nachdem sie ihn vor den Altar gesetzt hatten, Stelle. Während der letzten Strophe des Liedes:
Amen, mein lieber frommer Gott,
Bescher' uns all'n ein'n sel'gegen Tod.
Hilf, dass wir mögen allzugleich
Bald in dein Reich
Kommen und bleiben ewiglich
trat der Prediger auf den Altar. Er hielt nach diesem Gesang eine Rede über die Worte aus der Offenbarung Johannis des dritten Kapitels eilften Vers: "Siehe, ich komme bald; halt was du hast, dass niemand deine Krone nehme."
Die herzliche Art, mit welcher der Prediger den Text behandelte, war alles, was ich von dieser Rede hörte oder eigentlich behielt. Ich war an Minens offenem grab.
"Schwer und leer," pflegte meine Mutter zu sagen, "was schwer ist, ist mehrenteils leer. In den alten Liedern ist immer die ganze weit und breite Brust, und in den Melodien die ganze Lunge. Wenn auch hier und da ein paar Sylben überlaufen – was mehr? Wenn du dazu weinst, Sänger, Sängerin, so läufst du auch über." Wer, wenn er singt, Triller schlagen und Cadenzen springen kann, bringt dem lieben Gott ein Ständchen, ehret ihn mit seiner Zunge und naht sich zu ihm mit seinen Lippen; allein sein Herz ist fern von ihm. – Diess Lieblingslied Minens, das sie sang, da sie aus ihres Vaters haus und aus ihrer Freundschaft ausging in ein Land, das Gott ihr zeigte, diess Lied, das sie mir so herzlich empfahl, kann keinen bessern Verteidiger, als meine Mutter haben. Es konnte kein angemesseneres bei dieser Leiche gesungen werden, und wie das Lied, so die Rede. Der Prediger hatte wenig oder nichts aufsetzen können. Diess hätte ich, wie es mir eben einfällt, nicht nötig gehabt, zu bemerken, nicht wahr? Es versteht sich.
Der Pastor wusste meiner Mutter Grundsätze, zu denen mein Vater den zweiten Discant sang. Mine hatte diese Grundsätze auf- und angenommen; schon in den Tagen, von denen es hiess: S i e g e f i e l e n i h r , noch mehr aber in den Tagen, von denen es hiess: S i e g e f i e l e n i h r n i c h t . Einem Leidenden scheint die Prosa zu hart, zu angreifend; er sehnt sich nach etwas M i l d e r e m , sagte meine Mutter, wenn sie von dem Drucke sprach, in dem sie lebte.
In dieser Rücksicht hatte der gute Prediger mehrere Liederstellen in seinem Sermon angebracht, den er mit einer Strophe aus einem alten Kirchenliede schloss:
Darum, du milde Erd',
Halt' dieses Pfand in Wert.
Was Gott zu Ehr'n erbaut,
Gott wird sein schön Bild in Lenzen
Des jüngsten tages ergänzen;
Mit Ehren wird es glänzen!
Es war ziemlich dunkel in der Kirche geworden, und diess war ein freiwilliger Beitrag zur Feierlichkeit. Dieses heilige Dunkel, noch liegt es vor meinen Augen und vor meiner Seele! – –
Nach der Rede ward eine Stille. Diess wirkte fast mehr auf mich, als alles. – Zu selten bedient man sich dieses Rührungsmittels.
Auf einmal fing ein Mädchen, das ganz weiss gekleidet war und das ich noch nicht gesehen hatte, allein zu singen an. Sie